Schlaganfall mit Folgen
27.03.2026 BaselbietIn einem Podcast hörte ich die Geschichte einer Neurowissenschaftlerin, die mich faszinierte. Jill Bolte Taylor war bereits Professorin an der Harvard Universität, als sie mit 37 Jahren einen Schlaganfall erlitt. Wegen einer Gefässmissbildung im linken Teil ihres Gehirns kam es ...
In einem Podcast hörte ich die Geschichte einer Neurowissenschaftlerin, die mich faszinierte. Jill Bolte Taylor war bereits Professorin an der Harvard Universität, als sie mit 37 Jahren einen Schlaganfall erlitt. Wegen einer Gefässmissbildung im linken Teil ihres Gehirns kam es dort zu einer Blutung. Innert Stunden war ein wichtiger Teil ihrer linken Gehirnhälfte nicht mehr funktionsfähig. Der rechte Arm war gelähmt, sie hatte ihr ganzes Wissen verloren, wusste nicht mehr, wer sie war und wo sie war und erinnerte sich an nichts mehr. Sie konnte weder lesen, schreiben, noch klar sprechen und verstand auch die Leute nicht mehr. Sie überlebte, musste aber alles Gelernte mühsam neu erlernen. Sie war wie ein unwissendes Kind im Körper einer erwachsenen Frau.
Eindrücklich schildert sie im ersten Buch «Mit einem Schlag» ihre über acht Jahre dauernde Rehabilitation. Eindrücklich für sie war, wie in ihr während dieser Zeit, als sie nur von der rechten Hirnhälfte gesteuert wurde, eine starke innere Ruhe aufkam, da alle Erinnerungen verschwunden waren. Die rechte Hirnhälfte ist gegenwart- und gefühlsorientiert, die linke steuert die Sprache, analysiert die Vergangenheit, plant die Zukunft und konzentriert sich auf Details. So fühlte sich ihr Bewusstsein in dieser Zeit ohne die linke Hälfte mit dem ganzen Universum verbunden, ein Zustand, der sonst nur in tiefster Meditation oder Träumen möglich ist.
Ihre Mutter kam angereist und tat, was sie mit ihr schon als Kleinkind getan hatte: Sie brachte ihr alles nochmals bei, mit einem Verständnis und einer Geduld, wie es wohl nur Eltern können. Wahrscheinlich dank der unbändigen Energie und ihrem angeborenen starken Willen zur Genesung lernte Jill wieder sprechen, lesen, wie auch die verschiedenen Bedeutungen von Wörtern und Begriffen wieder zu erkennen. Während sich die linke Hirnseite in Zeitlupe erholte und je mehr sie wieder gelernt hatte, desto mehr fand sie in den früheren Alltagszustand zurück. Das Streben nach Anerkennung und Vergleiche wurden wieder wichtig, Überzeugungen entwickelten sich, Ängste, Ablehnung, Missgunst, Stolz, Neid und Hass spielten wieder eine Rolle.
Als Lehrkraft für Anatomie überlegte sie sich, wie es möglich ist, dass zwei Hirnhälften, die anatomisch gleich aussehen, derart verschiedene Gefühlswirklichkeiten und Wahrnehmungen im Menschen auslösen können und wie sich diese verhalten. Ihre Erlebnisse während der Rehabilitation verarbeitete sie mit ihren Kenntnissen der Nervenanatomie. Sie erlebte ihre Situation, als würden sich in ihr vier verschiedene Charaktere miteinander auseinandersetzen. In beiden Hirnhälften existieren Nervennetzwerke mit je einem emotionalen und einem rationalen Charakter. Die emotionalen Anteile befinden sich im Bereich der tiefliegenden Hirnanteile, dort wo viele angeborene Abläufe verankert sind. Nach der Geburt steuern diese Strukturen Atmung, Durst, Verdauungsabläufe, Schlafrhythmus, aber auch Aufmerksamkeit und Angst. Sie sichern uns vorerst einmal das Überleben, später werden diese immer differenzierter ausgebildet. Die rationalen Charaktere lokalisieren sich in den Grosshirnregionen und der Hirnrinde.
