Nachspielzeit
16.06.2026 PersönlichIn den Ferien beim nördlichen Nachbarn legen wir nach dem Nachtessen jeweils einen Zwischenstopp in der Cheminée-Bar ein. Dort geraten wir oft mit einem anderen, meist gleichaltrigen und deutschen Paar ins Plaudern. Beckenbauer wird Brückenbauer. Bei keinem anderen Thema gelangt ...
In den Ferien beim nördlichen Nachbarn legen wir nach dem Nachtessen jeweils einen Zwischenstopp in der Cheminée-Bar ein. Dort geraten wir oft mit einem anderen, meist gleichaltrigen und deutschen Paar ins Plaudern. Beckenbauer wird Brückenbauer. Bei keinem anderen Thema gelangt mann so schnell zum vertraulichen Du wie beim Fussball.
Dabei gelingt es mir immer wieder, den Deutschen schmerzhafte Heimniederlagen beizufügen. Der Titel von 1974 an der Heim-WM in München? Kein Problem: Alle drei Tore samt ungefährer Minutenangabe, dem Ort des Einschlags, den Namen aller Beteiligten der Szene kenne ich auswendig. Bei Goalie Sepp Mayer beherrsche ich die Schreibweise. Einzig beim Vornamen seines Gegenübers Jan Jongbloed musste mir – soeben – Google aus der Patsche helfen.
Dafür half ich damals meinem Gegenüber, einem Münchner, nach, als er die Aufstellung «seiner» Deutschen im WM-Final von 1966 mit dem legendären «Wembley-Goal» zusammenkratzen wollte und dabei den Schweizer Schiedsrichter verfluchte. «Gotti Dienst», ergänzte ich. Und selbst, als er seine Abneigung zu Bayern München und seine Liebe zum längst unbedeutenden Club München 1860 offenbarte, konnte ich ihn damit trösten, dass sie in den Sechzigern mal Meister waren, und nannte ihm sogar den Namen des Torhüters, Petar Radenkovic, samt seinem Schlager («Bin i Radi, bin i Keenig»). «1:0 für dich, hohoho», entgegnete er.
Inzwischen bin ich zu zwei Bundesliga-Spielen eingeladen, sollten die Herzensclubs meiner Clubtisch-Genossen vor meinem Lebensende jemals wieder in der obersten Liga mittun, nämlich in Nürnberg und, eben, bei 1860. Ein dritter Gast, ein Arzt aus Freiburg, rief mich am Samstag unverhofft zu mitternächtlicher Stunde an, um kurz über die Schweizer Blamage zu fachsimpeln. Wir vereinbarten ein nächstes Gespräch: «Wir bleiben am Ball, hohoho.»
Schürfe ich aber in meinen Hirnwindungen nach den letzten WM-Finals, gähnt Leere. Katar, verrücktes Spiel, knapper Sieg Argentiniens über Frankreich mit vielen Toren, ein paar Spielernamen. Messi wird danach übergriffig in ein arabisches Gewand gesteckt, und sein Goalie erlaubt sich Obszönitäten. Und wer siegte schon wieder nochmals vier Jahre zuvor wo gegen wen?
Seit Martin Suters grandiosem «Small World» wissen wir, dass gerade ein starkes Langzeitgedächtnis Ungutes verheisst. Verabschieden sich meine Erinnerungen aus der Neuzeit bereits in den Ruhestand? Meinem Vater half ich bei seinen sich häufenden Lücken mit dem Hinweis auf «die volle Festplatte im Kopf» hinweg. Auf eine überzeugende Erklärung für mich selber bin ich noch nicht gestossen. Höchstens die: Mit den Jahren verschieben sich halt die Prioritäten.
Sollte die Schweiz in Übersee aber im Final stehen, werde ich auch in vier oder vierundvierzig Jahren jede Szene nachbeten können. Davon soll ich eher nicht ausgehen, warnt mich mein Fussballfreund aus Deutschland. Das quittiere ich mit dem Schweizer Resultat:
«1:1»
Jürg Gohl ist Autor «Volksstimme» und Kulturpreisträger des Kantons Baselland 2025

