Mensch und Maschine
05.06.2026 PersönlichKaum eine Entwicklung treibt mich zurzeit derart um wie diejenige der Künstlichen Intelligenz. Technologische Entwicklung und Digitalisierung haben der Menschheit enorme Vorteile gebracht und die Lebensqualität von vielen Menschen massgeblich verbessert. Andererseits haben sie ...
Kaum eine Entwicklung treibt mich zurzeit derart um wie diejenige der Künstlichen Intelligenz. Technologische Entwicklung und Digitalisierung haben der Menschheit enorme Vorteile gebracht und die Lebensqualität von vielen Menschen massgeblich verbessert. Andererseits haben sie gravierende negative Auswirkungen: Arbeitsplatzverlust durch Automatisierung, enormer Ressourcenverbrauch, Verlust der Privatsphäre, soziale Isolation und verbreitete Social-Media-Sucht. Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz ist nun nicht lediglich eine Fortsetzung dieser Phänomene, sondern ein Quantensprung im Positiven wie im Negativen, dessen Konsequenzen die meisten Menschen nicht abschätzen können. Ich kann es jedenfalls nicht. Aber das, was ich abschätzen kann, lässt mich schlussfolgern, dass wir an einem der kritischsten Punkte des menschlichen Daseins stehen.
Zweifellos ermöglicht die Künstliche Intelligenz dem Menschen Zugriff auf ein nie dagewesenes Repertoire an Wissen und Kompetenzen. Diese breite Zugänglichkeit ist in meinen Augen positiv. Auch wenn damit zukünftig wohl immer die Frage einhergehen wird, ob eine Äusserung, ein Schriftstück, eine Kreation jeglicher Art wirklich aus einem Menschen selbst stammt oder doch mindestens zu Teilen von einer KI. Und was sind wir Menschen noch, wenn das eigenständige Denken und Kreieren wegfällt? Umso wichtiger, dass unsere Kinder genau das lernen.
Nun hat der Mensch jedoch noch nie Halt davor gemacht, die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszuschöpfen. Und die Macht, welche durch Künstliche Intelligenz in den Händen von wenigen Menschen und Konzernen konzentriert wird, ist schier unvorstellbar. Braucht es also eine starke Regulierung? Nun, das überzeugt mich auch nicht. Regulierung verringert die Macht und Kontrolle der Tech-Konzerne kaum, aber akkumuliert diese zusätzlich bei den Staaten. Das ist definitiv auch kein Szenario, das mir gefällt. Und schliesslich ist da das Risiko, dass sich eine KI selbstständig macht – und was dann?
Derweil geht die Entwicklung munter weiter, Datenzentrum um Datenzentrum. Und eine zentrale Frage scheint mir: Was, wenn ich dieses neue Normal nicht will? Nicht für mich und sicher nicht für meine Kinder? Nun sagen Sie vielleicht: «Mir egal. Ich habe ja nichts zu verbergen.» Aber wir alle haben etwas zu verbergen. Nicht, weil wir insgeheim Verbrecher sind, sondern weil wir Menschen sind. Wir haben Hemmungen. Schamgefühle. Lustige, dumme, seltsame Gedanken, die wir manchmal laut aussprechen oder sogar in die Tat umsetzen. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Maschinen jede Ihrer menschlichen Regungen sammeln, analysieren und daraus ableiten, inwiefern Sie für eine Krankenversicherung, einen Job oder gar die Gesellschaft noch tragbar sind.
Das ist keine abstrakte Fiktion, sondern eine Entwicklung, die jetzt, unmittelbar im Gange ist. Was machen wir damit?
Laura Grazioli, geboren 1985, ist Landwirtin und ehemalige Landrätin. Sie lebt mit ihrer Familie in Sissach.

