Pro Asiatischer Hornisse sterben 1300 Insekten
05.06.2026 BaselbietFallen sind viel zu ineffizient gegen die invasive Art
Aus wissenschaftlicher Sicht richten Fallen, mit denen die Asiatische Hornisse gefangen werden soll, mehr Schaden an, als sie Nutzen bringen. Ihre Fangquote ist vernachlässigbar, der «Beifang» dagegen viel zu gross. Das ...
Fallen sind viel zu ineffizient gegen die invasive Art
Aus wissenschaftlicher Sicht richten Fallen, mit denen die Asiatische Hornisse gefangen werden soll, mehr Schaden an, als sie Nutzen bringen. Ihre Fangquote ist vernachlässigbar, der «Beifang» dagegen viel zu gross. Das wollen viele frustrierte Imker verständlicherweise nicht einsehen.
Peter Sennhauser
In einer Art «Volksoffensive» von Privaten, Imkern und staatlichen Stellen wurden diesen Frühling in Belgien 2000 Fallen ausgebracht: Es sollte die Generalmobilmachung im «Krieg» gegen die Asiatische Hornisse werden. Die Fallen werden auf einschlägigen Websites, in Foren für Besitzer von 3D-Druckern und nicht zuletzt auf den Verkaufsseiten der kommerziellen Hersteller propagiert: Je mehr Fallen, desto effektiver der Kampf gegen die invasive Hornisse, so der Tenor.
Aber obwohl die zuständigen Behörden nach einigen Wochen ein «positives Zwischenfazit» zogen und beinahe 300 getötete Jungköniginnen vermeldeten, raten hiesige Fachleute dringend vom Einsatz von Fallen ab. Nicht trotz der 300 gefangenen Tiere, sondern wegen ihnen: Denn zum einen sei diese Quote im Verhältnis zur Reproduktionsleistung der Hornisse verschwindend klein; ein einziges Sekundärnest bringt im Herbst bis zu 500 Königinnen hervor. Zum anderen werden mit den Fallen unverhältnismässig viele andere Insekten in den Tod gerissen, die als Bestäuber genauso wichtig sind wie die Honigbiene.
Kantone verbieten die Fallen
Die Frage, ob Fallen denn eher schädlich als nützlich seien, beantwortet der Entomologe Lukas Seehausen nachdrücklich mit Ja. In einem Artikel in der «Schweizerischen Bienenzeitung» verdeutlichte er zusammen mit Co-Autorinnen, dass sämtliche bisher angelegten Studien über verschiedene Fallentypen zum Schluss kommen, dass keine einzige ausreichend «selektiv» sei. Das heisst, dass sie nicht gezielt die Asiatische Hornisse oder noch besser nur deren Königinnen betrifft.
Schlimmer noch: Die durchschnittliche Zahl der in den Fallen verendeten übrigen Insekten liegt bei rund 1300 – pro getötete Asiatische Hornisse. Aufgrund dieser Erkenntnisse haben die Kantone Waadt und Jura die Fallen gar gesetzlich verboten: Sie stellten eine zu grosse Gefahr für teils geschützte oder bedrohte Arten und Bestäuber aus der Insektenwelt dar.
Seehausen betont, dass ohne einen wirkungsvollen Lockstoff – wie beispielsweise Pheromone, die Sexuallockstoffe, wie sie bei den Fallen für die Kirschessigfliege zum Einsatz kommen – keine Selektivität zu erreichen sei, die den Falleneinsatz rechtfertige. Zwar ist ein solches Pheromon in Asien gefunden worden, aber weil es nur Männchen anzieht, ist es nutzlos.
Beschimpft und beleidigt
Seit Erscheinen des Artikels werde er persönlich aus Imkerkreisen angegangen und sogar beleidigt, stellt Seehausen überrascht fest. Zwar hat er ein gewisses Verständnis für die emotional engagierten Imker. Aber er hat auch festgestellt, dass diese den «Beifang» in ihren Fallen oft unterschätzten und «die paar Fliegen» für nicht relevant halten. Als Wissenschafter müsse er dem entschieden entgegentreten. Es handle sich um Tausende von Exemplaren, die für die Landwirtschaft nützlich sein könnten, oder Arten, die schneller dezimiert würden als das eigentliche Ziel, die Asiatische Hornisse. Seehausen sagt, vom Falleneinsatz profitierten einzig deren Hersteller – die mit den bis zu 45 Euro teuren Plastik-Fallen buchstäblich Millionen scheffelten.
Im Baselbiet macht auch die hiesige Chefbekämpferin der Asiatischen Hornisse, Maria Corpataux vom Bienenzüchterverband beider Basel, solche Erfahrungen. Obwohl die Zahlen eindeutig seien, wollten viele Imker die schlechte Nachricht nicht hören: Die Asiatische Hornisse lässt sich nicht mehr eliminieren.
