«Sagen sind selten eindeutig»
18.09.2026 PersönlichIm AS Verlag ist ein neues Buch mit 26 Schweizer Sagen erschienen – über Wasserburgen, Zauberschiffe, verzauberte Krüge und vieles mehr. Der Gestalter des Buchs, Jan-Ulrich Schmidt, spricht im Interview über das Projekt.
Barbara Saladin
...Im AS Verlag ist ein neues Buch mit 26 Schweizer Sagen erschienen – über Wasserburgen, Zauberschiffe, verzauberte Krüge und vieles mehr. Der Gestalter des Buchs, Jan-Ulrich Schmidt, spricht im Interview über das Projekt.
Barbara Saladin
Herr Schmidt, wann kamen Sie zum ersten Mal mit Sagen in Kontakt?
Jan-Ulrich Schmidt: Ich war als Kind buchstäblich von Büchern umgeben. Die erste Geschichte, an die ich mich konkret erinnern kann, war die Sage von der Gründung Roms. Zudem hat mich schon als Kind interessiert, wie Sprachen entstehen, also wo sie eigentlich herkommen. Da meine Mutter Kunst unterrichtete, kam ich genauso früh mit dem Malen in Berührung.
Was macht für Sie die Faszination für Sagen aus?
Besonders reizvoll finde ich, dass Sagen fast immer an einen ganz bestimmten, häufig noch existierenden Ort gebunden sind: einen Brunnen, einen Felsen, einen See. In ihnen verdichtet sich ein Wissen über diesen Ort, das sich mit blossen Fakten nicht erzählen liesse. Als jemand, der die Schweiz erst als Erwachsener kennengelernt hat, war das für mich ein direkter Zugang zu Landschaft und Mentalität. Dazu kommt, dass Sagen selten eindeutig sind. Sie kennen Licht und Schatten, Verdienst und Strafe, ohne moralisch mit dem Zeigefinger zu arbeiten. Genau dieses Schwebende hat mich als Künstler von Anfang an angezogen.
Was ist Ihre Lieblingssage aus der Region, in der Sie aufwuchsen?
Wenn ich eine Sage aus meiner Herkunftsregion nennen soll, ist es die Sage um Burg Frankenstein im Odenwald nahe Darmstadt. Mich fasziniert daran, dass ein realer, begehbarer Ort durch Erzählungen eine zweite, geheimnisvolle Bedeutung erhält. Man sieht die Burg, die Landschaft und die Felsen mit anderen Augen, wenn man ihre Geschichten kennt. Am Ende stellt sich für mich dabei immer wieder dieselbe Frage: Welchen Einfluss hat die Geografie auf das Denken der Menschen, aus dem wiederum solche Geschichten entstehen?
Wo liegen für Sie die Hauptunterschiede zwischen den Sagen der verschiedenen Schweizer Sprachregionen?
Mir ist aufgefallen, dass in den deutschsprachigen Beispielen häufig Berge und Wasserfrauen vorkommen und der Ton mitunter rauer und moralisierender wirkt. Die französischsprachigen Geschichten erschienen mir häufig leiser und poetischer. Im Tessin spürte ich die Nähe zur oberitalienischen Erzähltradition, und die rätoromanischen Sagen aus Graubünden wirkten auf mich besonders stark von älteren Erzähltraditionen geprägt.
Warum sind Sagen heute noch so beliebt, obwohl es jahrhundertealte Erzählungen sind?
Ich glaube, weil sie eine Lücke füllen, die eine rationale, technisierte Welt offen lässt. Wir erklären heute vieles wissenschaftlich, aber das Bedürfnis nach Geschichten, die Zufall, Schuld und Schicksal in eine erzählbare Form bringen, ist dadurch nicht kleiner geworden. Sagen sind zudem an konkrete Orte gebunden, die es noch gibt. Das schafft eine Verbindung zur eigenen Herkunft, die in einer globalisierten Zeit eher wichtiger als unwichtiger geworden ist. Geschichten sind, wie jede Kunst, unser Zugang zur Welt, ein Weg zu verstehen, wer und wo wir sind. Ohne sie sind wir verloren.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Sagen ausgesucht?
Die Auswahl jeder einzelnen Geschichte hat auf die eine oder andere Weise mit meinem Leben zu tun. Daneben war die Vollständigkeit das oberste Kriterium: Aus jedem der 26 Kantone sollte genau eine Sage vertreten sein, und jede Geschichte sollte zuerst in jener Mundart erscheinen, die in der jeweiligen Region tatsächlich gesprochen wird. Für die Mundartfassungen habe ich deshalb in den einzelnen Regionen gezielt nach Menschen gesucht, die den lokalen Dialekt aus erster Hand kennen; insgesamt konnte ich so 27 Übersetzerinnen und Übersetzer für das Projekt gewinnen.
Wie haben Sie die Sage vom Goldbrünnlein fürs Baselbiet ausgesucht?
Wie bei den meisten der 26 Geschichten habe ich mich zunächst durch ältere Sagensammlungen und heimatkundliche Schriften aus der jeweiligen Region gearbeitet, ergänzt durch Gespräche mit Menschen vor Ort. Im Baselbiet gab es mehrere Anwärter, aber am Ende hat mich das Goldbrünnlein wegen seiner stillen, fast unscheinbaren Tragik überzeugt: kein lauter Fluch, kein Drache. Nur eine Quelle, die für immer verstummt.

