Packungsbeilage für die Künstliche Intelligenz
10.04.2026 Bezirk LiestalTechnologie-Journalist Reto Vogt beleuchtete Chancen und Risiken von KI
Ein Beipackzettel informiert über Zusammensetzung, Wirkung, Risiken und Nebenwirkungen eines Medikaments. In Bezug auf Künstliche Intelligenz erfüllte Reto Vogts Vortrag zum Thema eine ähnliche ...
Technologie-Journalist Reto Vogt beleuchtete Chancen und Risiken von KI
Ein Beipackzettel informiert über Zusammensetzung, Wirkung, Risiken und Nebenwirkungen eines Medikaments. In Bezug auf Künstliche Intelligenz erfüllte Reto Vogts Vortrag zum Thema eine ähnliche Aufgabe. Denn die KI-Pille schlucken wir alle.
Marianne Ingold
Im November 2022 sei ihm klar geworden, dass da gerade «etwas Grosses» passiere, erzählte der auf Technologie und Digitalisierung spezialisierte Journalist Reto Vogt am Mittwochabend in der Kantonsbibliothek in Liestal. Mit der Lancierung von «ChatGPT» sei die Künstliche Intelligenz (KI) erstmals im Alltag der breiten Bevölkerung angekommen. Dabei hat sie eine 75-jährige Geschichte: Seit Alan Turing 1950 den gleichnamigen Test zur Unterscheidung von Mensch und Maschine entwickelte, wurden die Computer immer besser und fingen an, die Menschen zu schlagen, ob im Schach oder in Quiz-Shows.
Der Begriff «Künstliche Intelligenz» wurde bereits 1955 geprägt. Er bezeichnet computerbasierte Systeme, die mittels Algorithmen Inhalte oder Empfehlungen erstellen, dabei lernen und sich verbessern. Grundlage dafür sind grosse Datenmengen, die gezielt eingespeist oder aus dem Internet «abgesaugt» werden. Was genau im «Staubbeutel» landet, so Reto Vogt, wissen nur die Firmen, die hinter den jeweiligen KI-Modellen stehen. Diese geben auch nur das wieder, was in ihnen steckt, inklusive Vorurteilen oder bewusster Manipulation: In den USA verbindet KI «kriminell» oft mit «schwarz»; die chinesische KI gibt keine Auskunft über das Tiananmen-Massaker oder die Uiguren.
Je nach «Training» der KI-Modelle sind die damit erzeugten Inhalte von ganz unterschiedlicher Qualität. Manchmal kommt auch etwas komplett Falsches heraus, denn: Die KI ist der Wahrscheinlichkeit und nicht der Wahrheit verpflichtet. Bei einer Anfrage berechnet sie aufgrund ihres Datenvorrats die wahrscheinlichste Antwort. Findet sie keine, erfindet sie eine, die möglichst glaubwürdig klingt.
Neben falschen «Fakten» gibt es weitere Schattenseiten der KI, für die Reto Vogt sensibilisieren will. Dazu gehört die «Copy-Paste-Falle»: Wer alles von der Künstlichen Intelligenz erledigen lässt und ohne zu hinterfragen kopiert, wird abhängig und denkfaul – nebenbei trägt dies zu einem enormen Wasser- und Stromverbrauch bei. Sinnvoll ist es stattdessen, KI gezielt als Werkzeug zu benutzen, sich vor einer Abfrage eigene Gedanken zu machen, gute Fragen zu stellen und die Antworten kritisch zu überprüfen.
Vertrauen und Regulierung
Besondere Vorsicht ist mit heiklen Daten geboten, denn KI kann diese ungewollt öffentlich machen. Vogt empfiehlt deshalb Zurückhaltung beim «Füttern» der KI und datenschutzfreundlichen Chatbots wie duck.ai. Auf keinen Fall dürfe KI vermenschlicht und als Freund oder Freundin betrachtet werden, warnte Vogt – eine Gefahr, die besonders bei Jugendlichen besteht, die der KI oft mehr anvertrauen als ihren Eltern. KI ist und bleibt eine Maschine, auch wenn sie menschliche Nähe vorgaukelt.
Ein Test mit dem Publikum zeigte, dass es heute praktisch unmöglich ist, echte von falschen Bildern zu unterscheiden. Mittlerweile kursieren unzählige mit KI gefälschte Fotos und Videos, auf die auch renommierte Medien hereinfallen können. Eine Überprüfung ist oft nur mit grossem Aufwand möglich: So wird zum Beispiel der Sonnenstand zum Zeitpunkt, an dem ein Bild oder Video angeblich aufgenommen wurde, mit diesem verglichen. Schlimmer ist es, wenn Medien selber sinnfreie KI-Texte publizieren wie eine Liste, auf der 10 von 15 Buchtiteln gar nicht existieren.
Angst haben müsse man nicht vor Künstlicher Intelligenz, betonte Reto Vogt, aber Skepsis sei angebracht. «Nur wenn wir die Risiken kennen, können wir die Chancen nutzen.» Wem man vertraue, werde immer wichtiger. «KI kann keine Verantwortung und keine Haftung übernehmen», sagte Vogt – aber ihre Anbieter schon. Deshalb brauche es wie in anderen Bereichen eine gesetzliche Regulierung. «Jeder Handwerker hat eine Sorgfaltspflicht», sagte Vogt. Hier hinke die Schweiz gegenüber anderen Ländern hinterher. Auch für den Aufbau von vertrauenswürdigen Alternativen gebe es bisher keine ernst zu nehmenden Bestrebungen. Das würde zwar viel Geld kosten, aber umgerechnet viel weniger als vor 150 Jahren der Bau des Gotthardtunnels.
Zur Person
min. Reto Vogt (41) leitet die Aus- und Weiterbildung am MAZ-Institut für Journalistik und Kommunikation in Luzern. Daneben beschäftigt er sich als freier Journalist, Referent und Moderator mit Technologie- und Digitalisierungsthemen. Er arbeitete unter anderem für die Zeitschriften Migros-Magazin, «PCtipp» und «Computerworld», war Chefredaktor von inside-it.ch und Studienleiter für den Bereich Digitale Medien und Künstliche Intelligenz am MAZ. Reto Vogt ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Familie in Winterthur.

