Missliche Lagen
01.09.2026 BaselbietWährend Johnny nach wie vor seinen Geschäften nachgeht und Holz, Weizen oder Hafer verkauft oder tauscht – Getreide gegen Silage-Ballen, Zaunpfosten gegen Heu – kümmern sich Yvonne und ich um Organisatorisches. Ein Bankkonto eröffnen, zum Beispiel. Da ich ...
Während Johnny nach wie vor seinen Geschäften nachgeht und Holz, Weizen oder Hafer verkauft oder tauscht – Getreide gegen Silage-Ballen, Zaunpfosten gegen Heu – kümmern sich Yvonne und ich um Organisatorisches. Ein Bankkonto eröffnen, zum Beispiel. Da ich kürzlich meine definitive Niederlassung erhalten habe, kann ich auch ein eigenes Konto einrichten.
Es gibt zwar die Möglichkeit, dies online zu erledigen, allerdings nur für Konten über die man monatlich maximal rund 1500 Franken bewegen kann. Zudem fällt bei der einen Bank gleich mal die Altersguillotine. Ab 75 kann man kein Konto mehr eröffnen.
Also fahren wir ins nächste Städtchen und versuchen unser Glück. Als erstes werden Unterlagen eingefordert. Beglaubigter Nachweis meiner AHV sowie Bankauszüge, welche die Auszahlung der Rente belegen. Dieselbe Prozedur durchlaufen wir bei einer zweiten Bank. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass eine Kontoeröffnung keine Selbstverständlichkeit ist.
Sobald die nötigen Papiere da sind, schicken wir sie an die beiden Banken, bei denen wir persönlich vorstellig geworden sind. Dann warten wir. Und warten und fragen nach und warten. Sie bräuchten mehr Papiere, wird uns mitgeteilt. Dieselben Papiere, die wir bereits geliefert hatten. Und so geht’s wochenlang hin und her. Und ginge wohl noch immer, hätte sich nicht eine befreundete Anwältin eingeschaltet, die jemanden kennt … Letztlich ist es hier gleich wie anderswo: Mit Beziehungen geht’s besser.
Die Kontoeröffnung sei genehmigt, heisst es dann doch noch. Die Unterschrift dafür kann ich allerdings nicht elektronisch abgeben, was sonst durchaus üblich ist. Also fahren wir erneut anderthalb Stunden nach La Unión, um ein Formular zu unterschreiben.
Mittlerweile wurde mein elektronischer Zugang zum Postfinance-Konto gesperrt. Warum, weiss ich immer noch nicht. Kontaktieren kann man die Postbank einzig telefonisch. Und da ich kein auslandstaugliches Abo besitze, musste ich auf den Besuch von Yvonnes Eltern warten. Ich versuchte mittlerweile die ungeheuer emphatische – «ich verstehe Ihre missliche Lage» – KI der Postfiance dazu zu bewegen, mich mit einem Menschen zu verbinden. Doch trotz des grossen Mitgefühls ist sie offenbar nicht darauf programmiert. Sie schlägt mehrfach vor, ich soll mich doch einloggen oder anrufen, obwohl ich gerade das nicht kann.
Ich hab die Postfinance-Hotline schliesslich doch noch erreicht. Der freundliche Herr erklärte mir, dass er keine Ahnung habe, weshalb mein Zugang gesperrt sei. Er rufe zurück.
Das Fazit ist schnell gezogen: Ob hier oder dort, ob Mensch oder KI, Dienst an der Kundin ist nicht mehr in Mode. Ich tröste mich damit, dass ich ja in die chilenische Pampa ziehen wollte. Eine Entscheidung, die ich noch keine Sekunde bereut habe. Und dass ich demzufolge mit «misslichen Lagen» nicht nur rechnen, sondern sie auch aushalten muss.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

