Nur noch eine Schneise im Wald
23.01.2026 Sport, Weitere SportartenDie Wettkämpfe in Langenbruck sind heute fast vergessen
Heute deutet wenig darauf hin, dass die grösste Skisprungschanze der Schweiz einst in Langenbruck die Weltelite der Sportart ins Oberbaselbiet lockte. Ein Blick auf den Tourismus der Belle Époque, einen Waldenburger ...
Die Wettkämpfe in Langenbruck sind heute fast vergessen
Heute deutet wenig darauf hin, dass die grösste Skisprungschanze der Schweiz einst in Langenbruck die Weltelite der Sportart ins Oberbaselbiet lockte. Ein Blick auf den Tourismus der Belle Époque, einen Waldenburger Ingenieur, Skisprungrekorde – und eine Lücke im Wald.
Lorenz Degen
Es fällt heute schwer, sich Langenbruck als Zentrum des Belle-Époque-Tourismus der Nordwestschweiz vorzustellen. Fast nichts erinnert mehr an die einst prächtige Vergangenheit, wo sich zwischen Kurhaus und Bären eine Noblesse ausbreitete, die im krassesten Gegensatz stand zu den öligen Uhrenindustrie-Dörfern im Waldenburgertal oder den rauchigen Eisenwerken in der Klus. Reiche Herrschaften aus Basel und sogar dem Elsass verbrachten ihre Sommerfrische auf dem Oberen Hauenstein. Als 1909 der Skiclub – er gilt als einer der älteren in der Schweiz – gegründet wurde, kamen Gäste auch im Winter, wenngleich in geringerer Zahl. Doch diese neue Klientel war umtriebig und brachte neue Sportarten ins Passdorf.
Skifahren war bei jungen Leuten in Mode gekommen, und bereits zwei Jahre später wurde eine erste Sprungschanze errichtet, benannt nach ihrer Lage hinter dem Hotel Erica. Neben dieser «Erica»- Schanze entstand eine erste Erzenbergschanze. Auf dieser Anlage vollbrachte der Norweger Sigmund Ruud (1907 – 1994) im Jahr 1931 einen Schanzenrekord mit einem Sprung auf 69 Meter. «In den 50ern traf sich auf der Erzenbergschanze regelmässig die Skisprung-Weltelite», heisst es beim Schanzenlexikon www.skisprungschanzen.com.
Pionier Reinhard Straumann
Der Waldenburger Ingenieur Reinhard Straumann (1892 – 1967) interessierte sich für das Skispringen und arbeitete an verbesserten Körperhaltungen. Im Windkanal der Göttinger Universität testete er 1926 mit einer lebensgrossen Puppe verschiedene Sprungtechniken. Straumann beteiligte sich denn auch am Bau der neuen Erzenbergschanze, die 1955 eröffnet wurde. Sie war die grösste Schanze der Schweiz und soll mit ihren Massen und Formen als Prototyp für die Olympiaschanze von Cortina d’Ampezzo (1956) gedient haben.
Der Schweizer Skispringer Andreas Däscher (1927 – 2023) wandte als Testspringer einen neuen Sprungstil an: Statt die Arme ausgestreckt nach vorne zu halten, legte er sie auf den Rücken, eine bis dahin nicht bekannte Methode. Die heutige Sprungform, bei der die Ski die Form eines «V» bilden, kam Ende der 1980er-Jahre auf. Däscher war es auch, der 1957 den Schanzenrekord mit einem Sprung auf 84 Meter aufstellte. Weitere bekannte Skispringer jener Zeit waren Hans Schmid aus Mümliswil und Heribert Schmid aus Dulliken.
Straumann, aus dessen Institut die heutige Straumann Holding
hervorging, betätigte sich auch als Funktionär an Wettkämpfen, so von 1926 bis 1958 als internationaler Skisprungrichter und Kampfrichter bei den Olympischen Winterspielen in St. Moritz (1928) und Garmisch-Partenkirchen (1936) sowie an den Weltmeisterschaften in Innsbruck (1933) und Chamonix (1937). Sein Urenkel Sergej, Sohn des heutigen Verwaltungsrats der Holding, Thomas Straumann, versuchte sich in jungen Jahren auch als Skispringer.
Schnee und Nachwuchs fehlten
Die modernisierte Erzenbergschanze wurde 1963 von den zwei nebeneinander liegenden Freichelenschanzen abgelöst. Ihre Längen betrugen 50 und 75 Meter. Der ehemals hölzerne Sprungrichterturm wurde 1987 neu gebaut, 1997 eine Beleuchtung für Nachtsprünge installiert. Auf der 75-Meter-Schanze beträgt der Sprungrekord 83 Meter, auf der kleineren 50-Meter-Schanze erreichte der Westschweizer Fabien Ballif 53,5 Meter.
Wann genau Ballif diesen Rekord aufstellte, weiss er heute nicht mehr, wie er auf Anfrage mitteilt. Mit dem Schanzenspringen hat der heute 54-Jährige abgeschlossen, er ist als Kunstmaler tätig und betreibt im waadtländischen Cossonay ein Atelier. Gesprungen sei er in den Jahren 1982 bis 1987, 1984 wurde er Schweizer Juniorenmeister in Le Locle. Danach habe er sich der Nordischen Kombination zugewandt, bis 1994. An Langenbruck habe er leider keine genauen Erinnerungen. Dort fanden im Winter 2000 die letzten Juniorenmeisterschaften statt, 2010 wurde die Skisprunganlage abgerissen. Schneemangel und fehlender Nachwuchs führten zu diesem Entscheid.
Von allen Schanzen blieben Spuren im Wald und im Gelände. Eine Schneise zwischen Bäumen und eine grubenartige Vertiefung im Boden zeigen an, wo einst die breiten Sprungskis hinuntersausten und im Auslauf wieder abbremsten. Erhalten geblieben ist der Schanzentisch der Freichelenschanze, der aus aufgeschichteten Steinblöcken besteht. Eine Plakette erinnert an die einstige Skisprungmetropole Langenbruck.




