«Russland arbeitet daran, den Westen als Konstrukt zu zerstören
31.12.2025 SchweizExperte Marcel Hirsiger über Putins Imperialismus, hybride Kriegsführung und die wachsende Bedeutung Ostmitteleuropas
Die Länder Ostmitteleuropas sind für die Schweizer Wirtschaft wichtige Partner, sagt FHNW-Dozent Marcel Hirsiger. Die Region ist stark gewachsen, zieht ...
Experte Marcel Hirsiger über Putins Imperialismus, hybride Kriegsführung und die wachsende Bedeutung Ostmitteleuropas
Die Länder Ostmitteleuropas sind für die Schweizer Wirtschaft wichtige Partner, sagt FHNW-Dozent Marcel Hirsiger. Die Region ist stark gewachsen, zieht zahlreiche Investitionen an und spielt eine Schlüsselrolle bei der Eindämmung des russischen Einflusses in Europa.
Janis Erne
Herr Hirsiger, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn: Die Länder Ostmitteleuropas generieren rund ein Zehntel der Wirtschaftsleistung der EU. Erhält diese Region aus ökonomischer Sicht genügend Aufmerksamkeit?
Marcel Hirsiger: Sie wird konstant unterschätzt. Ein Beispiel: Die Schweiz war lange Zeit die 20. grösste Volkswirtschaft der Welt, vor wenigen Monaten wurde sie von Polen überholt. Das wurde bei uns überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Auch in der Hochschullandschaft geht Ostmitteleuropa vielfach unter, etwa in den betriebswirtschaftlichen Fächern. Meistens wird es nur aus historischer oder geisteswissenschaftlicher Perspektive betrachtet.
Worauf führen Sie diese Wahrnehmungslücke zurück?
Ostmitteleuropa liegt nur wenige Flugstunden von uns entfernt.
Einerseits gibt es noch immer starke Vorurteile aus der Zeit des Kalten Kriegs. Andererseits betrachten wir die Handelsbilanzen jeweils auf der Ebene einzelner Länder. Da hilft es der Sichtbarkeit natürlich nicht, dass Ostmitteleuropa aus vielen kleinen und mittelgrossen Staaten besteht. Tatsache ist: Länder wie Polen, die baltischen Staaten, Tschechien oder die Slowakei gehören zu den bedeutendsten Wirtschaftsregionen für die Schweiz. Polen ist das wachstumsstärkste Land der europäischen Wirtschaft; weltweit wuchs in den vergangenen 30 Jahren nur China stärker.
Welche Branchen investieren in Ostmitteleuropa?
Lange Zeit haben Unternehmen vor allem ihre Produktionstätigkeiten nach Ostmitteleuropa verlagert. Seit einigen Jahren beobachten wir jedoch eine Verschiebung hin zu firmeninternen Dienstleistungen. Fast alle Basler Pharmafirmen unterhalten in Polen Standorte – beispielsweise in den Bereichen IT, Logistik, Einkauf, Personalwesen, Strategie oder Compliance.
Wie gross sind die Bewegungen?
Allein in Polen haben Schweizer Unternehmen in den vergangenen Jahren mehr als 90 000 Arbeitsplätze geschaffen. Das ist fast die Grösse unseres Bankensektors. Sie tun dies heute nicht mehr, um Arbeitsplätze zu verlagern und Kosten zu senken, sondern aus anderen Gründen.
Pharmafirmen aus der Region Basel investieren auch in Slowenien. Was macht dieses Land so attraktiv?
Wie in Polen gibt es in Slowenien Zugang zu Fachkräften und gut ausgebildeten Menschen. Hinzu kommt, dass beide Länder aktiv Investitionen anziehen. Dabei kommen ihnen ihre zentrale Lage in Europa oder die Anbindung an die chinesischen Handelsrouten zugute. Im Fall von Slowenien spielt zudem eine Rolle, dass es dort – obwohl es ein kleines Land ist – noch viele freie Wirtschaftsflächen gibt, auch in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt Ljubljana. Das ist für die Logistik von Vorteil.
Auch die Autoindustrie ist in Ostmitteleuropa stark vertreten.
In der Tat. Es gibt sowohl Firmen, die selbst Autos produzieren, als auch Zulieferer. Für die ostmitteleuropäischen Länder ist die Autoindustrie auch deshalb wichtig, weil sie in ländlichen, wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen Arbeitsplätze schafft. Diese einfachen Tätigkeiten können auch von weniger gebildeten Arbeitnehmenden ausgeführt werden.
