Problem im Regal, nicht auf dem Feld
02.10.2026 PersönlichDas Schweizer Stimmvolk hat die Ernährungsinitiative deutlich abgelehnt. Auch ich habe
Nein gestimmt. Zwar bin ich überzeugt, dass ein Umdenken hinsichtlich unserer Ernährung und Nahrungsmittelproduktion nottut. Aber die Initiative hat weder die Landwirtschaft ernst genommen ...
Das Schweizer Stimmvolk hat die Ernährungsinitiative deutlich abgelehnt. Auch ich habe
Nein gestimmt. Zwar bin ich überzeugt, dass ein Umdenken hinsichtlich unserer Ernährung und Nahrungsmittelproduktion nottut. Aber die Initiative hat weder die Landwirtschaft ernst genommen noch praktikable Lösungen präsentiert. Und wenn wir schon über Ernährungssicherheit, Umwelt und Gesundheit sprechen, dann schauen wir doch dorthin, wo die grössten Probleme liegen: in den Supermarkt-Regalen, in Form von hoch verarbeiteten, «ultra-prozessierten» Lebensmitteln.
Die industrielle Lebensmittelverarbeitung begann im 19. Jahrhundert mit der Erfindung von Konservendosen, raffinierten Fetten, neuen Produktionsverfahren. Hoch verarbeitete Produkte im heutigen Supermarkt-Sinn haben sich dann seit den 1970er-Jahren massenhaft durchgesetzt. Mittlerweile sind schätzungsweise 30 bis 50 Prozent unserer Lebensmittel hoch verarbeitet: Tiefkühlpizza, Fertiggerichte, gezuckerte Cerealien, Wurstwaren, Softdrinks. Diese sind oft reich an Zucker, Salz, ungünstigen Fetten und Zusatzstoffen. Ballaststoffe, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe fehlen. Sie sind billig, lange haltbar und marketingstark. Sie prägen zunehmend, was wir täglich essen – mit gravierenden gesundheitlichen Folgen.
In der Schweiz sind heute 43 Prozent der Erwachsenen übergewichtig, davon 12 Prozent adipös. Seit 1990 hat sich der Anteil übergewichtiger bzw. adipöser Jugendlicher nahezu verdoppelt und die Menschen altern biologisch schneller. Die Folgen schlechter Ernährung gehen denn auch weit über das Gewicht hinaus. In der Schweiz leben rund 2,2 Millionen Menschen mit ernährungsbedingten, nicht übertragbaren Krankheiten – neben Adipositas vor allem Typ 2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie bestimmte Krebsarten.
Aber hoch verarbeitete Lebensmittel sind auch ökologisch meist deutlich belastender als frische, wenig verarbeitete Produkte. Ihre Herstellung erfolgt durch industrielle, energieintensive Prozesse wie Extrahieren, Raffinieren, Emulgieren. Sie basieren stark auf wenigen, hoch produktiven Kulturpflanzen wie Mais, Weizen, Soja und Zuckerrohr, deren intensiver Anbau Biodiversitätsverlust, Landnutzungsänderungen und hohen Pflanzenschutzmitteleinsatz mit sich bringt. Dazu kommen massiver Verpackungsaufwand sowie lange, komplexe Lieferketten mit viel Transport- und Kühlenergie. Schätzungen zufolge sind hoch verarbeitete Lebensmittel in den Industrieländern für bis zu einem Drittel des ernährungsbedingten Energieverbrauchs, bis zu 45 Prozent des Biodiversitätsverlusts und für bis zu einem Viertel des ernährungsbedingten Wasserverbrauchs verantwortlich.
Die Schweizer Landwirtschaft ist bereits heute eine der am stärksten regulierten der Welt. Strenge Vorgaben zu Biodiversitätsförderflächen, Gewässerschutz, Nährstoffbilanzen und Pflanzenschutzmitteln machen sie zur Vorreiterin in Sachen Ökologie. Es lohnt sich, den Blick auf die Zutatenlisten im Supermarkt zu richten statt den Zeigefinger auf die Bauern.
Laura Grazioli, geboren 1985, ist Landwirtin und ehemalige Landrätin. Sie lebt mit ihrer Familie in Sissach.

