«Schöne Architektur entsteht, wenn sie gut ist»
17.07.2026 Bezirk LiestalOtto Partner Architekten feiert 125 Jahre – Andreas Rüegg führt zu Bauten, welche die Stadt bis heute prägen
Das Liestaler Büro Otto Partner Architekten feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Andreas Rüegg, während Jahrzehnten Teilhaber, ...
Otto Partner Architekten feiert 125 Jahre – Andreas Rüegg führt zu Bauten, welche die Stadt bis heute prägen
Das Liestaler Büro Otto Partner Architekten feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Andreas Rüegg, während Jahrzehnten Teilhaber, hat mit seinen Bauten die Stadt mitgeprägt. Auf einem Rundgang durch Liestal erklärt er, was ihm an Architektur wichtig ist – und was ihn bis heute ärgert.
Aufgezeichnet von Lorenz Degen
In seiner mehr als 50-jährigen Tätigkeit als Architekt im heutigen Büro Otto Partner Architekten hat Andreas Rüegg eine Vielzahl von Bauten geschaffen, die das Stadtbild von Liestal bis heute prägen. Dabei interessierten ihn auch immer Fragen zur Gestaltung des «Stedtlis». Auf einem Architekturspaziergang mit acht Stationen von der Gutsmatte über die Rhein- und Rathausstrasse bis zum Spittelerhof kommentiert der 86-jährige Rüegg verschiedene Bauten – begleitet von Gedanken zur Architektur und persönlichen Erinnerungen.
1. Station: Die Verwaltungsbauten an der Rheinstrasse
«Auf dem Gebiet der heutigen Polizeidirektion konnten wir anfänglich nicht bauen. Hier war die Tramschlaufe der Linienverlängerung, von Pratteln kommend, vorgesehen. Erst als diese Eintragung gelöscht war, konnten wir mit der Planung weiterfahren. Wir gewannen den Wettbewerb, und ich entschied mich zu einer Gliederung der Bauten statt eines beispielsweise monolithischen Gebäudes. Eigentlich hätte noch ein Abschlusstrakt auf dem Niveau des Bahnhofs dazugehört, der wurde dann aber weggelassen. Heute bedaure ich nicht mehr, dass das Lagerhaus der Weinhandlung stehen blieb und für die Kantonsbibliothek intelligent umgebaut wurde.
Die Gutsmatte umfasst drei Gebäudeteile, ein hinteres mit Untersuchungsgefängnis und Staatsanwaltschaft, das mittlere und das vordere Gebäude für die Polizei. Der Bau hat sich sehr bewährt, auch wenn heute doppelt so viele Leute darin arbeiten wie ursprünglich vorgesehen. Die Steinplatten habe ich in Laufen ausgesucht. Die dunkleren Platten im Erdgeschoss sollen einen Sockel andeuten. Wichtig war mir, dass die Simse die ruhige Perspektive nicht störten. Wir konnten das so lösen, indem sich innenseitig kleine ‹Badewannen› anbringen liessen, durch die das Wasser abfliessen kann.
Der Neubau fügte sich gut ins bestehende Ensemble ein. Die heutige Steuerverwaltung, ebenfalls von Brodtbeck und Bohny, ist auch ein Gebäude, das mir bis heute gefällt. Es nimmt sich zurück, im Gegensatz zum Querriegel der Baudirektion. Hier manifestiert sich die Entstehungszeit: Ein schnell wachsender Kanton brauchte rasch viele Büroräume. Immerhin gibt es heute einen markanten Eingang mit Vordach, was die ursprüngliche Wucht des Gebäudes etwas mildert. Das Kantonsspital gefällt mir immer noch sehr mit seiner feingliedrigen und differenzierten Architektur. Als es um die Erweiterung des Spitals ging, habe ich mich mit Kollegen dafür eingesetzt, dass diese den bestehenden Trakt nicht überragt. Ansonsten hätte der Altbau seine Wirkung verloren.»
2. Station: Die Kantonalbank-Kreuzung
«Ich erinnere mich gut an den Vorgängerbau der heutigen Kantonalbank, der auch durch unser Vorgängerbüro Brodtbeck und Bohny ausgeführt wurde. An der Ecke betrat man das Gebäude. Über eine wuchtige Freitreppe gelangte man in die Schalterhalle, wo sich lauter kleine Schalter befanden. Wirklich schade, dass dieses Gebäude abgerissen wurde. Obschon Neubauten zu meinem Beruf gehören, hat mich die Denkmalpflege immer sehr interessiert. Mit Hans-Rudolf Heyer, dem ehemaligen Denkmalpfleger, hatte ich ein konstruktives Verhältnis. Es ist wichtig, dass auch alte Bauten erhalten werden, immer nur abreissen und neu bauen darf kein Ziel sein. Die heutige Kantonalbank wirkt trotz ihres Alters immer noch recht akzeptabel. Positiv bleibt auch, dass nun die Variante Weiterbauen gewählt wurde (statt Abriss). Der helle Jurakalkstein hat jedoch stellenweise etwas Patina angesetzt. Die geplante Aufstockung wird den jetzigen Anblick verändern.
Die UBS gegenüber ist vom Stil her der Gutsmatte ähnlich. Das Kunstwerk ‹No Stone Unturned›, von Spöttern als schrä- ges Erdnüssli angesehen, ist wohl die wertvollste Skulptur von Liestal. Sie stammt vom bedeutenden Künstler Richard Deacon aus Grossbritannien, aber das weiss kaum jemand. Bei der UBS war die Schwierigkeit, den Anschluss an die bestehende Häuserzeile zu finden. Ich habe die Aufgabe so gelöst, dass ich den Sitzungssaal als Zwischenelement eingefügt habe. So gelang der Anschluss des Hauptbaus an die bestehende Häuserzeile.»
3. Station: Das Lüdin-Areal
«Hier ist fast alles dem Tode geweiht, nur das markante Eckhaus und die angrenzenden älteren Bauten bleiben bestehen. Schade finde ich, dass das ‹Landschäftler›- Haus auch verschwinden muss. Es ist nicht von höchster Qualität, aber mit Fantasie gebaut. Das Sockelgeschoss mit den gehauenen Jurasteinen, das Türmchen und die Laube verleihen dem Gebäude etwas Währschaftes. Und der ‹Landschäftler› war ein wichtiges Presseorgan in unserem Kanton, diese Identität sollte man erhalten.
Architektur und Raumplanung sind verwandt, aber mit anderen Blickwinkeln. Der Architekt sieht die Parzelle, der Raumplaner die Parzelle und alles rundherum. Ein gutes Projekt gelingt, wenn beide zusammenwirken. Das Klischee, dass Architekten vor allem Denkmäler ihrer selbst errichten, mag für einige zutreffen. Ich würde niemals den Anspruch erheben, dass einer meiner Bauten denkmalwürdig sei. Für mich stand die Aufgabe im Vordergrund. Eine eigene ‹Handschrift› habe ich daher nicht entwickelt. Ich fing immer wieder bei Adam und Eva an! (lacht) Ich untersuchte den Kontext und fragte mich, wie ich die Bedürfnisse erfüllen konnte. Dabei ging ich pragmatisch vor – langweilig schien es vielleicht –, aber so kam ich zielgerichtet voran. Konflikte mit Investoren kann und konnte es immer geben, vor allem mit solchen, die nur die Rendite sehen und denen die Qualität zweitrangig ist. Namen will ich keine nennen, persönlich habe ich grösstenteils gute Erinnerungen an meine Bauherrschaften und meine realisierten Bauten.»
4. Station: Das Tertianum und die «Farnsburg»
«Unser Büro wurde beauftragt, das Tertianum zu bauen – es handelte sich um ein grosses und komplexes Programm. Die Gebäudegruppe um den grünen Innenhof erinnert ganz und gar nicht an ein Altersheim. Die grösste Hürde des ganzen Projektes war kurioserweise der Neophytenbaum, der stehen bleiben musste. Er trennt den neuen Bau von der historisierenden ‹Farnsburg›, die auch von Brodtbeck und Bohny stammt. Hier wurden Stilelemente einer Burg wie Zinne und Turm aufgenommen. Mich erstaunt, wie konsequent der Architekt die Formensprache halten konnte, das ist eine Leistung!»
