Noch Luft nach oben?
24.09.2026 PersönlichLange habe ich mich – manchmal mit Stolz, oft mit Frust – als Perfektionistin bezeichnet. Ich kann stundenlang an Kleinigkeiten feilen. Auch in den ersten Wochen meines Praktikums bei der «Volksstimme» erkenne ich diese Charakterzüge wieder. Ich gehe streng mit mir ...
Lange habe ich mich – manchmal mit Stolz, oft mit Frust – als Perfektionistin bezeichnet. Ich kann stundenlang an Kleinigkeiten feilen. Auch in den ersten Wochen meines Praktikums bei der «Volksstimme» erkenne ich diese Charakterzüge wieder. Ich gehe streng mit mir selbst um. Ein Fluch und ein Segen zugleich. Am liebsten möchte ich allen als makellos und belastbar erscheinen.
Vielleicht verunsichert mich gerade deshalb die Künstliche Intelligenz so sehr. Ausgerechnet in einem Beruf, in dem ich erst Fuss fassen möchte, scheint eine Maschine vieles schneller erledigen zu können. Als angehende Journalistin bin ich sicherlich nicht die Einzige, die mit einem gewissen Unbehagen in die Zukunft blickt. Manchmal fühlt es sich an, als befänden wir uns in einem dystopischen Traum, aus dem niemand aufwacht: Die Roboter sind da und werden uns alle ersetzen. Genau so hatte ich mir das als Kind ausgemalt. Alles, was ich mache, kann die KI viel besser. Und erst noch effizienter.
Mein Plan, Journalistin zu werden, stösst zudem oft auf Skepsis. Zwischen den Zeilen gut gemeinter Antworten spüre ich ein sanftes Kopfschütteln. Der Journalismus habe heute keine einfache Zeit. Umso mehr beschäftigt mich die Frage, was ich als angehende Journalistin einer Maschine überhaupt noch voraus habe. Eine erste Antwort darauf habe ich ausgerechnet im Redaktionsalltag gefunden.
Seit August darf ich auf der Redaktion dabei sein. In dieser Zeit ist mir etwas besonders schnell aufgefallen: wie viel Herz hinter dieser Zeitung steckt. Man verliert sich während der morgendlichen Sitzungen teilweise in Gesprächen, dreht sich im Kreis, und ab und zu geht es auch etwas chaotisch zu. Manchmal muss improvisiert werden. Es wird recherchiert, nachgefragt, gezweifelt, verzweifelt, umformuliert, gelacht, gegrübelt und ja, manchmal auch Fehler gemacht. Diese Ineffizienz, die durch das Menschsein teilweise unvermeidlich entsteht, gehört für mich aber auch dazu. Denn gerade in den Umwegen liegt für mich ein Teil journalistischer Qualität. Keine Maschine könnte das ersetzen.
Entsprechend gross war mein Schreck, als mir die Aufgabe zufiel, diese Kolumnenspalte zu füllen. Doch nun beruhigt mich ausgerechnet das, wovor ich mich als Perfektionistin früher am meisten gefürchtet hätte: meine Makel. Vielleicht ist es manchmal sogar ein Segen, nicht alles auf Anhieb richtig zu machen. Ich lerne gerade, das Unperfekte an mir und an anderen wertzuschätzen – und meine Kolumne irgendwann abzugeben, obwohl ich noch einen weiteren Satz umstellen könnte. Vielleicht muss ich als angehende Journalistin gar nicht makellos sein, sondern vor allem eines bleiben: menschlich.
Fiona Findlay, Praktikantin «Volksstimme»