Die deutsche Autoindustrie steht unter Druck – auch aufgrund der Konkurrenz aus China. Welche Auswirkungen hat das auf Länder wie Tschechien, die Slowakei, Ungarn oder Rumänien?
Ich beobachte noch keine grossen Auswirkungen. Im Gegenteil: In letzter Zeit wurde wiederholt über Investitionen deutscher Autohersteller in Ostmitteleuropa berichtet. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Firmen ihre Abhängigkeit von China und dem asiatischen Raum reduzieren und somit das politische Risiko minimieren möchten. Europäische Standorte dienen der Diversifikation.
Seit dem Ende des Kalten Kriegs und seit der EU-Integration gibt es zwei Entwicklungen in Ostmittel- europa: Einerseits konnte sich eine Mittelschicht etablieren und der Wohlstand ist gestiegen, andererseits hat die Armut in einigen Ländern zugenommen. Wie schätzen Sie diesen Kontrast ein?
Im Grossen und Ganzen war der EU-Beitritt für die meisten ostmitteleuropäischen Länder eine sehr positive Sache. Es fand nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische und gesellschaftliche Entwicklung statt. Allerdings haben die ländlichen Regionen nicht im gleichen Ausmass profitiert wie die Städte.
Waren die Erwartungen, dass die Staaten wirtschaftlich schnell aufholen, zu hoch?
Zum Teil schon. Die Annahme, dass die ostmitteleuropäischen Staaten innerhalb weniger Jahre zu uns aufholen würden, war von Anfang an falsch. Die Strukturen in diesen Ländern waren Anfang der 1990er-Jahre, nach dem Ende des Kommunismus, am Boden. Es dauerte lange, sie wieder aufzubauen. Zudem gibt es einen zweiten Punkt, den wir in Westeuropa bis heute nicht verstanden haben.
Welchen?
Wir sind davon ausgegangen, dass unser Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell für alle ein Vorbild ist. Und dass die Länder dankbar sind, wenn sie so werden dürfen wie wir. Wir merken nun, dass ein gewisser Teil der Bevölkerung in Ostmitteleuropa unseren Lebensstil aus verschiedenen Gründen nicht als Vorbild betrachtet und sich diesem auch ein Stück weit widersetzt. Davon profitieren bestimmte politische Parteien in diesen Ländern.
Beispiele dafür sind Polen und Ungarn, wo viele Menschen populistische Parteien wählen.
Genau. Diese Länder haben 30 Jahre lang an sich gearbeitet und unglaublich viel erreicht. Trotzdem werden sie von uns immer noch wie Länder zweiter Klasse behandelt. Bei seinem Antritt als Ministerpräsident vor zwei Jahren sagte Donald Tusk, er wolle, dass Polen den Platz bekommt, den es verdient. Und das ist eben ein Platz am Tisch der Grossen, denn Polen ist immerhin das fünftbevölkerungsreichste Land der EU.
Anders als Tusk fordern populistische Parteien jedoch nicht mehr Teilhabe, sondern Distanzierung von der EU.
Das beobachten wir bereits im Osten Deutschlands, wo Parteien wie die AfD oder das Bündnis Sahra Wagenknecht mit anti-europäischen Ressentiments spielen. Sie postulieren eine Rückkehr zu alten Mustern. Das darf man nicht unterschätzen. Denn solche Parteien stehen teilweise unter russischem Einfluss und russischer Finanzierung, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Bulgarien, Rumänien oder Moldawien. Ihre Positionen verfangen bei 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung.
In vielen ostmitteleuropäischen Staaten kommt es häufig zu Regierungswechseln. Welche Auswirkungen hat diese politische Instabilität auf die Akzeptanz der Demokratie?
Aus Schweizer Sicht wirken die vielen Regierungswechsel skurril, da wir bei uns eine unglaubliche Konstanz haben. Grundsätzlich stehen die Menschen in Ostmitteleuropa aber hinter der Demokratie. Unterschiede gibt es eher bei kulturellen Wertvorstellungen.
Worauf führen Sie die vielen Regierungswechsel in den Ländern Ostmitteleuropas zurück?
