Sie klauten «spontan» zehn teure E-Bikes
27.10.2026 BaselbietDiebesbande mit Miet-Lieferwagen, gefälschten Nummernschildern und Störsender vor Gericht
Alles andere als der «Zufall» oder eine Gelegenheit soll aus zwei Männern Diebe gemacht haben, die vor dem Strafgericht stehen. Die Staatsanwaltschaft sieht die beiden Polen ...
Diebesbande mit Miet-Lieferwagen, gefälschten Nummernschildern und Störsender vor Gericht
Alles andere als der «Zufall» oder eine Gelegenheit soll aus zwei Männern Diebe gemacht haben, die vor dem Strafgericht stehen. Die Staatsanwaltschaft sieht die beiden Polen als Vertreter eines bekannten Tätigkeitsfelds von Banden: E-Bikes «einsammeln».
Peter Sennhauser
In Handschellen vorgeführt, geben zwei seit April dieses Jahres in Untersuchungshaft einsitzende Männer aus Polen vor dem Strafgericht in Muttenz gestern Montag bereitwillig Auskunft: Ja, sie hätten die zehn teuren E-Bikes «eingesammelt» und in ihrem gemieteten Lieferwagen abtransportiert. Ja, er habe den Wagen zuvor in Polen gemietet, in die Schweiz gefahren und unterwegs gefälschte Schweizer Nummernschilder besorgt, gibt der eine zu Protokoll. Alles auf Geheiss seines Kumpels. Auf der eigentlichen Diebestour sei er nie ausgestiegen und habe nur einen Dienst als Fahrer versehen.
Stimmt so nicht, sagt der andere, der hierzulande Arbeit, aber auch Geldschulden hatte und das Werkzeug, die Idee und die Zielorte eingebracht haben soll. Mit viel Geduld entlockt der Gerichtspräsident den beiden Angeklagten mittels Übersetzer ihre Sichtweise der Vorgänge. Beide geben die unleugbaren Tatsachen zu – und das sind viele –, aber sobald es um Details und klare Verantwortung für gewisse Handlungen geht, reichen die Erinnerungen nicht mehr.
Klar ist dies: Am Tag nach der Ankunft des Fahrers aus Polen (dokumentiert von der Kamera am Grenzübergang Bad Zurzach) und dessen Übernachtung in Stäfa (belegt durch das Login seines Smartphones im Wifi-Netz seines dortigen Gastgebers) begann die Diebestour in Turgi im Aargau (nachzuverfolgen dank GPS-Daten des gemieteten Lieferwagens und der Smartphone-Positionen der Beschuldigten). Sie führte weiter ins Baselbiet (jetzt mit gefälschten Waadtländer Nummernschildern am Lieferwagen, aufgezeichnet von den Kameras an der Autobahn am Bözberg) und endete nach Stopps an Baselbieter Tatorten in Riehen kurz vor der Grenze nach Deutschland: Dort fiel der Wagen in der Nacht auf den 3. April einer Patrouille der Grenzwache auf.
Die Beamten fanden nicht nur zehn teure E-Bikes im Lieferwagen, sondern auch Bolzenschneider, Akku-Winkelschleifer und etwas, was in der Anklageschrift als Funk-Jammer oder Störsender bezeichnet wird. Ob es das ist, und ob und wie es eingesetzt wurde, bleibt offen: Weder machen die Untersuchungsbehörden Angaben dazu, noch wollen die beiden Beschuldigten das Gerät auch nur kennen, geschweige denn es benutzt haben. Der eine Pflichtverteidiger hält es gar für möglich, dass es ein Testgerät der Mietwagenfirma sei, das im Auto vergessen wurde.
24 Monate – unbedingt
All das hält die Staatsanwältin für ein Konstrukt der Verteidigung: Sie sagt, die beiden hätten sich mit hoher krimineller Energie zu einer Diebesbande zusammengefunden und geplant sowie gezielt Elektro-Fahrräder gestohlen, die sich im Osten Europas gut verkaufen liessen – das sei gerichtsnotorisch bekannt. Die gezielte Anfahrt zu den Adressen der Geschädigten – alles Standorte von Velos, die relativ leicht zu behändigen waren – lasse nur den einen Schluss zu: Dass die Standorte vorher rekognosziert worden seien.
Mit dem Funk-Jammer hätten die Positions-Sender der Fahrräder blockiert werden sollen, und wer in Polen einen Mietlieferwagen abhole und gefälschte Schweizer Nummernschilder besorge, bei dem handle es sich nicht mehr um einen verzweifelten Gelegenheitsdieb. Sie fordert deshalb für einen Beschuldigten 23 und für den anderen 24 Monate Gefängnis, und zwar unbedingt: Wären sie nicht angehalten worden, sie hätten wohl weiter Diebeszüge unternommen. Sie beantragt ausserdem für beide Männer fünf Jahre Landesverweis.
Beide Pflichtverteidiger halten das für viel zu hoch und beantragen weit geringere, bedingte Strafen. Er bitte um eine milde Strafe, sagte der aus Polen angereiste Täter. Eigentlich habe er in der Schweiz eine Stelle als Koch gesucht. Jetzt koche er in der Gefängnisküche, sagt er, und er schäme sich.
Das Urteil wird am Donnerstag verkündet.

