Reto Gyger hat die Kurve gekriegt
16.01.2026 BöcktenMit offensiver Kommunikation aus der Arbeitslosigkeit gefunden
Verkaufsprofi Reto Gyger erzählt, wie erleichternd es für ihn gewesen ist, wieder einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben, aber auch, wie schwer sich die Ungewissheit in Zeiten der Arbeitslosigkeit angefühlt ...
Mit offensiver Kommunikation aus der Arbeitslosigkeit gefunden
Verkaufsprofi Reto Gyger erzählt, wie erleichternd es für ihn gewesen ist, wieder einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben, aber auch, wie schwer sich die Ungewissheit in Zeiten der Arbeitslosigkeit angefühlt hat.
Daniel Aenishänslin
«Kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren», rät Reto Gyger allen, die im Alter von 60 Jahren ihre Stelle verlieren und in die Arbeitswelt zurückkehren wollen. Menschen also wie er selbst. Vor einem Jahr wagte Gyger eine offensive Form der Kommunikation. Er legte seine Situation in der «Volksstimme» dar. Mit Erfolg. Hans Hübscher von der CWL Corporate Web Logistics, ein früherer Bekannter, las den Artikel und rief Reto Gyger zu Hause in Böckten an. Am Tag der Arbeit, am 1. Mai 2025, trat Gyger seine neue Stelle an. «Ich bin sehr zufrieden damit.»
Damit endete eine Zeit, die sich «schwer» anfühlte, «denn es ist statistisch erwiesen, dass ein 30-Jähriger schneller wieder im Arbeitsmarkt präsent ist als jemand im gesetzten Alter». Das mache einen nachdenklich. Wichtig sei in diesem Moment, dass man ein solides Papier über den eigenen Lebenslauf erstelle, sich überlege, wo man hinpasse und für wen man wirklich arbeiten wolle. «Eine gute Selbsteinschätzung hilft», sagt Gyger. «Man sollte sich auch nicht zu schade sein, etwas Neues anzufangen.»
Gyger hat etwas Neues angefangen. Lange verkaufte er Sportartikel im legendären Kost Sport an der Freien Strasse in Basel. Später hatte er während 24 Jahren sein eigenes Sportgeschäft, das «Sport bym Törli» in Liestal. Dieses lief lange gut, 2019 aber gar nicht mehr. «Da steckte Herzblut drin.» Zu gross sei die Online-Konkurrenz, zu beliebt der Einkaufstourismus ins nahe Ausland geworden.
Reto Gyger wurde Geschäftsführer der Sport Sissach AG mit ihrer Eis- und Curlinghalle, dem Gartenbad und zwei Restaurants. Schliesslich wechselte er in die Solarbranche, wo er 60-jährig erfuhr, dass seine Stelle gestrichen werde.
«Ein grossartiges Gefühl»
Seit Mai ist Gyger verantwortlich für den Verkauf der Liestaler Firma CWL Corporate Web Logistics. Eine Firma, die sich auf Arbeitsbekleidung spezialisiert hat und ein wichtiger Partner der Schweizer «Fussballnati» ist. «Jedes Nati-Trikot», sagt Gyger, «das im Fernsehen zu sehen ist, ging bei uns in Liestal über den Tisch.» Die Firma bedruckt und stickt.
Im ersten Moment sei es ein grossartiges Gefühl gewesen, als er den neuen Arbeitsvertrag habe unterschreiben dürfen. Doch sei anfangs noch ein latentes Gefühl der Unsicherheit geblieben. Schliesslich sei er zuvor schon zweimal der Situation ausgesetzt gewesen, unfreiwillig die Stelle wechseln zu müssen. «Wenn man sich wohl und geborgen fühlt, verfliegt das langsam.»
Ein Jahr arbeitslos – da gelte es, dem Tag selbst Struktur zu geben. «Ich stand jeden Morgen um 7 Uhr auf», erzählt Reto Gyger. Natürlich könne man es auch mal gemütlicher angehen, eine Zeitung lesen, doch sollte es schon einen Plan für den Tag geben. Er habe zu Hause zusätzliche Aufgaben übernommen, eine Bar gebaut, eine Garderobe auch, einen Tisch gezimmert, sich im Garten nützlich gemacht. Er habe sich um die Wäsche gekümmert, sich in Kochbücher vertieft und wenn seine Frau abends heimgekommen sei, «war gekocht».
Er, Gyger, glaube nicht, dass einen die Arbeitslosigkeit zwingend zu einem anderen Menschen mache. Dauere sie aber lange, dann wahrscheinlich schon. Wenn man die persönliche Situation als aussichtslos einstufe, wenn Selbstzweifel und -mitleid aufkämen. «Zermürbend ist, wenn du Bewerbungen schreibst und keine Wertschätzung erhältst, noch nicht einmal eine Absage», blickt er zurück.
Familie gab Kraft
Er selbst habe Kraft aus seinem «guten familiären» Umfeld schöpfen können. Das sei nicht selbstverständlich, «kann aber matchentscheidend sein». Reto Gyger spricht von drei Säulen, auf die er sein Leben stütze. Arbeit, Freizeit, Familie. «Trägt mehr als eine dieser Säulen nicht, wird’s schwierig.»
Er würde eine solch missliche Situation heute genau gleich angehen wie vor seiner Anstellung bei CWL Corporate Web Logistics. Sich nicht verstecken, nicht ins stille Kämmerlein zurückziehen. Im Gegenteil. Gerade in einer solchen Lage sei es wichtig, das soziale Netzwerk zu pflegen. Je mehr vom fehlenden Arbeitsplatz wüssten, desto grösser sei die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Chance auftue.
Kollegen hätten ihm anvertraut, sie hätten in seiner Situation nicht mit einer Zeitung über die persönliche Arbeitslosigkeit sprechen können. «Ich habe da keine Berührungsängste», sagt Gyger. «Das war mir auch nicht peinlich.» Der Erfolg gibt ihm recht.

