Schneemänner und Bier
11.09.2026 BaselbietEs hat geschneit, letzte Woche. Zum ersten Mal, seit wir hier sind, hat’s richtig geschneit. Etwa eine halbe Stunde lang. Lange genug, um mit dem Chnöpperli – er stand da mit offenem Mund und bestaunte das Wunder – einen kleinen Schneemann zu bauen und ein paar ...
Es hat geschneit, letzte Woche. Zum ersten Mal, seit wir hier sind, hat’s richtig geschneit. Etwa eine halbe Stunde lang. Lange genug, um mit dem Chnöpperli – er stand da mit offenem Mund und bestaunte das Wunder – einen kleinen Schneemann zu bauen und ein paar Schneebälle zu werfen. Und ich war wieder einmal vom Zauber berührt, den ein simpler Schneefall entfalten kann. Nachdem es gefühlt wochenlang geregnet hatte, verwandelten sich die Tropfen gegen Abend in dicke weisse Flocken.
In anderen Teilen Chiles hat der reichliche Regen zu Hangrutschen und Überschwemmungen geführt. Fast im ganzen Land fiel stundenlang der Strom aus. In unserer Hauptstrasse hat der Regen die Schlaglöcher zu wahren Kraterseen ausgewaschen. Da heisst es Slalom fahren oder, wenn sie die ganze Strassenbreite einnehmen, ganz vorsichtig hineinfahren, um keinen Achsbruch zu riskieren. Anstatt sie zu flicken, stellt die Gemeinde einfach rot-weisse Kegel in die Löcher. Für Johnny mit vollem Holzanhänger eine echte Herausforderung.
Die Bilder und Nachrichten aus der alten Heimat lassen uns das reichliche Nass vom Himmel noch höher schätzen. Obwohl sich Fahrwege in Schlammpisten verwandeln und die Tiere Zuflucht in ihren Ställen suchen, sind wir dankbar, dass die Natur so grosszügig den Durst der Wiesen und Wälder stillt. Sie danken es damit, dass sie trotz des kalendarischen Winters bereits neue Triebe und Blätter produzieren.
Das ist dann auch der Anstoss für Yvonne, ihre umfangreiche Sammlung an Samen zu sortieren, Aussaaterde vorzubereiten und die Einteilung des Gemüsegartens zu planen. Johnny rodet währenddessen das Gelände fürs neue Treibhaus. Sobald wir die Erd-, Heidel- und Himbeeren umpflanzen können, haben die Schweine den Auftrag, den Garten umzugraben. Mein Job ist es, gründlich zu jäten und gleichzeitig dem Chnöpperli beizubringen, welche Pflanzen er ausreissen darf und welche er in Ruhe lassen muss. Letzthin hat er der neu gekauften Kamelie sämtliche Blüten abgerissen und sie voller Freude über den schlafenden Katzen verstreut. Den frisch treibenden Fenchel hat er gleich ganz aufgegessen.
Mittlerweile geht auch der Bau der grossen Scheune voran. Langsamer als wir es uns wünschen, denn die Mitarbeiter tauchen nur dann auf, wenn sie Geld brauchen oder keine dringenderen Aufgaben zu erledigen haben. Kann aber auch vorkommen, dass der eine oder andere schlicht zu betrunken ist, um mit scharfem Werkzeug zu hantieren. Dann ruft Kollege Mauri ehrlich zerknirscht an, er könne leider nicht, weil er von seiner Frau zu Hausarrest verdonnert worden sei. Das ist die Quittung, wenn er mit zu vielen Promillen heimkehrt. Für uns ist das manchmal eine echte Herausforderung. Doch allmählich gewöhnen wir uns an die hiesigen Gepflogenheiten und machen, anstatt uns aufzuregen, auch ein Bier auf.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

