Schööni neui Wält

  06.11.2025 Persönlich

In de früejen Achzgerjoor hämmer alli im George Orwell sy Roman «1984» glääse. Die Vision von ere Zuekunft in ere freudlose Wält so grau wien e Knascht, wo der Mensch dur e Televisor ständig kontrolliert wird und ohni jedi Intimsphären immer unter Beobachtig stoot. Bim Schaffe, in der Wohnig, in Gedanke, im Bett sogar und bis in d Träum yynen der Maschinen usgliiferet, wo alles von em weiss und nüt vergisst. Das Buech het keine chalt gloo. Kei Pflichtlektüre wie no in der Schuel, sondern es Fanal vo der Ufkläärig, und hindedry häi mer s Gfühl gha, jetz syge mer gwarnt und zämme so stark, dass so öbbis nie je chönnt Wirkligkeit wärde.

I weiss vo mir, dass I znacht schnarchle. Das häi mer schon e paar Dame gsäit im Läbe. Drum bin I jo no so froh gsi, wo s Handy aagfange het, mi mit allerlei Videöli uf d Gfoore vom Schnarchlen ufmerksam z mache. «Achtung, eine Apnoe, ein Atemaussetzer kann Ihr Leben gefährden!», het s gheisse. Do dänk I: Hoppla, son e Zuefall, dasch jo genau my Probleem! Und am Schluss ha mer denn e passgenaui Schnarchschiine lo mache für satti 500 Stei.

Und letschti bloggt my mol die ganzi Nacht lang e bööse Hueschte. Ä ganz üble, ein vo tief us der Lungen unde. Do chunnt uf em Handy scho am andere Morgen es farbigs Video über so Wundertröpfli, wo d Lunge reinigen und beruejge. «Schleimfrei in drei Wochen», het s gheisse. Die han I natürlig sofort bstellt, und sii häi sogar gnützt.

Und doch ha my afo frooge, worum I eigentlig wie zuefellig immer Reklamen überchumm gege Problem, won I sälber grad ha. Wohär weiss denn öbber, was I momentan bruuch? Und do ghejts mer wie Schuppe vo den Auge: Aha, das isch personalisierti Wärbig! Dasch dänk, wil my Handy znacht näben em Bett am Ladekabel hangt und I gmeint ha, im Stumm-Modus syg s abgstellt. Aber das isch s gar nit, das chleine, gemeine Schysserli! Nei, äs loost mi die ganz Nacht lang ab, öb I schnarchlen oder huescht. Und denn verschickt s myni privatschten und intimschte Nachtgrüsch heimlig an so Gschäftlimacher, wo my hindedry mit ihren Aagebot bewirtschafte. So gseets us!

Das mahnt my plötzlig ganz extrem an George Orwell, numme hätt I mer e Televisor nie so farbig wien e Handy vorgstellt. Und au nie, dass I je so blööd wird und freiwillig e Spion ins Schloofzimmer mitnimm!

In den Achzger hämmer alli au im Ray Bradbury sy «Fahrenheit 451» glääse, dä Fiction-Roman über e totalitäre Staat, wo de Bürger s Lääse verbietet und alli Büecher öffentlig verbrennt. Und geschter stoot in der Zytig, in 23 amerikanische Bundesstaate geebs bereits schwarzi Büecherlischte. Dört wärde jetz «1984» und «Fahrenheit 451» us de Schuelbibliotheken entfärnt und zämme mit Hunderten andere Büecher in Verbrennigsaalagen entsorgt. Alles zum Schutz vo de Chinder vor subversive, schädlige, sexistische und gendereten Inhält, sääge sii.

Und mir häi früehner mol gmeint, mir syge doch gwarnt.


Florian Schneider wurde 1959 geboren und stammt aus Reigoldswil. Er ist Sänger, Schauspieler und Liederschreiber und lebt mit Tochter Mina in Eptingen.


Image Title

1/10

Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote