Sie denkt in Zahlen
04.09.2026 Bezirk LiestalCorinne Hügli leitet den Bereich Statistik der Nationalbank
Zahlen, Datenbanken, KI und komplexe IT-Projekte: Was manche abschrecken mag, fasziniert Corinne Hügli. Seit zehn Monaten verantwortet die Liestalerin als Chefin von mehr als 90 Mitarbeitenden die Datenproduktion bei ...
Corinne Hügli leitet den Bereich Statistik der Nationalbank
Zahlen, Datenbanken, KI und komplexe IT-Projekte: Was manche abschrecken mag, fasziniert Corinne Hügli. Seit zehn Monaten verantwortet die Liestalerin als Chefin von mehr als 90 Mitarbeitenden die Datenproduktion bei der Schweizerischen Nationalbank.
Marianne Ingold
Zahlen interessieren sie seit ihrer Kindheit, und Bauchentscheide liegen ihr nicht. Sie stütze sich immer auf Fakten, betont Corinne Hügli, Bereichsleiterin Statistik bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB). «Schon als Kind erstellte ich Prognosen, dachte in Szenarien und wollte Beweise für Behauptungen haben.» Folgerichtig beschäftigt sie sich beruflich seit fast 20 Jahren mit statistischen Daten: zunächst in der Medienforschung, danach 17 Jahre lang beim Amt für Daten und Statistik des Kantons Baselland und seit November 2025 bei der SNB.
Informatik habe sie ebenfalls schon immer interessiert, obwohl sie keinen besonders «datenlastigen» Hintergrund habe, erzählt Hügli. Ihre Mutter war Juristin und Gerichtspräsidentin, der Vater Zahnarzt. Während ihrer Tätigkeit in der Medienforschung seien gerade das Internet und die elektronischen Medien aufgekommen – das habe ihr Interesse für technische Fragen noch verstärkt. Heute ist die Statistikproduktion reine IT: Die Zahlen werden über Schnittstellen bezogen, mit Algorithmen plausibilisiert und auf Dashboards visualisiert.
Die öffentliche Statistik, in der Corinne Hügli tätig ist, soll die Komplexität der Welt in Form von Zahlen darstellen und verständlich machen. Sie soll unabhängig und mit guten Methoden produziert werden und dadurch objektiv und transparent sein. Zu den Standards der Schweizer «Charta der öffentlichen Statistik» verpflichten sich alle Beteiligten. So gilt zum Beispiel, dass sich die Politik nicht in die Datenproduktion einmischen soll und die Datenproduzenten auf Interpretationen verzichten.
Interdisziplinäre Arbeit
Ins breite Bewusstsein getreten sei die öffentliche Statistik während der Coronazeit, sagt Corinne Hügli. Innert kürzester Zeit mussten die Kantone ein schweizweites Reporting aufbauen. «Das war sehr interessant, auch weil die Arbeit sehr interdisziplinär war», erinnert sich Hügli. Man müsse sich gut vernetzen und Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen schaffen können, um in solchen Grossprojekten mit allen Beteiligten einen gemeinsamen Nenner auszuhandeln.
Gemeinsame Lösungen zu finden, ist eine von Corinne Hüglis Stärken: «Es ist super, wenn wir zusammen ein kniffliges Problem lösen können, sodass am Schluss alle stolz darauf sind. Das macht mir Spass und den Beteiligten auch, wenn sie sehen, dass es geht.» Sie könne andere gut motivieren – und manchmal auch hartnäckig sein: «Wenn es heisst, das geht nicht anders, das haben wir immer schon so gemacht, bin ich ein bisschen stur und will wissen, warum nicht.» Das könne manchmal etwas nerven, aber meistens klappe es dann eben doch. Wenn nicht, wisse sie zumindest, weshalb.
Bei der Nationalbank befasst sich Corinne Hügli mit Wirtschaftsstatistik auf Bundesebene. Auch hier gilt: «Wir produzieren unabhängige und qualitativ gute Daten und Fakten, die als Grundlage für die Steuerung verwendet werden.» Der Bereich Statistik, den sie an der SNB leitet, umfasst drei Abteilungen mit insgesamt mehr als 90 Mitarbeitenden: Eine Abteilung befasst sich mit der Zahlungsbilanz und der Finanzierungsrechnung der Schweiz. Eine zweite erstellt die Bankenstatistik, die SNB-intern unter anderem zur Analyse der Finanzstabilität dient. Die dritte ist zuständig für Datenmanagement und -publikation. Hüglis Aufgabe ist die strategische Führung: «Ich schaue, dass alle in die gleiche Richtung gehen, man keine wichtigen Aspekte vergisst und die richtigen Stakeholder einbezieht.» Hilfreich sind ihr gutes Netzwerk und die breite Erfahrung aus ihren früheren Tätigkeiten.
