Schritt für Schritt zum Glück
02.10.2026 BaselbietWanderleiterin Lara Mandioni über Glücksgefühle in der Natur
Bewegung in der Natur ist die beliebteste sportliche Aktivität der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren. Lara Mandioni führt Gruppen bei Wanderungen und coacht auch Personen mit Höhenangst.
...Wanderleiterin Lara Mandioni über Glücksgefühle in der Natur
Bewegung in der Natur ist die beliebteste sportliche Aktivität der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren. Lara Mandioni führt Gruppen bei Wanderungen und coacht auch Personen mit Höhenangst.
Brigitte Keller
Frau Mandioni, die Herbstferien sind da und das Wetter zum Wandern könnte nicht schöner sein. Erwische ich Sie gerade auf einer Wanderung?
Lara Mandioni: Ich bin gerade zurück von einigen Tagen mit zwei Gästen, unterwegs von Hütte zu Hütte in der Region Lukmanier, mehr am Kraxeln als am Wandern. Die Verhältnisse waren super, aber an einem Tag auf 3000 Metern war es sehr windig und kalt. Es brauchte Jacke, Handschuhe und Kappe.
Wurde Ihnen die Liebe zum Wandern in die Wiege gelegt?
Ich bin im Kanton Graubünden aufgewachsen, meine Eltern stammen aus dem Bleniotal, also der Region Lukmanier, die ich so gerne habe. Mein Vater hat als Grenzwächter sein Leben lang die Grüne Grenze kontrolliert. Mein Bruder und ich sind im Sommer regelmässig mit ihm «z’Bärg» gegangen. Das war immer sehr hochalpin, weil mein Vater als Jäger das Wandern mit dem «Spiegeln» verbunden hat: Er erkundete, wo sich die Hirsche und Gämsen aufhielten. Ich bin also schon früh durchs Gestrüpp und über Kreten gelaufen.
Am 3. November nehmen Sie im Dichter:innen- und Stadtmuseum Liestal an einem Podium teil mit dem Titel «Warum macht Wandern glücklich?». Dass Wandern glücklich macht, daran gibt es keinen Zweifel, oder?
Die Antwort ist nicht immer Ja. Das sehe ich vor allem bei Kindern und jungen Erwachsenen, die in einer Lebensphase sind, in der ihnen das Wandern wenig sagt. Wenn man versucht, sie «auf die Berge» zu bringen, kann das eine Tortur sein. Eltern, die gerne wandern, probieren es natürlich mit Belohnungen und Versprechungen. Da geht es darum, die Balance zu finden, damit es nicht zur Qual wird. Wenn wir diese Menschen schon in jungen Jahren «verbrennen», wird es schwierig, sie wieder zum Wandern zu motivieren.
Was genau löst beim Wandern Glücksgefühle aus?
Die Antwort ist multifaktoriell und individuell. Die Motive sind so vielfältig, wie es Menschen gibt. Das kann ein Tapetenwechsel sein oder die Natur mit ihrer Saisonalität. Natur ist Energie und an und für sich bereits heilsam. Die sanfte Bewegung, egal, ob im Talboden oder in der Höhe, gleicht die Gemütslage aus. Andere legen Wert auf die Schönheit der Natur. Farben, Gerüche, Geschmack und die taktilen Wahrnehmungen mit Füssen und Fingern leiten auch Balance ein. Körperlich fördert Bewegung die Harmonisierung mehrerer Systeme wie Herz-Kreislauf, Atmung und Hormonsystem.
Glücksgefühle beim Wandern, was verbinden Sie noch damit?
Für mich hat das Wandern auch mit
Wertschätzung und Respekt gegenüber den Landschaften, die wir betreten, zu tun. Mit jedem Schritt treten wir ein Stück Erde. Wie viele unzählige Wurzeln und Steine haben wir schon getreten? Mit der Dynamisierung unserer Gesellschaft – schneller, höher und direkter – wird die Kulisse zum Konsumgut. Ich möchte die Menschen darauf aufmerksam machen, die Natur als Wesen, mit der ganzen Fauna und Flora und allem, was noch dazugehört, zu betrachten und zu achten.
Das Wandern hat auch Auswirkungen auf die Psyche?
Ja. Wandern als Ventil, um sich herauszufordern oder abzureagieren, ist auch sehr wichtig für die Psyche. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass man sich zu sehr unter Druck setzt, wenn man gewisse Ziele unbedingt erreichen will. Dann ist Ressourcenmanagement gefragt. Wann ist genug genug? Es ist spannend zu beobachten, wie Menschen in sehr schwierigen Lebensphasen gleichwohl wandern gehen, weil sie finden, dass ihnen das Wandern so viel zurückgibt. Wandern wirkt sich auf Körper, Geist und Seele aus.
