Mit Musik in ein neues Leben
28.08.2026 BaselbietUkrainische Geflüchtete wollen beruflich Fuss fassen
Aleksander Gaidai baut sich mit seiner Familie im Oberbaselbiet eine neue Existenz auf. Sein Weg in die Selbstständigkeit ist jedoch die Ausnahme: Viele ukrainische Geflüchtete stossen beim Spracherwerb und bei der ...
Ukrainische Geflüchtete wollen beruflich Fuss fassen
Aleksander Gaidai baut sich mit seiner Familie im Oberbaselbiet eine neue Existenz auf. Sein Weg in die Selbstständigkeit ist jedoch die Ausnahme: Viele ukrainische Geflüchtete stossen beim Spracherwerb und bei der Arbeitssuche auf Hürden.
Janis Erne
In Gelb und Blau war die Wettsteinbrücke in Basel am vergangenen Sonntag gehüllt. Dutzende Ukrainerinnen und Ukrainer hatten sich dort versammelt, um den Nationalfeiertag ihres Landes zu begehen. Am 24. August 1991 erklärte sich die Ukraine für unabhängig von der Sowjetunion. 35 Jahre später verbringen viele Ukrainerinnen und Ukrainer den Nationalfeiertag fern ihrer Heimat. Seit dem russischen Angriff vor viereinhalb Jahren haben Millionen Menschen das Land verlassen. Rund 72 000 leben in der Schweiz.
Einer von ihnen ist Aleksander Gaidai. Vor rund drei Jahren kam der Musiker mit seiner Familie nach Rünenberg. Inzwischen baut sich der 38-Jährige hier eine neue Existenz auf. Gaidai gehört zu den vergleichsweise wenigen ukrainischen Geflüchteten, die in der Schweiz offiziell selbstständig erwerbstätig sind. Seine wichtigsten Standbeine sind Konzerte mit Klavier, Gitarrenmusik und eigenen Liedern, Gesang sowie Workshops mit improvisiertem Singen. Diese Kurse führt er in der ganzen Deutschschweiz durch. «Die Teilnehmer können dabei ihre Emotionen zeigen und innere Anspannung lösen», erklärt er.
Die Idee, Menschen mit Musik zu helfen, entstand bereits in der Ukraine. Als Russland im Februar 2022 das Nachbarland angriff, lebte Gaidais Familie nahe Irpin. Die Stadt bei Kiew wurde in den ersten Kriegswochen schwer umkämpft. Wenn Menschen im Untergrund Schutz vor Drohnen und Raketen suchten, nahm Gaidai seine Gitarre zur Hand: Er spielte und sang, um sie zu beruhigen. Ausserdem bot er Workshops und musikalische Improvisationen an, bei denen die Teilnehmer in eine positive Stimmung wechseln und ihren Stress reduzieren konnten. Als sich die Situation wegen des Kriegs nicht besserte, verliess die Familie die Ukraine.
In der Schweiz verbesserte Gaidai sein Deutsch und fasste beruflich Fuss. Dass er inzwischen offiziell als Selbstständiger anerkannt ist, habe ihn gestärkt, sagt er. Noch erhält seine Familie Unterstützung von der Sozialhilfe. Gaidais Ziel ist es jedoch, vollständig von seinen Konzerten und Kursen leben zu können: «Ich will zeigen, was ich kann.»
Die Krux mit den Sprachkursen
Sein Weg in die Selbstständigkeit ist eher die Ausnahme. Mehrere Ukrainerinnen und Ukrainer, mit denen die «Volksstimme» gesprochen hat, berichten von Schwierigkeiten bei der beruflichen Integration und Spannungen mit kommunalen Sozialdiensten oder kantonalen Arbeitsvermittlern. Ein Problem: Ausbildungen werden häufig nicht anerkannt, und für viele Stellen reichen die Deutschkenntnisse nicht aus. So übernehmen gut ausgebildete Geflüchtete Tätigkeiten, die wenig mit ihrem vorherigen Beruf zu tun haben. Das führt nicht selten zu persönlicher Unzufriedenheit.