Das hängt damit zusammen, dass sich nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Regime zuerst neue Strukturen entwickeln mussten. Wir beobachten seither eine grosse Dynamik in der Parteienlandschaft. Viele Parteien werden aufgelöst oder schliessen sich mit anderen zusammen. Wir erleben eine Parteienbildung, wie sie in der Schweiz im 19. Jahrhundert stattgefunden hat. Dass es zu vielen, aber geordneten Regierungswechseln kommt, ist jedoch ein positives Zeichen, denn es zeigt, dass die Demokratie funktioniert. Das Gegenstück dazu sehen wir in Russland, wo es seit 25 Jahren keinen Machtwechsel mehr gab …
Korruption unter Politikern ist in Ostmitteleuropa nach wie vor ein grosses Problem. Sehen Sie hier
Fortschritte?
Im Grossen und Ganzen haben die meisten Länder Fortschritte gemacht, allerdings sind sie auch auf einem sehr niedrigen Niveau gestartet. Betrachtet man die Ukraine, wo es kürzlich einen Korruptionsskandal im Umfeld von Präsident Selenski gab, so kann man immerhin positiv anmerken, dass es mittlerweile eine Behörde gibt, die trotz des Kriegs in der Lage ist, solche Machenschaften aufzudecken. In den meisten ostmitteleuropäischen Ländern gibt es funktionierende Antikorruptionsbehörden. Aber Korruption ist ein derart grassierendes Phänomen, dass man es nicht von heute auf morgen vollständig beseitigen kann.
In Rumänien zum Beispiel haben die Sozialdemokraten vor ein paar Jahren Gesetze geändert, um ihre Exponenten von Strafen zu bewahren. Es bleibt also noch viel zu tun.
Wir erleben sehr oft, dass Gesetze so geändert werden, dass es Amnestie gibt. Das sieht man übrigens auch in den USA. Zu Ostmitteleuropa muss man anmerken: Der Zusammenbruch der sozialistischen Regime liegt «erst» 35 Jahre zurück. Das ist etwas mehr als eine Generation. Viele Personen, die heute an der Macht sind, haben ihre Wurzeln und ihre Unterstützer aus dieser Zeit. Mittelfristig dürften diese Machtstrukturen jedoch verschwinden.
Ein Argument der EU-Kritiker ist, dass die Kohäsionsbeiträge, welche die Schweiz zahlt, in dubiose Kanäle fliessen und deshalb aus dem Fenster geworfenes Geld seien.
Was ist Ihre Meinung dazu?
Ich sah in den vergangenen Jahren wiederholt, was mit Kohäsionsgeldern im Fall von Polen passiert. Dabei habe ich einen hervorragenden Eindruck gewonnen. Ein Teil fliesst beispielsweise direkt in die angewandte Forschung und Entwicklung. Davon profitieren auch Schweizer Hochschulen und Unternehmen. Zudem werden Projekte in den Bereichen Stadtentwicklung, Nachhaltigkeit und Korruptionsbekämpfung unterstützt. Wichtig zu wissen ist, dass die Gelder jeweils bilateral, also in Abstimmung mit der Schweiz, investiert werden. Und von den Projekten profitieren immer auch die Schweizer Partner.
Moldawien verhandelt mit der EU über einen Beitritt, gleichzeitig verfolgt Russland dort eigene ideologische und geopolitische Interessen.
Wird Moskau das Land «einfach so» loslassen?
Moldawien ist auf dem Weg Richtung EU. Das haben die Menschen bei den letzten Wahlen bestätigt, obwohl der russische Einfluss sehr gross war. Das Land ist zwar wirtschaftlich weder für die Schweiz noch für die EU relevant, sicherheitspolitisch jedoch sehr wohl. Wenn wir über hybride Kriegsführung und russischen Imperialismus sprechen, dann müssen wir nicht nur die Ukraine, sondern auch Georgien und Transnistrien, einen abtrünnigen Teil Moldawiens, berücksichtigen. Auch in den baltischen Staaten gibt es russische Minderheiten, die aus Sicht Putins bedroht sind und ein gewaltsames Eingreifen legitimieren.
Wie abhängig ist Europa von Russland im Energiebereich?