Häufig die einzige Frau
Ausser an ihrem wöchentlichen Homeoffice-Tag verlässt Corinne Hügli um 6.30 Uhr das Haus und kommt um 19.30 Uhr heim. Im Zug nach Zürich bearbeitet sie Mails und bereitet Sitzungen vor. Vor Ort folgt eine Besprechung auf die andere. Dabei ist Hügli, die unter anderem ein Nachdiplomstudium in Wirtschaftsinformatik absolviert hat, häufig die einzige Frau: «Die Bankenstatistik und die IT sind sehr männlich dominiert. Das fällt mir auf und ich frage mich, warum das so ist.» Ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis hätte ihrer Meinung nach Vorteile: «Frauen kommunizieren anders, bringen andere Themen ein und gehen manches vielleicht etwas anders an.»
Für Hügli ist die datenaffine SNB eine «Traum-Arbeitgeberin», bei der sie unter anderem die internationale Ausrichtung schätzt: «Viele Statistiken, die wir erstellen, basieren auf Vorgaben des Internationalen Währungsfonds oder von Eurostat, dem Statistischen Amt der EU. Die Handbücher und Konferenzen dazu sind international», erläutert sie.
Ursachen für Datenlücken
In ihrem Bereich gibt es viel zu tun: grosse Renovationen der bestehenden Systemarchitektur, neue Systeme für neue Erhebungen, die Einbettung von KI-Tools in die Workflows oder eine Verbesserung der Datenerhebung für die Aussenwirtschaftsstatistik: «Bei den Daten der Schweizer Grosskonzerne gibt es Lücken. Deshalb haben wir ein neues Team geschaffen, das sich vertieft mit diesen Konzernen befasst», sagt Hügli. «Solche Datenlücken zu schliessen, finde ich sehr spannend.» Datenlücken können einerseits aufgrund von unvollständigen Erhebungen entstehen: Nur wenige Kantone erstellen beispielsweise Handänderungs-Statistiken, die als Indikatoren zur Entwicklung des Schweizer Immobilienmarktes wichtig wären. Andere Daten wie Steuerdaten können aufgrund von politischen Entscheiden nicht schweizweit ausgewiesen werden.
Bei neuen Themen wie digitalen Geldformen muss geklärt werden, wie sie abgebildet werden können. «Auch kriminelle Verschiebungen von Kapital müsste man eigentlich aufzeigen können», sagt Hügli. «Nur: Wie macht man das?»
Eine weitere grosse Herausforderung sei die zunehmende Unsichtbarkeit von Daten der öffentlichen Statistik im Internet. Suchmaschinen liefern heute an erster Stelle einen KI-generierten Text statt Links auf Datenportale von öffentlichen Institutionen. Sogar wenn eine Quelle angezeigt wird, gehen die meisten Menschen nicht mehr darauf.
«Die vertrauenswürdigen Daten, die wir produzieren und auf Portale und Webseiten stellen, sind für die KI-Modelle gar nicht so abgreifbar, dass sie gegen aussen sichtbar werden», erläutert Corinne Hügli. «Deshalb müssen wir Wege suchen, um unsere Daten ‹KI-freundlich› aufzubereiten.» Die Arbeit geht ihr also nicht so schnell aus.
Zur Person
min. Corinne Hügli (46) wuchs in Liestal auf und studierte Medienwissenschaft, Politikwissenschaften und Betriebswirtschaft. Sie verfügt über Nachdiplomabschlüsse in Wirtschaftsinformatik und angewandter Statistik sowie über ein Doktorat in Medienwissenschaft. Nach einigen Jahren in der Medienforschung war sie von 2009 bis 2025 im Amt für Daten und Statistik des Kantons Baselland tätig, zunächst als stellvertretende Leiterin, ab 2021 als Leiterin. Seit 2020 ist sie Mitglied im kantonalen Führungsstab. Im November 2025 übernahm sie die Leitung des Bereichs Statistik an der Schweizerischen Nationalbank. Corinne Hügli ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Liestal, wo sie einige Jahre im Einwohnerrat war.
Die Schweizerische Nationalbank
min. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat je einen Sitz in Bern und Zürich sowie eine Niederlassung in Singapur. Daneben unterhält sie Vertretungen in Basel, Genf, Lausanne, Lugano, Luzern und St. Gallen. 13 Agenturen werden von Kantonalbanken geführt und dienen der Geldversorgung der Schweiz. Die SNB beschäftigt rund 1000 Mitarbeitende.


