Sicherheit und Zahnbürsten
08.04.2026 PersönlichWir waren eben aus den Ferien heimgekommen, und das einzige, was mir auffiel, war ein offen stehendes Fenster im Obergeschoss unseres Miethauses. Meine Frau ist deswegen bis heute überzeugt, dass die Täterschaft noch im Haus war, als wir vorfuhren. Jedenfalls hatten die Einbrecher ...
Wir waren eben aus den Ferien heimgekommen, und das einzige, was mir auffiel, war ein offen stehendes Fenster im Obergeschoss unseres Miethauses. Meine Frau ist deswegen bis heute überzeugt, dass die Täterschaft noch im Haus war, als wir vorfuhren. Jedenfalls hatten die Einbrecher – vielen Dank – darauf verzichtet, das gefürchtete Chaos anzurichten, Schränke umzuwerfen und Kleider zu verstreuen. Notebooks und teure Kameras, Tablets und dergleichen hatten sie nicht angefasst. Mit professioneller Zielsicherheit haben sie Uhren, Goldschmuck und alles andere gesucht und gefunden, was in eine Hosentasche passt und sich leicht zu Geld machen lässt.
Abgesehen vom Verlust einiger emotional bedeutender Stücke kamen wir mit dem Schrecken und der Entschädigung der Versicherung davon. Der oft angeführte psychologische Schaden, wonach man sich in den eigenen Wänden nicht mehr sicher fühlt, blieb uns erspart.
Trotzdem habe ich, nachdem wir in ein Häuschen in einer anderen Nachbarschaft umgezogen sind, Sicherheitskameras angeschafft. Bewegungssensoren, Infrarot, Gegensprechanlage und kabellose Internetanbindung erlauben es uns inzwischen, mit dem Briefträger zu plaudern, auch wenn wir in den Ferien sind, die Katzen auf dem Sitzplatz zu beobachten und dem gelegentlich vorbei spazierenden Igel, Fuchs oder (bisher noch nicht gesichtet) dem Hasen gute Nacht zu sagen. Ob die Kameras uns vor Einbrechern geschützt haben, kann ich derzeit noch nicht sagen. Ausser den Schulkindern, die auf dem Heimweg bei uns einen «Glockenzug» unternommen haben, blieben bisher noch keine Schurken in der Videofalle hängen (die Kids fanden es übrigens mega, als wir ihnen am Folgetag die Aufnahmen gezeigt haben: «Amir, du gehst viral!»).
Jedenfalls geben mir die Kameras das Gefühl, die Kontrolle zu haben. Warum das, wie von einer Sissacher Volkspartei-Landrätin vorgeschlagen, die bescheidener (oder vernünftiger) lebenden Mit-Steuerzahler finanzieren sollen, bleibt mir schleierhaft. Zumal zwischen «Sicherheit» und «Sicherheitsgefühl» deutliche Unterschiede bestehen. Wie das Beispiel der Quartier-Einbruchabwehr- «Whatsapp»-Gruppe zeigt, von der mir jemand erzählt hat: Dort soll eine allein lebende Frau nach einer Woche entnervt ihren Austritt gegeben haben. Die Inflation an Alarmen ihrer Nachbarn nach dem Eindunkeln habe ihr weit mehr Angst eingejagt, als sie vorher je gehabt habe.
Dass zu viel Sicherheit sogar zum Affront werden kann, habe ich kürzlich beim Einkauf von Ersatzköpfen für meine Elektrozahnbürste gelernt. Nachdem ich zuerst einen Mitarbeitenden des Grossverteilers suchen musste, der das Schloss am Gestellt öffnen konnte, erklärte er, dass er mich an die Kasse begleiten müsse. Jetzt putze ich wieder von Hand: Wenn ich schon bereit bin, die Wucherpreise für diese Plastikdinger zu berappen, muss ich mir auf dem Weg zur Kasse nicht noch einen potenziellen Diebstahl unterstellen lassen.
Peter Sennhauser, Redaktor «Volksstimme»