Auf der Webseite von «Schweizer Wanderwege» finden sich «7 Tipps für erholsames Wandern». An erster Stelle steht: «Klarer Fokus».
Das ist ausschlaggebend. Man kann spontan aufbrechen, aber wenn es um die Sicherheit geht, ist es auch bei leichten oder kürzeren Wanderungen ratsam, die Runde zu planen. Damit ist gemeint, zumindest die Strecke mit einer Planungsapp zu berechnen. Man weiss dann, wie viele Kilometer bergauf und bergab es geht und wie lange man dafür etwa braucht. Dafür gibt es sehr gute kostenlose Apps, zum Beispiel «Swisstopo» vom Bundesamt für Landestopografie.
Ein weiterer Tipp lautet «Kreativ sein»: sich Zeit zum Fotografieren gönnen oder Gedanken auf Papier notieren. Haben Sie noch eine kreative Anregung?
Kreativität kennt keine Grenzen und darf sehr individuell sein! Man kann beispielsweise Naturmaterialien sammeln – bitte auf geschützte Pflanzen und Habitate achten – und am Ende der Wanderung ein Mosaik damit zusammenstellen und dieses abmalen oder abfotografieren. Das geht über andere Wahrnehmungskanäle als die Augen, nämlich über die Hände und Nase, und gibt nochmals einen anderen Bezug zur Wanderung. Gute und kreative Erinnerungen ergeben sich auch aus Gaumenfreuden und Köstlichkeiten der erwanderten Region.
Sie bieten «Naturcoaching» an …
Das Naturcoaching richtet sich an Menschen, bei denen ein Lebensthema, eine Neuorientierung, beruflich oder privat, gerade im Vordergrund steht. Ziel ist es, beim leichten Gehen oder Wandern einen Perspektivenwechsel einzuleiten oder hindernde Wertigkeiten und Glaubenssätze zu ändern. Die Natur öffnet und unterstützt dabei, auch wenn das Wetter nicht 100-prozentig mitspielt. Wind oder leichter Regen sind Teil des Ganzen. Je aktiver die Naturelemente sind, umso effizienter ist der Prozess oft.
Kann man Sie als Wanderleiterin buchen?
Bei meinem Angebot «Bergwandern und Alpinwandern» führe ich Menschen, mehrheitlich auf Anfrage, auf von ihnen gewünschten Wanderrouten, wie gerade in den vergangenen Tagen. Alles ist massgeschneidert, die Gäste können sich die Region, den Schwierigkeitsgrad sowie Dauer und Distanzen aussuchen.
Sie bieten spezielle Trainings gegen Höhenangst an. Können eigentlich alle Menschen ihre Höhenangst überwinden?
Ich würde sagen: mehrheitlich, mit ganz wenigen Ausnahmen. Solange – unbewusst – die Vorteile der Höhenangst überwiegen gegenüber den Nachteilen, werden die betreffenden Menschen Schwierigkeiten haben, diese zu überwinden. Und natürlich muss man ehrlich sagen: Es ist eine Fleissarbeit und Trainingssache, es braucht Durchhaltewillen und Ausdauer. Ich kann einen Menschen nur begleiten, die Betroffenen müssen es selber wollen und tun. Ganz häufig wird auch die körperliche Verfassung unter die Lupe genommen. Diese wird zu oft unterschätzt: Wandern braucht eine Grundkondition. Grundkraft in den Beinen und ein stabiler Rumpf fördern das Gleichgewicht und eine gute Koordination. Mangelt es daran, können Trittunsicherheit, Schwindelgefühle und Ängstlichkeit entstehen.
Zur Person
bke. Lara Mandioni (47) ist im Kanton Graubünden aufgewachsen und pendelt heute zwischen Stans und dem Wallis. Sie ist dipl. Wanderleiterin und Schneesportlehrerin mit eidg. Fachausweis und unter anderem Coach für Höhenangst und weitere Wanderthemen.
Sie ist auch Dozentin in der Aus- und Weiterbildung von Wanderleitenden und als Fachreferentin und Retreatsleiterin tätig.
Podium «Warum macht Wandern glücklich?», Dienstag, 3. November, 19.30 Uhr, Dichter:innen- und Stadtmuseum, Liestal.


