Selig, die Frieden stiften
06.11.2026 PersönlichDer Krieg um die Ukraine dauert länger als der Erste Weltkrieg. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die Geflüchteten harren aus, ihre Hoffnung auf Heimkehr schwindet. Viele leben in prekären Verhältnissen in übervollen Wohnungen. Der Schutzstatus S könnte bald auslaufen. ...
Der Krieg um die Ukraine dauert länger als der Erste Weltkrieg. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die Geflüchteten harren aus, ihre Hoffnung auf Heimkehr schwindet. Viele leben in prekären Verhältnissen in übervollen Wohnungen. Der Schutzstatus S könnte bald auslaufen. Manche Alten unter uns sehnen sich still nach dem Kalten Krieg zurück, da hatte man beidseits des Eisernen Vorhangs klare Verhältnisse.
Auch im Nahen Osten rumpelt es gewaltig. Wir bezahlen für die Konflikte mit hohen Ölpreisen. Diese Welt nervt und belastet. Auch mich.
Die Geschichte des Menschen ist eine ewige Geschichte von Gut und Böse, Krieg und Frieden. Auch die Bibel, welche 1400 Jahre Leben im Orient beschreibt, zeugt davon. Der Begriff «Krieg» findet sich 125-mal in Bibelversen und «Frieden» 259mal. Im Namen Gottes wird seit jeher Krieg geführt und im gleichen Namen auch Versöhnung gesucht und Frieden geschlossen. Als Christ schäme ich mich zutiefst für die mächtigen alten Männer, die sich ebenfalls Christen nennen und für Bosheit, Unterdrückung und Kriegstreiberei stehen. Stets geht es um persönliche Macht und fehlgeleitetes Ego. Immerhin: Die Bibel verheisst am Ende der Zeit eine weltweit grosse Klärung und dann umfassenden Frieden: Gerechtigkeit, Wohlstand, Schalom für alle.
Unser kleines Land im Herzen Europas steht als Gastgeberland und mit diplomatischer Kompetenz für «Gute Dienste» an der Weltgemeinschaft. Es erhält Kommunikation zwischen verfeindeten Nationen, koordiniert Friedensbemühungen. Gespräche finden von Genf über Bern und Luzern bis nach Davos statt.
Dank direkter Demokratie sind wir alle mit rotem Pass aufgefordert, regelmässig unsere Haltung mit dem Stimmzettel auch zu Sachgeschäften einzubringen. Sogar über militärische Dinge wie Jagdbomber und Kriegsmaterialgesetz. Das finde ich unglaublich cool.
Bei der anstehenden Revision zum Kriegsmaterialgesetz geht es um die Erhaltung der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit der einheimischen Rüstungsindustrie in einer Zeit, in der diese (leider!) weltweit boomt. Diese Industrie sei wichtig für die bewaffnete Neutralität und den Erhalt unserer Armee.
VBS und Ruag sind jedoch im Dauerskandalmodus. Und: Unser Land überaltert schnell. Es werden viel zu wenig Schweizerkinder geboren, die dereinst einmal Dienst leisten könnten.
Ich bin überzeugt, ohne enge Anbindung an Nato und Europa ist diese Armee im Ernstfall wertlos. Da diese Anbindung politisch chancenlos ist, müsste man nicht anders denken und handeln?
Weshalb nicht Armee und Rüstungsindustrie zurückbauen und die vielen frei werdenden Mittel und die 16 000 Arbeitsplätze in echte Friedensarbeit und die Zukunft investieren: in Forschung, Bildung, AHV, Energie, Natur, Landwirtschaft?
Kühne Gedanken in unruhigen Tagen: waffenlose Neutralität glaubwürdig leben – wie andere Kleinstaaten?!
Matthias Plattner wurde 1962 geboren und ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen.

