Nicht gleich verloren geben, was nur verschüttet war
15.01.2026 PolitikThomas Grüter, Gemeindepräsident Tenniken, parteilos
Ende eines jeden Jahres laufen auf praktisch allen Fernsehsendern die verschiedensten Rückblicke auf das vergangene Jahr. Diese zum Teil sehr spannenden, aber auch traurigen Zusammenfassungen leben ...
Thomas Grüter, Gemeindepräsident Tenniken, parteilos
Ende eines jeden Jahres laufen auf praktisch allen Fernsehsendern die verschiedensten Rückblicke auf das vergangene Jahr. Diese zum Teil sehr spannenden, aber auch traurigen Zusammenfassungen leben meistens von den Worten, welche die Bilder begleiten. Und so habe ich bei einem dieser Rückblicke den tiefgründigen Satz gehört: Nicht gleich verloren geben, was nur verschüttet war!
Es gibt Momente, da scheint etwas endgültig verloren. Ein Projekt, das scheitert. Eine Idee, die im Alltag versandet. Oder Vertrauen, das über Jahre hinweg Risse bekommen hat. In solchen Momenten ist die Versuchung gross, einen Schlussstrich zu ziehen. Doch ich habe gelernt: Nicht alles, was verschwunden scheint, ist verloren. Manches ist nur verschüttet. Getreu dem Motto: Hinfallen. Aufstehen. Abhaken. Weitergehen.
Wenn Sie dieser Tage einmal frühmorgens durch den Morgennebel in die Höhe spazieren, sind nur die Konturen der Wälder und Wiesen zu erkennen. Es ist wohl ein vertrauter Weg – und doch wirkt alles fremd. Erst wenn die Sonne langsam durchbricht, kommt das zum Vorschein, was die ganze Zeit da gewesen ist: die Hügel, die Wiesen, die vertraute Landschaft. Nichts Neues. Nur neu sichtbar.
Und ist es nicht ähnlich in unserem Alltagsleben? Bei Anliegen, die über Jahre liegen bleiben, Diskussionen, die sich festfahren, Menschen, die sich enttäuscht zurückziehen, wird rasch gesagt: «Das bringt sowieso nichts.» Aber häufig würde es sich lohnen, genauer hinzuschauen, nachzufragen, dabei helfen, Schichten abzutragen. Gerade im privaten Umfeld wiegen Enttäuschungen manchmal schwerer. Doch genau hier liegt auch eine unserer Stärken. Was verschüttet ist, kann freigelegt werden – durch Gespräche, durch Geduld, durch den Willen, nicht beim ersten Widerstand aufzugeben. Haben Sie nicht auch schon erlebt, wie Projekte nach Jahren wieder Fahrt aufgenommen haben, weil jemand den Mut hatte zu sagen: «Wir lassen das nicht einfach liegen.»
Diese Haltung gilt nicht nur politisch. Sie gilt im Vereinsleben, in der Nachbarschaft, im persönlichen Alltag. Nicht gleich verloren geben, was nur verschüttet war. Das ist keine naive Hoffnung, sondern eine bewusste Entscheidung. Eine Entscheidung für Beharrlichkeit anstatt Resignation.
Und vielleicht ist das mein persönlicher Wunsch für das neue Jahr: Wenn etwas festgefahren scheint, müssen wir uns fragen, ob es wirklich verloren ist – oder ob wir nur den Mut brauchen, abzuwarten, bis der Nebel sich lichtet und wir bereit sind, die erste Schicht abzutragen. Denn meistens liegt unter der Oberfläche mehr, als wir auf den ersten Blick sehen. Und manchmal reicht ein Sonnenstrahl, um zu erkennen: Es war die ganze Zeit da.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gesundes und sonniges neues Jahr – und haben Sie den Mut, alte Schichten abzutragen.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

