Motivation
05.05.2026 PersönlichSollte ich je einen sportlichen Zenit gehabt haben, die Erinnerung daran hätte sich im Dunst der Jahre verflüchtigt. (Noch) Vorhanden ist der Ehrgeiz, beim Sport – heute im Velosattel, oder mit Wanderschuhen – in möglichst wenig Zeit, möglichst viel Strecke zu ...
Sollte ich je einen sportlichen Zenit gehabt haben, die Erinnerung daran hätte sich im Dunst der Jahre verflüchtigt. (Noch) Vorhanden ist der Ehrgeiz, beim Sport – heute im Velosattel, oder mit Wanderschuhen – in möglichst wenig Zeit, möglichst viel Strecke zu schaffen. Die treuste Begleiterin auf meinen Touren ist die Sportuhr. Sie mahnt mich zu trinken, misst Strecke, Höhenmeter, Tempo oder Puls und serviert mir meine Tour- und Körperdaten bis auf die letzte verbrannte Kalorie. Ans Belohnungsbier braucht sie mich nicht zu erinnern. Gelingt mir auf Wanderungen in ebenem Gelände ein Kilometerschnitt unter neun Minuten, genehmige ich mir ein zweites Bier.
Kürzlich war ich drauf und dran, mich von der Uhr zu trennen und mein Ehrgeiz kam mir geradezu lächerlich vor: Der Kenianer Sebastian Sawe hatte den London Marathon unter zwei Stunden zurückgelegt. Für die 42,195 Kilometer benötigte er nur 1 Stunde, 59 Minuten und 30 Sekunden. Oder: Den Kilometer lege er 42 Mal hintereinander in 2:50 Minuten zurück, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 21,1 Stundenkilometern entspricht. Das ist übermenschlich. Denn der einigermassen trainierte Durchschnittsmensch benötigt für eine Jogging-Runde von zehn Kilometern rund eine Stunde – und muss danach unters Sauerstoffzelt. Der Weltrekordler lief doppelt so schnell, erbrachte diese Leistung viermal in Folge und wirkte im Ziel putzmunter.
Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von nur 756 Metern pro Stunde war Ueli Steck dagegen eine lahme Ente. Nur: Der leider verstorbene Alpinist erreichte diese Marke an der Eiger-Nordwand – in der Vertikalen. Für die 1800 Meter hohe Wand benötigte der Speed-Bergsteiger im Jahr 2015 2 Stunden und 22 Minuten und 50 Sekunden. Die Erstbesteiger brauchten dafür mehr als drei Tage. Auch Ueli Stecks Leistung ist phänomenal. Ebenso Marco Pantanis Sturm auf die Alpe d’Huez vor bald 30 Jahren. Der Italiener legte die 13,8 Kilometer mit 1100 Höhenmetern in 37:35 Minuten zurück, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 23 Stundenkilometern. Unfassbar. Nicht von dieser Welt. Auch wenn Pantani sich nicht nur mit Isostar stärkte.
Sie alle waren zweifellos Ausnahmekönner. Aber Menschen aus Fleisch und Blut. Das bin ich auch. Von deren Leistungen aber war und bin ich so weit entfernt wie der Osterlauf in Eiken vom Ironman auf Hawaii. Was ist schief gelaufen bei mir? Hätte ich den Muskelkater zum Freund machen sollen, anstatt ihn zu vermeiden? Wäre alles anders gekommen, wenn ich auf dem Rennvelo Lokomotive gespielt hätte, anstatt mich im Windschatten zu verstecken? Beides. Und vieles mehr.
Wäre. Hätte. Statt zu hadern, setze ich mir für sportliche Erfolgserlebnisse neue Ziele: ankommen und überleben. Und die Sportuhr tausche ich gegen ein Modell aus, das sprechen kann: «Super, Christian, Wahnsinn! Das soll dir dieser Kenianer einmal nachmachen – wenn er einmal so alt ist wie du!»
Christian Horisberger, stv. Chefredaktor «Volksstimme»