In Ostmitteleuropa sind vor allem Ungarn und die Slowakei noch stark von russischem Öl und Gas abhängig. Das sind die Länder, die sich gegen Sanktionen in diesem Bereich sträuben. Es ist wahrscheinlich auch kein Zufall, dass in beiden Ländern Regierungen an der Macht sind, die Russland freundlich gesinnt sind. Europa als Ganzes ist nicht mehr stark auf russisches Öl oder Gas angewiesen. Vermutlich könnte man mittlerweile auch diesen Teil durch andere Quellen ersetzen.
Wie sieht es bezüglich Atomkraft aus?
Im Fall der Nuklearenergie ist die Abhängigkeit stärker. Es gibt nicht viele Produzenten von Brennstäben und Länder, welche die Wiederaufbereitung von Uran anbieten. Russland ist nach wie vor Weltmarktführer und arbeitet beispielsweise auch mit französischen Energiekonzernen zusammen.
Neben dem Kauf von Energie unterstützt der Westen Russland auch indirekt – und zwar durch den Export industrieller Produkte, die auf Umwegen in Putins Raketen und Kampfdrohnen verbaut sind.
Das ist leider so. Erst kürzlich wurde eine Recherche veröffentlicht, die aufzeigt, wie viele westliche Mikroelektronikkomponenten in russischen Waffen enthalten sind. An erster Stelle lagen Teile aus US-amerikanischen Firmen, mit grossem Abstand folgten chinesische Unternehmen und an dritter Stelle Schweizer. Unsere Firmen dürfen auf direktem Weg keine Teile mehr nach Russland liefern. Doch es gibt Umgehungsgeschäfte über China, die Türkei oder Serbien, von denen die Schweizer Behörden wissen.
Sind unsere Exportkontrollen zu lasch?
Wir müssten viel restriktiver sein und den Verkauf an verdächtige Zwischenhändler verbieten. Zudem müssen die Kontrollen verstärkt werden. Es darf nicht sein, dass Schweizer Firmen das russische Töten von ukrainischen Soldaten und Zivilisten indirekt unterstützen.
Sabotageakte, Cyberattacken oder Drohnenüberflüge: Russland führt einen hybriden Krieg gegen Europa.
Was bezweckt Putin damit?
Das Ziel der russischen Führung ist es in erster Linie, die Gesellschaft im Westen zu spalten. Ein Beispiel sind die russischen Drohnen, die Anfang September über Polen auftauchten. Betrachtet man ihre Flugbahn, wird deutlich, woher sie kamen. Gleichzeitig kam in den sozialen Medien die Behauptung auf, es könnten auch ukrainische Drohnen gewesen sein. Es hiess, es könne sich um eine «False-Flag»-Operation der Ukraine handeln, um die Nato in den Krieg zu ziehen. An diesen Gerüchten ist nichts dran, aber dieses Muster wiederholt sich.
Wo zum Beispiel?
Bei der Sabotageaktion Mitte November in Polen, als eine Bahnlinie gesprengt wurde. Die Spuren führten eindeutig zu russischen Geheimdiensten. Gleichzeitig tauchten Gerüchte auf, es könnten die Ukrainer gewesen sein.
Was bringt das Putin?
Die russische Propaganda in den sozialen Medien sowie in den Kommentarspalten traditioneller Medien erzeugt eine unübersichtliche Lage. Man weiss nicht, was stimmt und was nicht. Das führt dazu, dass man am Ende gar nichts mehr glaubt. Und wenn wir weder Russland noch der Ukraine glauben, hat Putin als Aggressor de facto gewonnen.
Gleichzeitig will Putin mit seinen Worten auch Verunsicherung schüren.
Atomare Drohungen sind Teil seiner hybriden Kriegsführung. Sobald im Westen über ein stärkeres Engagement in der Ukraine diskutiert wird, lässt Putin verlauten, dass Russland über Atomwaffen verfüge und im Notfall nicht zögern würde, diese einzusetzen. Das Schlimme ist: Der Westen lässt sich jedes Mal von Russland einschüchtern. Absurd war es, als neue russische Unterwassertorpedos vorgestellt wurden, die zwar einen atomaren Antrieb haben, aber keine Atomwaffen transportieren. Auch da gab es Stimmen im Westen, sich besser nicht mit Russland anzulegen. Wegen der Atomdrohung sind wir seit fast vier Jahren nicht in der Lage, entschlossen und geschlossen hinter der Ukraine zu stehen.
Bereits vor dem Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 wiesen Sie auf die Feindseligkeit Russlands gegenüber dem Westen hin. Wie weit wird Putin im Konflikt mit der Nato gehen?
