Meisterliche Freude
21.07.2026 PersönlichKennen Sie diese Momente, in denen einem jemand mit einem Lächeln entgegenkommt, die Hand schüttelt und sagt: «Herzliche Gratulation!» Der Haken daran: Man selbst hat keine Ahnung, wofür eigentlich. Genau solche Situationen haben sich bei mir in diesem Frühling ...
Kennen Sie diese Momente, in denen einem jemand mit einem Lächeln entgegenkommt, die Hand schüttelt und sagt: «Herzliche Gratulation!» Der Haken daran: Man selbst hat keine Ahnung, wofür eigentlich. Genau solche Situationen haben sich bei mir in diesem Frühling auffallend oft ereignet. «Gratuliere!», hiess es. Ich dachte jedes Mal: Wofür? Glücklicherweise löste sich das Rätsel jeweils nach wenigen Sekunden auf. «… zum Meistertitel des FC Thun!»
Offenbar hat sich in den vergangenen Jahren herumgesprochen, dass ich dem FC Thun mehr als nur wohlgesinnt bin. Wobei ich mich bewusst stets als einen Sympathisanten und nicht als «Fan» bezeichne.
Trotzdem lässt es sich nicht verheimlichen, dass mein Herz für den Klub aus dem Berner Oberland schlägt. Nach dem Aufstieg aus der Challenge League in die Super League im Sommer vor einem Jahr reihte das Team unter Trainer Mauro Lustrinelli in der vergangenen Saison einen Sieg an den anderen. Der Meistertitel wurde von Woche zu Woche zunehmend realistischer. Im selben Zug wurde in meinem erweiterten Bekanntenkreis wohl auch meine Verbindung zum FC Thun stärker wahrgenommen.
Je näher der erste Meistertitel in der Vereinsgeschichte rückte, desto häufiger wurde ich beglückwünscht. Natürlich habe ich mich über diese Glückwünsche gefreut. Es ist schön, wenn sich andere mit einem freuen – und mit dem FC Thun. Und dennoch: Zum Meistertitel der Berner Oberländer habe ich nun wirklich herzlich wenig beigetragen. Weder stand ich im Tor noch an der Seitenlinie. Auch habe ich keine Taktik ausgearbeitet und keinen Elfmeter verwandelt. Mein Beitrag beschränkte sich im Wesentlichen darauf, die Daumen zu drücken und das eine oder andere Mal in der Stockhorn Arena mit der Mannschaft mitzufiebern. Ob dies tatsächlich die nötigen Punkte im Meisterrennen eingebracht hat, möchte ich sehr stark bezweifeln.
In den vergangenen Wochen haben sich die Gratulationen allerdings verschoben. Schliesslich liegt bei den Thunern der Fokus schon längst auf der neuen Saison, die am kommenden Samstag mit einem Auswärtsspiel gegen den FC Luzern beginnt. Statt auf den Thuner Meistertitel wurde ich vielmehr auf meine Rückkehr zur «Volksstimme» angesprochen. Nach zehn Jahren Unterbruch bin ich wieder zurück in den Redaktionsräumen an der Sissacher Hauptstrasse. Mit den Reaktionen auf meinen beruflichen Weg weiss ich durchaus besser umzugehen als mit den Gratulationen zu einem Meistertitel, zu dem ich nichts beigetragen habe.
Während ich zehn Jahre «weg» war, hoffe ich insgeheim, dass es bis zum nächsten grossen Erfolg des FC Thun nun nicht ebenfalls zehn Jahre dauern wird. Nicht nur dem Verein und seinen Anhängern zuliebe. Sondern weil ich mich durchaus auch früher wieder über solch unerwartete Gratulationen freuen würde. Denn: Entgegennehmen würde ich sie so oder so sehr gerne wieder.
Thomas Ditzler, Redaktor «Volksstimme»

