«Schriftsteller und Zeuge seiner Zeit»
27.02.2025 RegionAls Gymnasiast traf der spätere Literaturprofessor Peter Bloch den Autor Thomas Mann
2024 wurde Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» anlässlich der 100-jährigen Erstausgabe besonders beachtet, dieses Jahr bleibt der vor 150 Jahren geborene Autor im Fokus der ...
Als Gymnasiast traf der spätere Literaturprofessor Peter Bloch den Autor Thomas Mann
2024 wurde Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» anlässlich der 100-jährigen Erstausgabe besonders beachtet, dieses Jahr bleibt der vor 150 Jahren geborene Autor im Fokus der Literaturwelt. Der Germanist Peter André Bloch ordnet die Bedeutung des Romans und des Autors ein.
Lorenz Degen
Herr Bloch, Sie haben Thomas Mann einmal persönlich gesehen. Wie kam es dazu?
Peter André Bloch: Die Bücherfreunde Olten luden Thomas Mann zu einem Vortrag ein, der am 31. August 1952 im Singsaal Olten stattfand. Thomas Manns Rede trug den Titel «Im Dornburger Licht», anlässlich einer Feier zu Goethes Geburtstag. Ich ging damals in die erste Klasse des Gymnasiums und sah zum ersten Mal einen lebenden Dichter.
Weckte diese Begegnung Ihre Begeisterung für Literatur?
Da muss ich etwas ausholen: Kurz zuvor war ich mit meinem Vater in Solothurn, wo wir zufällig Josef Reinhard begegneten, einem Solothurner Schriftsteller und Lehrer meines Vaters. Reinhard fragte mich: ‹Bürschteli, was machsch du emol?› Ich erwähnte, dass mich Literatur interessierte. Darauf meinte Reinhard: ‹E Schriftsteller mues es Original si!› Nun, Schriftsteller wurde ich zwar nicht, dafür Wissenschaftler und ein origineller Schreiber.
Erinnern Sie sich noch gut an den Abend mit Thomas Mann?
Und wie! Die ganze Oltner Stadtprominenz war gekommen, darunter auch der Vater von Franz Hohler, er selbst, glaube ich, nicht. Jedenfalls erinnere ich mich nicht an ihn. Thomas Mann sprach intensiv über menschliche Verantwortung und über Demokratie, was sie sein kann und wie sie aus den Fugen gerät. Nachher durfte ich Thomas Mann sogar die Hand schütteln. Seine Rede gehört für mich zu den grössten Eindrücken meiner Jugend.
Kamen Sie auch später mit ihm in Berührung?
Persönlich nicht mehr, er starb drei Jahre später. Aber als Kurator des Nietzsche-Hauses in Sils Maria begegnete er mir in gewisser Weise wieder. Ich erfuhr, dass er während seiner Ferien im Hotel Waldhaus auch das Nietzsche-Haus besuchte, ohne Nietzscheaner gewesen zu sein. So wie Richard Wagner gehörte Nietzsches Werk für ihn zur deutschen Kultur, die er repräsentierte.
Welches Buch von Thomas Mann schätzen Sie besonders?
Seinen Debütroman «Buddenbrooks» habe ich dreimal gelesen, sogar auf meiner Hochzeitsreise! Diese weitläufige Darstellung der Gesellschaft ist grandios. Thomas Mann hat dafür ja den Nobelpreis bekommen. Ein Buch, das man auch heute noch wunderbar in die Hand nehmen kann.
Was ist für Sie das Besondere am Autor Thomas Mann?
Thomas Mann ist Schriftsteller und Zeuge seiner Zeit. Er musste als weltbekannter Autor aus Deutschland fliehen, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Von Amerika aus hat er während des Zweiten Weltkriegs in Radiosendungen gesprochen und zum Widerstand aufgerufen. Nach Kriegsende wollte er zurück nach Europa, aber nicht nach Deutschland. So kam er in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tod wohnhaft blieb. In seinem Leben spiegelt sich das Schicksal Europas in jener Zeit.
Kommen wir zum «Zauberberg». Wie ist es Ihnen während und nach der Lektüre ergangen?
Ich habe den «Zauberberg» erstmals für dieses Interview gelesen. Mehrmals dachte ich, ich werde dieses Buch nicht zu Ende lesen können, ich schaffe das einfach nicht! Es sind 1100 Seiten, Woche für Woche kämpfte ich mich hindurch. Nun aber bin ich froh, dass ich die Aufgabe bewältigt habe. Der «Zauberberg» ist für mich eine der umwerfendsten Erzählungen der Weltliteratur.
Was fasziniert Sie an diesem Werk?
Die Vielfalt der Erzählstränge und Themenfäden ist enorm, wie auf einem Webstuhl! Eindrücke, Namen, Handlungen wechseln sich ständig ab. Es geht nicht nur darum, was, sondern auch wie er die Geschichten erzählt. Es gibt immer mehrere Ebenen, mehrere Figuren reden nacheinander und miteinander, wortreich und komplex. Man verliert dauernd den Faden. Es gibt ernste Passagen und solche, die einer Parodie gleichen. Wunderliche Beschreibungen folgen auf treffende Analysen.
Gibt es bestimmte Stimmungen, die Sie besonders gut gezeichnet finden?
Es sind unterschiedliche Persönlichkeiten, die in der Zeit um 1914 zur Kur in Davos, «oberhalb der Baumgrenze», aufeinandertreffen. Eigentlich gleicht das Leben in diesen Sanatorien einem riesigen Totentanz. Die Leute sind krank und wissen, dass ihnen die Tuberkulose die Kräfte raubt, was sie aber nicht an gewaltigen Fress- und Trinkorgien hindert. Auch wird munter miteinander geschlafen, vielleicht alles aus einer Art Widerstand gegen den Tod. Die Hauptfigur Hans Castorp verliert hier jedes Zeitgefühl. Zuerst will er nur für drei Wochen bleiben, daraus werden Monate, schliesslich sieben Jahre.
Welche Botschaft vermittelt das Buch?
Die Suche nach sich selbst spielt eine grosse Rolle. Bei aller Nähe im Sanatorium sind die einzelnen Menschen immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. In den eindrücklichen Naturbildern, wie beim Schneefall oder im Wald, spürt der Leser die Einsamkeit förmlich. Dann geht es auch um das eigene Schicksal: Überlebe ich oder der andere? Doch es gibt auch Themen, die nicht vorkommen, Geld zum Beispiel. Offenbar haben alle, die sich ein Kurhaus leisten können, von sich aus genug Mittel zur Verfügung.
Halten Sie das Buch heute, 100 Jahre nach seiner Erstausgabe, noch für lesenswert?
Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Leseerfahrung machen durfte. Thomas Mann stellt die Frage nach der eigenen Verantwortung in einer Gesellschaft. Der Müssiggang ist der Krankheit geschuldet, aber welche gesellschaftlichen Phänomene stehen dahinter? Die Krankheit verbindet alle, und das Geld erhält alle so lange wie möglich am Leben. Der Kontrast zum Tod bietet die Natur: Die Tannäste, die leuchtenden Berggipfel, die Blumen und wechselnde Himmel. Wo niemand mehr redet, herrscht Stille. Davos als weltgewordenes Paradies inmitten der Hölle, die am Ende des Buches mit dem Weltkrieg über Europa hereinbricht. Absolut lesenswert!
Ehefrau als Inspirationsquelle
ld. Katja Mann (1883–1980), die Ehefrau von Thomas Mann (1875–1955), musste sich 1912 für ein halbes Jahr nach Davos begeben, um einen Verdacht auf Tuberkulose zu behandeln. Dort besuchte Thomas Mann sie. Über Briefe von ihr erhielt er zudem Mitteilungen über die anderen Kurgäste und die Atmosphäre im Sanatorium. Der Schriftsteller sammelte dieses Material und erschuf daraus eine Geschichte mit Hans Castorp als Hauptperson. Weitere fiktive Figuren waren zum Teil seinen Zeitgenossen nachempfunden (wie zum Beispiel dem Schriftsteller Gerhard Hauptmann) oder repräsentieren damalige Strömungen und Meinungen. Das Hotel Waldhaus, wo Katja Mann zur Kur weilte, und die Schatzalp bildeten die Kulisse für die Handlung. 1924 erschien der Roman mit dem Titel «Der Zauberberg». Das Buch gilt als Jahrhundertroman und wurde in 36 Sprachen übersetzt, zuletzt neu 2013 ins Vietnamesische. Davos als Schauplatz dieser Erzählung feierte das Jubiläum im vergangenen Jahr mit verschiedenen Anlässen, unter anderem gab es Vorträge, Lesungen und geführte Rundgänge.
Die Schweiz als Ersatz-Heimat
ld. Thomas Mann wurde 1875 in Lübeck geboren. Seinen ersten Roman «Buddenbrooks» veröffentlichte er 1901, mit dem ihm der Durchbruch als Schriftsteller gelang. Sein älterer Bruder Heinrich (1871– 1950) wurde ebenfalls Schriftsteller, doch standen die Brüder zeitlebens in einem schwierigen Verhältnis zueinander. 1905 heiratete Thomas Mann Katja Pringsheim und zog nach München. Sechs Kinder wurden geboren, unter anderem Erika (Kabarettistin) und Golo (Historiker). Der Literaturnobelpreis 1929 brachte Thomas Mann ein grosses Vermögen ein, das er unter anderem zum Kauf eines Hauses an der Ostsee verwendete. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrte die Familie Mann nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern blieb zunächst in Arosa, ihrem Winterferienort. Ihr Haus in München wurde durchsucht und ein Grossteil des Vermögens beschlagnahmt. Einige Jahre liessen sich die Manns in Küsnacht bei Zürich nieder, um 1938 nach Amerika auszuwandern. Von Kalifornien aus wandte sich Thomas Mann während des Zweiten Weltkriegs in Radiosendungen an deutsche Hörerinnen und Hörer. 1952 kehrte er mit seiner Frau in die Schweiz zurück und lebte in Erlenbach und Kilchberg im Kanton Zürich. Thomas Mann starb 1955 im Zürcher Kantonsspital an einem Riss der Bauchschlagader. Sein Grab, wie auch dasjenige seiner Frau und einiger Kinder, befindet sich auf dem Friedhof von Kilchberg. Sein Nachlass wird im Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich aufbewahrt.