Das ist Spekulation. Ich erkenne jedoch zwei Linien im russischen Handeln, die Jahrzehnte zurückreichen. Die eine ist der russische Imperialismus, also der Anspruch, dass gewisse Regionen «von Natur aus» zu Russland gehören. Dabei orientiert sich Putin weniger an der Sowjetunion als vielmehr am Russland des 18. und 19. Jahrhunderts. Dies wird deutlich, wenn man sich anschaut, welche Zaren in russischen Fernsehserien und Filmen verehrt werden. Zu diesem imperialen Anspruch gehört nicht nur die Ukraine, sondern beispielsweise auch Moldawien, Polen oder die baltischen Staaten.
Und was ist die zweite Linie?
Russland arbeitet daran, den Westen als Konstrukt zu zerstören. Im Zentrum steht unser Wertesystem, an dem wir seit der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert arbeiten. Dazu gehören Prinzipien wie die Meinungsfreiheit sowie die Selbstbestimmung von Menschen und Nationen. Die russische Elite fühlt sich dadurch in ihren Möglichkeiten eingeschränkt und verfolgt deshalb einen Kurs, der in die Vergangenheit zurückführt.
Wie gross ist die Gefahr einer Ausweitung des Ukraine-Kriegs?
Russland bereitet sich gesellschaftlich und militärisch auf einen grösseren Krieg vor. Das zeigt sich nicht nur an der hochgefahrenen Waffenproduktion, sondern auch an der Mobilisierung. So wurde erst kürzlich ein Gesetz geändert, das es ermöglicht, ohne Parlamentsbeschluss die Reserven zu mobilisieren. Russland macht keinen Hehl daraus, dass es bereit ist, gegen die Nato zu kämpfen. Im Rahmen der jüngsten «Friedensgespräche» sagte Putin, dass der Westen Russland angreifen wolle und man gegebenenfalls einen Präventivschlag durchführen müsse.
Wie könnte ein Konflikt zwischen Russland und der Nato aussehen?
Es wird nicht die Art von Krieg sein, wie man sie aus dem 20. oder 19. Jahrhundert kennt. Es wird wahrscheinlich gezielte Angriffe geben, mit denen Russland testet, wie geschlossen die Nato ist. Ein mögliches Szenario wäre ein Angriff auf einen baltischen Staat. Russland bereitet sich vor – und könnte schneller zur Tat schreiten, als wir glauben. Die Zahlen, die bei uns kursieren, 2029 oder 2030, halte ich leider für zu optimistisch. Ich gehe davon aus, dass der Konflikt früher kommen könnte.
Dafür spricht, dass Donald Trump noch drei Jahre lang an der Macht sein wird und nicht als bedingungsloser Nato-Freund gilt.
Der amerikanische Präsident hat mehrfach deutlich gemacht, dass er nicht bereit ist, Länder zu unterstützen, die aus seiner Sicht zu wenig für ihre Verteidigung bezahlen. Für Russland ist der Zeitpunkt in den nächsten zwei bis drei Jahren ideal, weil Europa sich militärisch noch nicht von Amerika lösen konnte.
Zudem kann Russland auf ökonomische Unterstützung aus China zählen.
China spielt in meinen Augen eine undurchsichtige Rolle. Peking hat sich nie wirklich zu Russland bekannt, sich aber auch nie davon abgekehrt. Man könnte provokativ sagen, China warte ab, bis der Krieg vorbei ist, um dann vor allem beim Wiederaufbau in der Ukraine zu profitieren. Generell verfolgt China in Europa vor allem ökonomische Motive.
Was ist das Ziel Russlands? Will es Staaten wie Estland, Polen oder Moldawien in seine Föderation eingliedern oder dort ein Marionettenregime wie in Belarus installieren?
Es gibt mehrere mögliche Szenarien. Meines Erachtens ist es für Putin zweitrangig, wie genau er ein Land unterordnet. Ihm geht es in erster Linie darum, seinen Einflussbereich auszudehnen.
Was sollten die europäischen Staaten dagegen tun?
