«Nur so ist Entwicklung möglich»
18.09.2026 BaselbietLiestaler Organisation unterstützt seit 30 Jahren Familien in Krisensituationen
Wenn Kinder und Jugendliche Probleme haben und Eltern nicht mehr weiterwissen, ist die Sozialpädagogische Familienbegleitung für sie da. Geschäftsführerin Sabrina Buess aus ...
Liestaler Organisation unterstützt seit 30 Jahren Familien in Krisensituationen
Wenn Kinder und Jugendliche Probleme haben und Eltern nicht mehr weiterwissen, ist die Sozialpädagogische Familienbegleitung für sie da. Geschäftsführerin Sabrina Buess aus Gelterkinden erklärt, warum familiäre Krisen alle Gesellschaftsschichten betreffen.
Anna Wegelin
Wir treffen Sabrina Buess und Luca Eichenberger von der Sozialpädagogischen Familienbegleitung Baselland, kurz SPF, zum Gespräch in den neuen Räumlichkeiten an der Kasernenstrasse 12 in Liestal. Sie sind schlicht, modern und geräumig.
«Seit 30 Jahren kommen wir zu den Familien nach Hause und damit in ihre Lebenswelt», sagt Buess. Die Gelterkinderin ist seit vier Jahren Geschäftsführerin der SPF. Ursprünglich kommt sie aus der Pflege, arbeitete viele Jahre bei der Spitex, danach in der Eingliederungsstätte Baselland und leitete zuletzt ein Männerwohnheim in Basel, bevor sie zur SPF wechselte. «Es hat sich so ergeben», sagt sie und lacht. Ihr berufliches Herzensthema sei schon immer die Verbindung von Gesundheit und Sozialem gewesen. «Ich finde es sehr spannend, meine Energie in diese Schnittstelle zu geben und an guten, manchmal auch unkonventionellen Lösungen mitzuarbeiten.»
Was tut die Sozialpädagogische Familienbegleitung konkret? «Wir machen Erziehungsangebote dort, wo Probleme entstehen können», erklärt Buess. «Wir moderieren den Dialog mit und in der Familie.» Während das Kindeswohl immer an erster Stelle stehe, arbeite man «mit ganzen Systemen», also unter Einbezug der Eltern oder anderer Bezugspersonen sowie weiterer Fachleute. «Nur so ist Entwicklung möglich.» Der Bedarf an Familienbegleitung habe zugenommen. Heute werde früher reagiert, wenn das Kindeswohl gefährdet sei. Entsprechend habe die SPF ihr Angebot ausgebaut. «Seit 2022 ist unser Volumen an Begleitungen um das Viereinhalbfache angewachsen», sagt Buess. Die Organisation sei von Anfang an «unabhängig und konsequent ambulant» gewesen. Sie spüre eine «grosse Verantwortung» als Leistungserbringerin im Kanton und gegenüber ihrem Team. «Das Oberbaselbiet ist die Region, in der wir besonders wirken wollen.»
«Wir setzen uns für ein gutes soziales Miteinander in der Familie ein», sagt Luca Eichenberger, fachlicher Leiter bei der SPF. Er hat den Sozialberuf erlernt und arbeitete in der stationären Jugendarbeit sowie in Sonderschulsettings mit Jugendlichen auf Sekundarstufe. Seit drei Jahren ist er bei der SPF tätig. «Ich interessiere mich für Familiensysteme», sagt er. Ein besseres Verständnis der eigenen Verhaltensmuster eröffne Entwicklungsmöglichkeiten für alle Familienmitglieder. Kinder seien oft Symptomträger eines Systems, das nicht gut funktioniere.
Wenn der Alltag eskaliert
Welche Probleme zeigen sich bei den Kindern und Jugendlichen? Verbreitet seien Schulabsentismus, also das Fernbleiben vom Unterricht, ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen oder psychische Probleme wie Angststörungen und Depressionen. Eichenberger nennt auch das «Türschwellenphänomen»: Das Kind kommt «geladen» von der Schule nach Hause, zu Hause eskaliert die Situation – und das wiederholt sich, bis die Eltern nicht mehr weiterwissen.
Auch hochstrittige Elternkonflikte oder häusliche Gewalt können Auslöser für eine Begleitung sein. Gleichzeitig würden die heutige Arbeitswelt und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie viele Eltern stark beanspruchen, sagt Eichenberger. Das könne sich auch auf das Wohl der Kinder auswirken. Auffällige Kinder und überforderte Eltern gebe es dabei in allen gesellschaftlichen Schichten, betont Buess: «Das Bild, wonach vor allem ausländische Familien und sozial Schwächere solche Probleme hätten, stimmt überhaupt nicht.»
Eine Begleitung wird jeweils rund um ein Kind mit besonderem Unterstützungsbedarf organisiert. Rund ein Drittel der Klientel wird durch die Kinder- und Jugendpsychiatrie zugewiesen, ein weiterer Drittel meist durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). In diesen Fällen übernimmt seit 2022 der Kanton die Kosten; zuvor waren die Gemeinden zuständig. Der letzte Drittel wird unter anderem von den Sozialdiensten der Gemeinden, der Birmann-Stiftung oder der Stiftung Mosaik zugewiesen.
Dabei müssen die Schwierigkeiten keineswegs aussergewöhnlich beginnen. Die ewig gleichen Eskalationen am Esstisch oder das Kind, das nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause kommt: «Es sind ganz alltägliche Erziehungsschwierigkeiten, die sich zuspitzen können und bei den Eltern einen gewissen Leidensdruck erzeugen», sagt Buess. Deshalb sei es «extrem wertvoll, schon früh hinzuschauen».
Zusammenarbeit mit Kanton
Die Sozialpädagogische Familienbegleitung Baselland wurde 1996 von Pro Juventute, der Birmann-Stiftung und der Gemeinnützigen Gesellschaft Baselland als gemeinnütziger Verein gegründet. Kern des Angebots ist bis heute die damals pionierhafte aufsuchende ambulante Familienhilfe.
Seit 2022 besteht eine neue Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Baselland. Heute gehört die SPF zu den 15 ambulanten erzieherischen Hilfen im Kanton. Neben der Familienbegleitung bietet sie Besuchsrechtbegleitung über die Kesb, Jugendcoaching und Elternbildung mit dem Kurs «Starke Eltern – starke Kinder» an. Hinzu kommen das Präventivangebot «Familienlotsinnen» in Zusammenarbeit mit der Baselbieter Gesundheitsdirektion sowie neu das familientherapeutische Angebot «Kinder aus der Klemme» für Familien mit hochstrittigen Elternkonflikten.
Seit Mai arbeitet das 23-köpfige Team unter der Leitung von Sabrina Buess an der Kasernenstrasse 12 in Liestal. Gleichzeitig hat die Organisation ihren Auftritt erneuert und eine neue Webseite lanciert. 2027 wird der Verein in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt und erhält einen neuen Namen: «Sozialpädagogische Familienangebote Baselland».
Die Sozialpädagogische Familienbegleitung Baselland feiert heute ihr 30-Jahre-Jubiläum mit den zuweisenden Stellen und dem Team in Liestal. Es sprechen Franziska Gengenbach vom kantonalen Amt für Kind, Jugend und Behindertenangebote sowie Thomas Eugster, Stadtrat von Liestal.

