Naturverjüngung oder Neophyten
30.10.2026 BaselbietAndres Klein
Die Wald-Föhre ist nicht nur der heimische Baum mit der schönsten Rinde, sondern sie hat die Fähigkeit, dort zu leben, wo es andere Bäume kaum überleben. Wir finden sie auf lehmigen, nassen Böden, wo sie zusammen mit Liguster und ...
Andres Klein
Die Wald-Föhre ist nicht nur der heimische Baum mit der schönsten Rinde, sondern sie hat die Fähigkeit, dort zu leben, wo es andere Bäume kaum überleben. Wir finden sie auf lehmigen, nassen Böden, wo sie zusammen mit Liguster und vielen Orchideenarten einen eindrücklichen Wald bildet. Ebenso finden wir sie an steilen, besonnten Südhängen und auf Felsköpfen. Auf Waldböden mit einer guten, nicht übermässigen Wasserversorgung fehlt natürlicherweise die Wald-Föhre. Doch wer den Wald genau beobachtet, kann häufig sehr hohe, gerade aufwachsende Exemplare dieser Art entdecken. Auf diesen mittleren Standorten wird eine Wald-Föhre nur 50 oder mehr Jahre alt, wenn in den ersten Jahren ihres Lebens die Forstwarte ausgemäht haben und der Förster mindestens fünfmal gesagt hat: «Du darfst stehen bleiben.» Da stellt sich die Frage: Warum muss die Föhre auf guten Böden geschützt werden und warum wächst sie natürlicherweise nur auf sogenannten Grenzstandorten?
Erstens ist die Föhre eine sehr anpassungsfähige und genügsame Pflanze. Sie kann dort wachsen, wo es Buchen, Ahornen, Eschen oder Tannen zu trocken oder zu nass wird. Vermutlich tut die Föhre das nicht freiwillig, denn sie wird an den ökologischen Rand gedrängt. Sie ist randständig und kann nur durch Unterstützung in guten Verhältnissen aufwachsen. Man sagt, die Föhre sei konkurrenzschwach. Buchen und Tannen wachsen schneller und verdrängen die Föhren von den guten Böden. In den vergangenen Jahren wurden auf guten Böden vermehrt schnellwüchsige Arten gefördert und die Föhre hat an Anteil verloren. Dies vor allem darum, weil das Föhrenholz nicht mehr so gesucht wird wie vor 50 Jahren. Es braucht viel weniger Holz für Fenster- und Türrahmen. Auch die Bäcker rufen nicht mehr nach Föhrenholz, das so eine gute Hitze erzeugen kann.
Als ich im Spätsommer feststellte, dass sich wegen der Hitze und der Trockenheit auf Felskuppen und anderen trockenen Waldstandorten die Nadeln rot färbten und abstarben, war mein Schrecken gross. Sogar dort, wohin die Föhre verdrängt wurde, scheint sie langsam zu verschwinden. Vor 100 und mehr Jahren holten die Baumschulen aus der ganzen Schweiz Samen der Baselbieter Wald-Föhre. Heute scheint es, dass sie nur noch auf wenigen nassen Böden überleben kann. Eine kleine Hoffnung besteht. Vielleicht kann sie Böden besiedeln, die wegen des Klimas für die Buche zu trocken werden, wenn dort nicht alles mit klimaverträglichen Zukunftsbäumen bepflanzt wird. Denn der Klimawandel hat die Forstpolitik verändert. Jahrzehntelang hat man das gefördert, was an Ort gekeimt und aufgewachsen ist. Man nannte das Naturverjüngung. Heute kauft man junge Bäume aus aller Welt, die das Label klimafreundlich tragen und diesen Sommer trotz des Labels massenhaft verdorrten.
Ich wünschte mir eine Waldpolitik, die auf die Erneuerungskräfte unserer heimischen Baumarten setzt, statt mit Baum-Hasel, Baum-Magnolie, Blauglockenbaum, Eisenholzbaum etc. neue Arten (Neophyten) zu subventionieren. Geben wir der randständigen Föhre eine Chance!
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.