Auf militärischer Ebene ist eine deutlich stärkere Unterstützung der Ukraine erforderlich. Darum kommen wir nicht herum, auch wenn der Preis hoch ist. Wenn die Ukraine – das angegriffene Land – nicht als Siegerin aus diesem Konflikt hervorgeht, wird Russland die Gelegenheit nutzen, um den Krieg auszuweiten. Auf gesellschaftlicher Ebene muss die Erkenntnis reifen, dass wir es in Russland mit einer imperialistischen und faschistischen Führung zu tun haben. Es geht nicht nur um ein paar Quadratkilometer im Osten der Ukraine, sondern um grundsätzliche Motive. Und wir müssen uns wieder bewusst werden, wofür der Westen steht und was wir verteidigen wollen.
Wie meinen Sie das?
Wir müssen uns bewusst werden, welche grossen Vorteile Werte wie Menschenrechte, Redefreiheit und Demokratie haben.
Was können wir dabei von Ostmitteleuropa lernen?
Wir müssen viel stärker auf die Stimmen aus Ostmitteleuropa hören. Die Menschen dort wissen aus historischer Erfahrung, wer ihr Nachbar ist und wie gefährlich er sein kann. Sie wissen, was Unterdrückung bedeutet.
Auch Russland ist vor Problemen nicht gefeit. Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage?
Es gibt Bilder von Warteschlangen vor russischen Tankstellen, weil zeitweise der Treibstoff knapp und teuer geworden war. Doch Russland konnte den Krieg bisher finanzieren, auch mithilfe ausländischer Investoren. Kürzlich hat Russland kommuniziert, dass es die ersten Staatsanleihen in chinesischer Währung ausgeben wird. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Damit zielt Russland offenbar auf Investoren in China ab und will das Währungsrisiko eliminieren.
Das Regime wird also nicht zusammenbrechen?
Im Westen gehen wir davon aus, dass sich eine Bevölkerung wehrt, wenn plötzlich Güter des täglichen Bedarfs fehlen. Für uns mag das zutreffen. In Russland haben wir jedoch eine Gesellschaft, die seit Jahrhunderten die Selbstversorgung pflegt und an Güterknappheit gewöhnt ist. Das war zu Zarenzeiten und in der Sowjetunion schon so. Vor wenigen Jahren hat die russische Regierung einen Erlass mit russischen Werten herausgegeben. Darin steht, dass spirituelle Werte wichtiger sind als materielle und das Kollektiv über dem Individuum steht. In anderen Worten: Eine Güterknappheit und andere persönliche Nachteile sollen für das Wohl der Nation hingenommen werden.
Das klingt, als würde das System auch Putin überstehen.
Es hat jedenfalls mehrere Jahrhunderte überdauert. Die Staatsform hat sich in der russischen Geschichte mehrmals geändert, doch die straffe Führung ist geblieben. Wahrscheinlich wird nach Putin der nächste Imperialist an die Macht kommen. Der russische Imperialismus betrifft übrigens nicht nur das Ausland, sondern auch das Inland. Russland ist ein riesiges Land mit vielen ethnischen Minderheiten, die nicht alle gerne Teil davon sind. Diese gilt es aus russischer Sicht in Schach zu halten. Wozu das führen kann, haben wir vor 25 Jahren in den Tschetschenienkriegen gesehen.
Schliessen wir den Kreis: Wie entschlossen sind die ostmitteleuropäischen Länder, sich Putin in den Weg zu stellen?
Das hängt wohl vom Ausmass und Ort eines möglichen Angriffs ab. Ostmitteleuropäische Staaten haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie flexibel reagieren können. Während der Corona-Pandemie etwa erholte sich ihre Wirtschaft schneller als die Westeuropas. Diese Dynamik spricht dafür, dass sie auch sicherheitspolitisch handlungsfähig wären. Gerade Polen investiert massiv in seine Verteidigung. Zudem hat die polnische Regierung unter Ministerpräsident Tusk 2026 zum «Jahr des Waffenstillstands» aufgerufen – nicht aus militärischer, sondern aus innenpolitischer Sicht: Man will die ständigen Grabenkämpfe beenden, um gegenüber Russland geeint auftreten zu können.
Zur Person
vs. Marcel Hirsiger (47) ist Osteuropaexperte und Dozent an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Olten, Gastdozent an der Universität Warschau sowie weiteren Bildungsinstituten. Er absolvierte ein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der FHNW und später ein Studium der Osteuropawissenschaften und «World Arts» an den Universitäten Bern und Fribourg. Vor seiner Tätigkeit an Hochschulen arbeitete Hirsiger für verschiedene Unternehmen.


