«Nicht nur mitreden, sondern mitbestimmen» Bern
23.10.2026 BaselbietMenschen mit Behinderungen bringen ihre Forderungen anlässlich ihrer Session ins Bundeshaus
Am Mittwoch fand im Nationalratssaal die zweite Behindertensession statt. 44 Abgeordnete mit Behinderungen diskutierten über politische Forderungen für eine inklusivere Schweiz. ...
Menschen mit Behinderungen bringen ihre Forderungen anlässlich ihrer Session ins Bundeshaus
Am Mittwoch fand im Nationalratssaal die zweite Behindertensession statt. 44 Abgeordnete mit Behinderungen diskutierten über politische Forderungen für eine inklusivere Schweiz. Unter ihnen war auch Tobias Fankhauser aus Hölstein.
Fiona Findlay
«Nichts über uns ohne uns»: Unter diesem Leitsatz stand die zweite Behindertensession am Mittwoch im Bundeshaus. Für einen Tag gehörte der Nationalratssaal den 44 gewählten Parlamentarierinnen und Parlamentariern mit Behinderungen. Veranstaltet wurde die Session vom Verein Pro Infirmis mit dem Ziel, die politische Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zu stärken. «Wir kennen die Hindernisse, denen wir begegnen, und wir wissen, welche Lösungen es ermöglichen würden, diese zu beseitigen», sagt die Präsidentin der Behindertensession, Simone Leuenberger.
Die «Volksstimme» begleitete den Hölsteiner Tobias Fankhauser, der bereits zum zweiten Mal an der Session teilnahm. Schon bei der ersten Ausgabe 2023 war der Oberbaselbieter dabei. Gemeinsam mit den weiteren 43 Abgeordneten wurde der 36-Jährige im Mai von der Bevölkerung in einer Online-Abstimmung gewählt.
Die Zahl der Abgeordneten ist bewusst gewählt: 44 Personen entsprechen 22 Prozent der 200 Nationalratssitze und damit symbolisch dem Anteil von Menschen mit Behinderungen an der Schweizer Bevölkerung.
Im Vorfeld hatten sich die Abgeordneten in vier Kommissionen auf die Session vorbereitet. Dabei erarbeiteten sie insgesamt 16 Petitionen zu Themen wie Zugänglichkeit, Mobilität, Arbeit, Wohnen, Gesundheit und politische Teilhabe. Diese wurden am Mittwoch im Nationalratssaal beraten.
Die 44 Abgeordneten brachten unterschiedliche Lebensrealitäten mit ins Bundeshaus. Neben Menschen mit körperlichen Behinderungen waren auch Personen mit Sinnesbeeinträchtigungen sowie kognitiven Behinderungen und psychischen Beeinträchtigungen vertreten. Entsprechend vielfältig fielen die Anliegen aus.
Gerade die Vielzahl an Perspektiven empfand Fankhauser als besonders bereichernd. So habe ihn etwa die Diskussion über den Schutz von Frauen und Mädchen mit Behinderung vor sexueller Gewalt beschäftigt. Er schätze, dass solche Anliegen an der Behindertensession Raum haben und Gehör finden. Aus dem Austausch im Bundeshaus nehme er für sein eigenes politisches Engagement viel mit.
Selbstbestimmung stärken
Fankhauser ist selbst schon länger in der Politik aktiv. Er engagiert sich als Co-Vizepräsident der Grünen Baselland und kandidierte 2023 für den Landrat. Der ehemalige Spitzensportler ist seit einem Unfall im Alter von 13 Jahren querschnittgelähmt. Während seiner Rehabilitation entdeckte er das Handbiken für sich und vertrat die Schweiz später im Handbike an den Paralympischen Spielen in London, Rio und Tokio. Nach seinem Rücktritt vom Profi-Sport im Jahr 2021 widmete sich der Betriebsökonom unter anderem einem Masterstudium und seiner politischen Karriere.
Für den Hölsteiner erfüllt die Behindertensession zwei wesentliche Aufgaben. Einerseits gehe es darum, konkrete politische Forderungen auszuarbeiten. Andererseits sollen Menschen mit Behinderungen in der Politik an Sichtbarkeit gewinnen. Die Session sei ein «Leuchtturmprojekt», das die Aufmerksamkeit auf ihre Anliegen lenke.
An der diesjährigen Session beschäftigte ihn insbesondere die Frage, wie Menschen mit Behinderungen selbstbestimmter leben und arbeiten können. Bereits im Vorfeld arbeitete er in der Kommission für Bildung, Ausbildung und Arbeit mit. Gemeinsam mit zwei weiteren Abgeordneten verfasste er eine Petition zur wirtschaftlichen Inklusion von Arbeitnehmenden mit Behinderungen.
Ein weiteres zentrales Anliegen des Hölsteiners ist das selbstbestimmte Wohnen. Menschen mit Behinderungen sollten seiner Ansicht nach möglichst frei entscheiden können, wo und wie sie leben möchten. «Sobald man sich dem Takt einer Institution anpassen muss, hat das wenig mit Selbstbestimmung zu tun», erklärt er. Deshalb setzt er sich für mehr ambulante Unterstützungsangebote ein, die Menschen mit Behinderungen ein eigenständigeres Leben ermöglichen sollen.
Wie viel die Session tatsächlich an der nationalen Politik verändern kann, lässt sich nicht unmittelbar sagen. Die erarbeiteten Petitionen können jedoch durchaus politische Prozesse anstossen. Das zeigte bereits die erste Behindertensession im Jahr 2023. Eine ihrer Forderungen betraf das Stimmund Wahlrecht für Menschen mit Behinderungen unter umfassender Beistandschaft. Das Anliegen wurde inzwischen vom Parlament aufgegriffen.
Zum Abschluss der diesjährigen Session überreichte Simone Leuenberger die 16 verabschiedeten Petitionen an Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP).
Dass Menschen mit Behinderungen ihre Anliegen selbst vorbringen, verschaffe ihnen mehr Gehör, so Fankhauser. Dennoch wünscht sich der Hölsteiner, dass besondere Plattformen künftig nicht mehr notwendig sein werden. «Unsere Mitsprache sollte keine Ausnahme sein, sondern selbstverständlich werden», sagt er. «Wir sollten nicht nur mitreden, sondern auch mitbestimmen.»