«Zeit sinnvoller einsetzen»
«Wir haben im vergangenen Jahr 320 Primär- und Sekundärnester heruntergeholt», rechnet Corpataux vor. «Bei rund 50 waren wir zu spät, das heisst, die Königinnen waren bereits ausgeflogen. Wenn man davon ausgeht, dass rund 50 der vielleicht 500 Königinnen eines Sekundärnestes überleben, sind das 2500 Königinnen. Dazu kommt, dass nur etwa 50 Prozent der Nester überhaupt gefunden werden – mit unseren Zahlen bedeutet das weitere 320 mal 50 Königinnen: Folglich waren diesen Frühling 15 000 bis 20 000 Königinnen der Asiatischen Hornisse in unseren Kantonen unterwegs. Weil nur etwa 10 Prozent von ihnen erfolgreich Nester gründen – abhängig von Wetter und Klima – rechnen wir also mit 1200 Nestern dieses Jahr. Angesichts dieser Zahlen muss ich konstatieren, dass wir unsere Zeit sinnvoller einsetzen müssen, als Hornissen zu jagen.»
15 Nester pro Quadratkilometer
Sie habe sehr viel Verständnis für die verzweifelten Imkerinnen und Imker, sagt Corpataux, die selber Bienen züchtet. «Die Hilflosigkeit angesichts dieses Grauens ist kaum auszuhalten, man will etwas tun, und im Moment weiss ich auch noch nicht, was ich tun kann. Aber einzelne Hornissen zu töten, selbst wenn es Königinnen wären, und gleichzeitig massenhaft andere Insekten zu vernichten, das nützt uns nicht nur nichts, es schadet.»
Der Druck auf die Biodiversität werde auf jeden Fall enorm zunehmen. Gemäss Experten ist pro Quadratkilometer mit 15 Nestern zu rechnen. Damit liege in Zukunft jeder Bienenstock im Jagdgebiet von mehreren Völkern der Asiatischen Hornisse, erklärt Corpataux. Die in den hiesigen Studien eher wirkungslosen Fallen sind deswegen auf den Websites der Hersteller prall gefüllt: «Die Bilder stammen aus Regionen, die schon viel schlimmer bevölkert sind als unsere», und vom Herbst, wenn die Hornissen nichts anderes mehr finden, «weil die Bienenkästen ein reich gedecktes Buffet bieten. Ich höre von Bekannten in Portugal, dass sie mit dem Gärtnern aufhören – weil zu wenig bestäubt wird auf ihrem Land!» Was man tun könne? Mit dem Problem leben lernen, sagen Seehausen wie Corpataux auf Anfrage. Die Bienen in den Stöcken schützen, aber auch die Kinder auf den Spielplätzen, wo bald Nester in den Bäumen zu finden sein werden. Typischerweise, sagt Corpataux, reagiere die Natur binnen rund zehn Jahren auf derartige Invasionen.
Zunächst aber müsse die Suche nach Lockstoffen vorangetrieben werden. «Ich könnte ja auch raten, dass alle in ihren Gärten jetzt nach den kleinen Primärnestern suchen, die noch einfach vernichtet werden können, weil sich die Königinnen im Gegensatz zu den grossen Sekundärnestern mit mehreren Tausend Tieren nicht aggressiv zeigen. Dann würden wir dank privater Initiative vielleicht 500 Nester finden und vernichten. Aber wir haben bereits Abertausende im ganzen Kanton.»
Neben der Suche nach einem Lockstoff gäbe es derzeit auch Tests in verschiedenen Kantonen mit eigens für die Asiatische Hornisse optimierten «Nistkästen». Die Idee dahinter: Die ausfliegenden Jungköniginnen aus den Primärnestern bekämpfen sich an idealen Nistplätzen gegenseitig. Es seien im Frühling schon Vogelnistkästen mit bis zu 13 toten Königinnen gefunden worden. Statt also mit einer Falle alles zu töten, was hineinfliegt, würde mit den Nistkästen der «Bürgerkrieg» der Jungköniginnen, die Usurpation, angefacht.
Kampf national koordinieren
sep. Die Baselbieter «Madame Asiatische Hornisse», Maria Corpataux vom Bienenzüchterverband beider Basel, fordert ein national koordiniertes und vom Bund verantwortetes Programm gegen die Eindringlinge. «Wir brauchen eine neue politische Lösung», sagt sie. Der aktuelle Alleingang der Kantone führe nirgendwohin. «Es gibt natürlich Kantone, die sagen, sie hätten keine Probleme. Selbst die Imker sagen das: In gewissen Regionen haben sie noch nie eine Asiatische Hornisse im Flug gesehen. Aber das wird sich ändern. Im Kanton Basel-Stadt wird aktuell ziemlich viel Geld in den Schutz der Wildbiene investiert, aber für den Kampf gegen die Asiatische Hornisse will man kein Geld zur Verfügung haben.» Insgesamt müsse die Bekämpfung der invasiven Arten professionalisiert werden. Konkret heisse das vor allem, dass Koordination und Finanzierung auf den Schultern des Bundes liegen sollten statt auf jenen der Kantone, so Corpateaux.