Diesen Konflikt kennt auch Maria. Die Ukrainerin lebt mit ihren erwachsenen Kindern im Oberbaselbiet und möchte anonym bleiben. Sie sagt, Geflüchtete hätten selbst nur wenig Einfluss auf die Entscheidung über weiterführende Sprachkurse, die über das Grundniveau hinausgehen. Heisst: Wenn die vorhandenen Deutschkenntnisse als ausreichend für den Einstieg in den Arbeitsmarkt angesehen werden, steht bei den Behörden die Arbeitsaufnahme im Vordergrund.
Nach dem Ausstieg aus der Sozialhilfe werde es jedoch schwierig, weitere Deutschkurse selbst zu finanzieren. Denn das Einkommen reiche häufig nur knapp zum Leben. Für einen beruflichen Aufstieg seien Sprachkenntnisse aber elementar, so Maria. Nur dank der grossen Unterstützung von Schweizern habe sie eine Arbeit gefunden, die ihrem früheren Berufsfeld – der Pädagogik – nahekomme und bei der sie, wie schon in der Ukraine, mit Kindern arbeiten könne.
Ähnlich ergeht es einem ihrer erwachsenen Kinder: Trotz einer Berufsausbildung in der Ukraine arbeitet es heute im Service. Wegen der langen Arbeitszeiten bleibe abends kaum Zeit, Deutsch zu lernen. Und bei der Arbeit werde überwiegend Schweizerdeutsch gesprochen, das schwer verständlich sei. Ohne bessere Sprachkenntnisse wiederum sei es schwierig, eine Stelle im erlernten Beruf zu finden.
Eine grosse Hilfe seien für sie die privaten Unterstützungsangebote gewesen. «Die Schweizer sind sehr hilfsbereit», sagt sie. Von Anfang an hätten Bekannte und andere engagierte Menschen ihr bei der Integration geholfen. Im Gegenzug habe sie ihnen die ukrainische Kultur und Mentalität nähergebracht. Maria ist überzeugt: «Die Schweiz und die Ukraine können viel voneinander profitieren.»
Der lange Weg zur Unabhängigkeit
ps. Am vergangenen Montag feierte die Ukraine ihren Unabhängigkeitstag. Zwar erst zum 35. Mal, doch der Weg zur Eigenstaatlichkeit reicht weit zurück. Bereits im Mittelalter bildete die Kiewer Rus, die vom 9. bis ins 13. Jahrhundert mit Kiew als bedeutendem Zentrum bestand, eine wichtige historische Wurzel der heutigen Ukraine. Seit dem 15. Jahrhundert prägten Kosakenverbände die Geschichte des Landes. Nach Jahrzehnten unter fremder Herrschaft und mehreren Staatsbildungsversuchen wurde die Ukraine 1922 Teil der Sowjetunion. Am 24. August 1991 erklärte sie ihre Unabhängigkeit: Bei einem Referendum am 1. Dezember bestätigten 90 Prozent der Abstimmenden diesen Schritt.
Kantone sollen mehr Spielraum erhalten
je. Kantone und Gemeinden stehen vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits werden viele Ukrainerinnen und Ukrainer mit Schutzstatus S im Frühling 2027 seit fünf Jahren in der Schweiz sein und so Anspruch auf mehr Sozialhilfe haben, andererseits fährt der Bund seine Unterstützung aus Spargründen zurück. Vor wenigen Tagen hat der Bundesrat nun eine Vorlage in die Vernehmlassung geschickt, wonach die Kantone künftig selber festlegen können, wie sie Personen unterstützen, die seit mehr als fünf Jahren mit Schutzstatus S in der Schweiz leben. Die Kantone könnten die bisherigen tieferen Leistungen beibehalten, sie an die Sozialhilfe für Einheimische angleichen oder einen Mittelweg wählen.