Vier Charaktere
Es ist faszinierend, ihre Schilderungen zu verfolgen und mitzuerleben, wie sie die Welt wiederentdeckte. Sie hat über Jahre stufenweise die Funktionsfähigkeit des linken Gehirnteils wieder dazu gewonnen und in einem Buch «Whole Brain living» oder auf deutsch «Gehirn4» ausgedehnt ihre Erfahrungen und Veränderungen geschildert. Ihre vier Charaktere, wie sie diese in der Erholungszeit erlebte, versucht sie so zu beschreiben:
Charakter 1, «Ist alles in Ordnung mit mir?» – der linke rationale Denkmodus, steht für strukturiertes, lineares und sprachbasiertes Denken, das auf Ordnung, Zeit und gesellschaftliche Konformität ausgerichtet ist und ständig neu dazu lernt.
Charakter 2, «Bin ich sicher?» – der linke emotionale Modus, verkörpert das auf Erlebnissen beruhende Ich, das in Angst, Wut und vergangenen unangenehmen oder bedrohlichen Erfahrungen verwurzelt ist, die uns mehrheitlich vor unbedachten Handlungen schützen. Andererseits sind auch positive Erfahrungen einbezogen, welche die eigene Sicherheit verstärken wie Stolz auf Erreichtes oder bewährtes Verhalten.
Charakter 3, «Wann geht die Party los?» – der rechte emotionale Modus, arbeitet mehrheitlich mit Bildern und widerspiegelt spontanes, kreatives und in Zusammenhängen denkendes Bewusstsein, das aus dem gegenwärtigen Augenblick entsteht.
Charakter 4, «Ich fühle mich eingebettet im Universum» – der rechte rationale Modus repräsentiert weites, unbegrenztes Bewusstsein über sich selbst hinaus, verbunden mit der ganzen Natur. Aus ihm entwachsen Mitgefühl, Empathie, Demut und Ehrfurcht.
Umgang mit ihnen
Viele Funktionen der linken Hirnhälfte stehen in der heutigen Zeit, in der das rationale Denken betont und durch die Computertechnik und die Wissenschaft noch intensiviert wird, ständig im Vordergrund. Der Anteil der rechten Hirnhälfte, den sie über Jahre erlebt hatte, wurde in der Rehabilitation wieder zunehmend durch die Charaktere der linken Seite verdrängt.
Sie schildert, wie sie begonnen hat, mit ihren vier Charakteren zu verhandeln. Sie nennt es «Konferenz der vier Charaktere» und kann damit einen raschen Wandel des inneren Zustandes erreichen. Diese Methode ist erlernbar und hat den inneren Frieden als Ziel. Die Verbindungen des gesamten Gehirns und das Zusammenspiel aller Hirnverbindungen sind wichtig für die individuelle Entwicklung.
Der Bericht ist einerseits eine differenzierte Anleitung aus erster Hand, wie mit einer Patientin mit Schlaganfall umgegangen werden könnte. Ausserdem kann das subjektive Erlebnis einer Wissenschaftlerin, die aus ihren Erfahrungen in der langsamen Rehabilitation ihre Schlüsse zieht, das Interesse wecken, unsere eigenen Persönlichkeitsmerkmale zu überdenken und vielleicht neu einzuordnen.
Der ständige Austausch der verschiedenen Netzwerkstrukturen läuft bei jedem von uns auf eine besondere Art ab. Neben der Vererbung spielt die persönliche Vergangenheit eine wichtige Rolle. Bei Jill Bolte Taylor hat ihr Schicksal persönliche Erkenntnisse ermöglicht und auch für uns durch ihre eindrücklichen Schilderungen erlebbar gemacht.