5. Station: Die Allee
«Der helle Wahnsinn, was nun hier passieren wird: Die Post soll abgerissen und völlig neu gestaltet werden, obwohl der Postbetrieb immer weniger Fläche beansprucht. Die Bäume in der Allee sollen alle abgeholzt und durch neue ersetzt werden. Und schliesslich soll der Orisbach renaturiert werden. Dazu wird das Gerichtsgebäude ganz umgestaltet und mit einem Neubau erweitert. Der Anbau auf Stelzen fällt weg; das bestehende Gebäude wird wieder seinem ursprünglichen Aussehen angeglichen. In einigen Jahren wird dieser Stadtteil also ganz anders aussehen. Leider wird die Verbindungsbrücke vom Bahnhof zur Altstadt nicht realisiert. Der schmale Abgang bis zum Brüggli und darauf der Aufgang durch die ‹Schlucht› beim ‹Salmeck› bleiben somit weiterhin wenig einladend. Das Wehrmannsdenkmal darf erhalten bleiben, es nimmt sich sehr zurück und verleiht dem Platz etwas Würde und Ruhe. Damit wird das ‹Wetterhäuschen›, gestaltet von Wilhelm Brodtbeck, zum Drehpunkt der Neubauten. Noch ein städtebaulicher Gedanke zum Stadteingang: Wenn wir die beiden Stationen Lüdin-Areal und Allee zusammenlegen, entsteht ein neuer Stadtteil «Oris», und noch weiter gedacht, könnte man den früheren Fischweiher («See») wieder aufstauen, als erholsames Identifikationszentrum dieses Quartiers.»
6. Station: Das «Stedtli»
«Kürzlich habe ich einen alten Film gesehen, von 1983. Da fuhren Autos durchs ‹Stedtli›, und der Autobus hielt vor dem Stabhof. Verrückt, wenn man das mit heute vergleicht! Das ‹Stedtli› hat viel gewonnen. Die Aussenbestuhlung verleiht der Strasse eine gewisse Geschäftigkeit und Urbanität, was ein Gewinn ist. Auf keinen Fall hätte man die Rathausstrasse pflastern dürfen! Der Asphalt mit den Granitplatten, die die Parzellengrenzen markieren, schafft Raum und eine einladende Fläche, mit mobilen Sitzbänken und einem markanten Brunnen.
Der blaue ‹Vorhang› vor dem Stabhof ist eine optische Frechheit! Seit Jahren hängt diese scheussliche Zumutung vor dem Gebäude und könnte schon lange weg sein, wenn man die Fassade endlich renoviert hätte. Darüber ärgere ich mich immer wieder.
Am Rathaus-Anbau, der ein bestehendes Gebäude ersetzte, war ich auch beteiligt. Was mich sehr stört, ist der eingeschränkte Zugang zum schönen Innenhof. Niemand kann da ohne Anmeldeprozedere eintreten. In diesem Innenhof kommen drei Gebäudeteile zusammen: das ursprüngliche Rathaus von 1618, der Anbau von 1938 (von Brodtbeck und Bohny) und unser Neubau. Leider wurden die Inschriften übermalt, die an unsere Arbeit erinnerten. Schade, wenn solche historischen Spuren einfach überpinselt werden!»
7. Station: «Törliplatz»
«Das Café ‹Mühleisen› stammt auch aus unserem Büro, ein heute noch ansehnlicher Bau aus den 1930er-Jahren. Mutig finde ich von Felix Mühleisen, wie er die Idee des ‹Törliplatzes› konsequent verfolgt. Den Verkehr bringt man hier nicht weg, aber er ist gegenüber früher stark reduziert.»
8. Station: «Alte Braui» und Spittelerhof
«Im zweiten Stock über dem Restaurant, in der ehemaligen Wohnung von Carl Spittelers Eltern, befand sich mein Büro bis 2018. Da sind die meisten meiner Arbeiten entstanden.
