Seltenheit macht Liebe
18.08.2026 PersönlichDa standen sie also. Sie fünf, er drei Jahre alt, den Blick starr durch den rechteckigen Rahmen gerichtet, die Nase an der Scheibe. Und ich fragte mich: Warum müssen meine Kinder jetzt da stehen und gaffen? Warum ist das so spannend, was da läuft? Erst gerade haben sie noch ...
Da standen sie also. Sie fünf, er drei Jahre alt, den Blick starr durch den rechteckigen Rahmen gerichtet, die Nase an der Scheibe. Und ich fragte mich: Warum müssen meine Kinder jetzt da stehen und gaffen? Warum ist das so spannend, was da läuft? Erst gerade haben sie noch fröhlich gespielt, aber das Programm hinter der Scheibe hat offenbar eine unüberwindbare Anziehungskraft.
Das hätte mich nicht erstaunen sollen. Schliesslich ist immer das interessant, was man selten hat. In unserem Haushalt türmen sich etwa die Spielsachen in jedem Raum. Das wurde mir erst so richtig bewusst, als mich ein (kinderloser) Freund erstmals in unserem Haus besuchte. Er schaute sich um und sagte nur: «Kinder, he.» Tatsächlich gibt es bei uns nicht nur keine Dekoration oder Pflanzen, was mich gar nicht stört, sondern es steht auch sonst nichts herum, was für uns Erwachsene da wäre.
Aber für die Kinder scheint es eben auch nicht zu sein. Vieles steht unbenutzt herum. Wenn wir dann aber bei Nachbarn, Cousinen oder Freunden sind, wird ausgiebig gespielt. Da ist es auch egal, wenn dasselbe daheim ebenfalls herumliegt. Im anderen Umfeld ist auch das Altbekannte spannend. Das Gras ist auf der anderen Seite also auch grüner, wenn man zu Hause ebenso grünes hat. Wobei dieses Bild bei den aktuell vertrockneten Rasen arg schief hängt.
Dass Seltenheit Liebe macht, erleben wir, wenn uns all der herumliegende, unbenutzte Ramsch zu viel wird. Wollen wir Eltern etwas in den Keller verbannen, geht der Nachwuchs auf die Barrikaden. Dann ist genau dieses Etwas das allerliebste Spielzeug. Also versorgen wir Dinge im Geheimen im Keller, wenn die Kinder schlafen. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Nun haben wir aber einen Keller zu wenig: Das aus dem Weg geräumte Spielzeug landet im Vorratsraum. Wenn die Kinder nun – absolut vorbildlich – selber eine Büchse Tomatensauce, ein Pack Teigwaren oder einen Liter Milch holen, gehen sie an diesem Ramsch vorbei. Und so kommt mit jedem Pack Couscous oder Reis auch wieder das Puppenhaus, ein Plüschtier oder dieses unsägliche Playmobil in unseren Lebensraum zurück. Wenn man eine Zeit lang auf etwas verzichten musste, wird es spannend.
Und darum sind wir wohl selbst daran schuld, dass alle Bildschirme vom Handy bis zur Leinwand eine riesige Anziehungskraft ausüben. Abgesehen vom bewegten Bild, wird das Viereckige dadurch spannend, dass wir die Kinder nicht grenzenlos reingaffen lassen. Immer nur das, was wir erlauben, und vor allem immer nur so lange, wie wir erlauben. Das ist super spannend!
Doch als die Kinder die Nasen an die Scheibe pressten, waren für einmal nicht wir Eltern schuld. Denn sie standen nicht an der «Mattscheibe» und schauten fern. Sie waren auf das Gestell im Kinderzimmer geklettert und schauten aus dem Fenster. Denn dort lief jüngst gerade ein sehr seltenes Programm: Es hatte seit Langem wieder einmal geregnet. Diese Seltenheit gafften meine Kinder minutenlang schweigend an. Ich liess sie machen, ging zum Fenster im Zimmer nebenan und schaute ebenfalls zu.
Sebastian Wirz, Sportredaktor «Volksstimme»

