Sechs Stimmen, grenzenlose Klangwelt
19.05.2026 Bezirk LiestalVokalensemble Lyyra aus den USA trat in der Stadtkirche auf
Es gibt in Liestal die Konzertreihe «Stimmen zu Gast». Der Name ist Programm, die Konzerte sind der klassischen Vokalmusik gewidmet. In diesem Rahmen trat «Lyyra» in der Stadtkirche auf, ein US-amerikanisches ...
Vokalensemble Lyyra aus den USA trat in der Stadtkirche auf
Es gibt in Liestal die Konzertreihe «Stimmen zu Gast». Der Name ist Programm, die Konzerte sind der klassischen Vokalmusik gewidmet. In diesem Rahmen trat «Lyyra» in der Stadtkirche auf, ein US-amerikanisches Vokalensemble. Hier haben sich sechs Frauenstimmen zusammengetan, je zwei Sopranistinnen, Mezzosopranistinnen und Altistinnen, was an sich schon ungewöhnlich ist, scheint es den möglichen Ausdruck ohne die Stütze einer Bass-Stimme doch recht einzuschränken.
Ein Blick auf das Programm verwunderte noch mehr: Gerade ein Stück von William Byrd, dem bedeutenden Komponisten des elisabethanischen England, schien da zu passen. Aber Hits von Stevie Wonder, Paul Simon, Billie Eilish, Dolly Parton, den Popgrössen unserer Zeit? Die Liste der Versuche, von der klassischen Musik aus dieses Terrain zu erkunden, ist lang – und nicht selten etwas peinlich.
Man war also gespannt, worauf sich die Sängerinnen da eingelassen hatten. Den Auftakt machte das erwähnte Stück Byrds, «Sing Joyfully», womit der Ausgangspunkt für das Prinzip des Abends gesetzt war: Perfekt abgestimmter Ensembleklang, austariert, getragen, zum genauen Hinhören verpflichtend. Sechs Stimmen lassen sich auftreiben – aber sie gleichberechtigt zu einem Ensembleklang zu vereinen, ist ein weit höherer Anspruch.
Nun folgten die Stücke der Zeitgenossen und sehr bald verstand man, dass Byrd eine Deklaration war: Von da kommt «Lyyra» her, so verstehen sie Musik. Entsprechend war keine Spur einer Anbiederung zu hören, niemals das Gefühl, hier werde gesungen, was den Leuten eben gefällt. Dagegen profundes Verständnis für den Kern der Sache, die Schönheit einer Melodie, die Klangwelt, die dadurch aufgezogen werden kann. Man entspannte sich, entledigte sich der antrainierten Befürchtungen, hier werde Bekanntes aufgewärmt und entdeckte stattdessen neu, wie es klingen kann in einer anderen, bezaubernden Sphäre.
«Gute Künstler kopieren, grosse Künstler stehlen» ist ein altbekanntes Diktum von Picasso. Hier konnte man erleben, wie fruchtbar das sein kann. Die Sängerinnen von «Lyyra» kopieren nicht, sie eignen sich an, was für gut und wert befunden wurde. Sie tun dies betörend schön, in einer heute seltenen Feinheit und Ausgewogenheit. Wer sich als Vokalensemble bewusst auf die Lage Sopran bis Alt beschränkt und mit diesem Repertoire auftritt, hat einen bemerkenswerten Mut. Wer die Gelegenheit hat, sich dies anzuhören, wird reich beschenkt.
Andreas Loosli, Liestal