Grosse Namen der Architekturszene wie Tadao Ando, Norman Foster, Frank O. Gehry, Frei Otto und Renzo Piano habe ich ‹live› an Vorträgen erlebt, die der Architekt Werner Blaser über viele Jahre hinweg in Basel veranstaltet hat. Für mich waren diese Abende geistiges Futter, wie eine grüne Weide für ein Tier, das neue Gräser entdeckt. Ein eigentliches Vorbild hatte ich nie. Beeindruckt hat mich jedoch Michael Alder, der auch zu meiner Generation gehörte. Und Peter Zumthor überrascht immer wieder mit seinen philosophisch anmutenden Ansätzen für seine Bauten.
Der ‹Spittelerhof› ist ein besonderer Bau von Rolf G. Otto. Die Idee der Rund- bögen brachte er von einer Reise nach Amerika zurück, wo ihn Louis Kahn sehr beeindruckt hatte. Über der Tiefgarage hängt ein Werk der Künstlerin Dorette Hügin aus Riehen; es zeigt den Motor des Garagentors in der Juralandschaft. Eine interessante Kombination!
Wenn ich auf meine Werke zurückblicke, so finde ich zum Beispiel die Schule von Lupsingen oder das ‹Niklaus Huus› der reformierten Kirchgemeinde in Lausen als gelungene Bauten in der Nähe. Ich durfte viele Einfamilienhäuser und Wohnsiedlungen realisieren, auch Industrie-, Schulbauten und öffentliche Gebäude. Einzig fehlt mir eine Kirche, dazu kam nie ein Auftrag. Diese Aufgabe hätte mich besonders gereizt.»
125 Jahre Architektur aus Liestal
ld. Andreas Rüegg (86) ist in Liestal aufgewachsen. Nach seinem Architekturstudium an der ETH Zürich trat er 1968 ins Architekturbüro von Rolf G. Otto (1924–2003) ein. Die Ursprünge dieses Unternehmens reichen zurück bis 1901, als es von Wilhelm Brodtbeck gegründet wurde. Fritz Bohny trat 1925 als Teilhaber ein, Rolf G. Otto vollzog diesen Schritt 1952 als Nachfolger von Wilhelm Brodtbeck. Die Aktiengesellschaft Otto + Partner wurde 1973 gegründet und mit Peter Müller, Andreas Rüegg und Joachim Geier als Partner erweitert. Dieses Jahr feiert Otto Partner Architekten, wie das Büro heute heisst, in einem Grossraumbüro in der Hanro sein 125-jähriges Bestehen.
Andreas Rüegg: «Sehe mich nicht als Künstler»
«Mensch – Raum – Lichtverhältnisse: Diese drei Grundpfeiler bestimmten das Arbeiten von Rolf G. Otto, meinem Chef. Für mich war er mein Lehrmeister, dem ich viel verdanke. Anfänglich war ich eher sein ‹Zudiener›. Relativ rasch konnte ich mich davon lösen und meine eigenen Ideen umsetzen. Der Chef gewährte mir diese Freiheit, was ich sehr schätzte. Er war ein Künstler durch und durch. Ich selber sehe mich nicht als Künstler, wobei meine Frau immer wieder betont, dass ich einer sei … Die Architektur ist natürlich nahe bei der Kunst beheimatet. Den Begriff ‹Schönheit› verwende ich nicht gerne, ich rede lieber von guter Architektur. Schöne Architektur entsteht, wenn sie gut ist. Das ist für mich eine Frage der Ästhetik. Es gibt nämlich auch die zu schöne Architektur. Wenn beispielsweise Blumenkisten mit Geranien auf Fenstersimse gestellt werden, kann das gemütlich aussehen, aber auch leicht kitschig wirken.
Jungen Architektinnen und Architekten empfehle ich, ehrlich und aufrichtig mit sich selber zu bleiben und ihr Handwerk fachmännisch und zugleich fantasievoll auszuführen. So können sie ihre Pläne in guten Bauten verwirklichen. Die Jungen sollen sich nicht scheuen, die eigene Arbeit, seien es Neu-, An- oder Umbauten, bis zum Ende Schritt für Schritt durchzudenken und zu vertiefen. Nur so kann sich gute Architektur weiterentwickeln.»
Aufgezeichnet: Lorenz Degen





