MEINE WELT - Haarbüschel und Wüstensand
16.05.2026 PersönlichMein dritter Roman ist auf der Zielgeraden. Drei Jahre lang habe ich daran geschrieben. Jetzt steht die Geschichte, der Schlusspunkt ist gesetzt. Das klingt nach «Ausplämperlen» und Füsse hochlegen – ist es aber nicht. Denn nun beginnt der für mich unangenehme Teil. ...
Mein dritter Roman ist auf der Zielgeraden. Drei Jahre lang habe ich daran geschrieben. Jetzt steht die Geschichte, der Schlusspunkt ist gesetzt. Das klingt nach «Ausplämperlen» und Füsse hochlegen – ist es aber nicht. Denn nun beginnt der für mich unangenehme Teil. Zuerst geht das fertige Manuskript ins Lektorat. Dort prüft ein literaturkundiger Mensch, ob die Geschichte trägt und die Figuren glaubhaft sind.
Als Nächstes kommt die sogenannte Korrektorin zum Zuge. Sie hat ein Auge für das Feinstoffliche – sprich: für Kommaregeln und falsch getrennte Wörter. Ihre zahlreichen Korrekturen führen mir vor Augen, dass ich von Rechtschreibung offensichtlich nur rudimentär Ahnung habe, dafür aber ein ausgeprägtes Faible für das Wort «bisher». (Auf den rund 270 Seiten habe ich es exakt dreiundvierzig Mal verwendet, was vermutlich etwa vierzig Mal zu viel ist.)
In der Begleitmail schreibt die Korrektorin zudem, ich hätte es mit den Helvetismen etwas übertrieben – etwa bei Wörtern wie «Schopf», «Beige» und «Seich». Die seien zwar hübsch, aber für ein deutsches Publikum leider nicht verständlich. Ein Schopf sei in ihrer Vorstellung ein Haarbüschel. Beim Wort Beige falle ihr die Farbe des Dünensands ein. Und bei Seich sei sie gleich ganz aufgeschmissen.
Widerwillig ersetze ich die im grossen Kanton unverstandenen Wörter durch Duden-konforme Alternativen. Aus der Beige wird ein Holzstoss, aus dem Schopf ein Schuppen. Beim Wort Seich aber bin ich wortwörtlich dort – im Seich nämlich. Wie dieses zugegebenermassen derbe Wort übersetzen? Blödsinn oder Stuss oder Unsinn? Das trifft es nicht wirklich, oder? Seich ist schliesslich etwas, das jemand ohne viel nachzudenken oder Aufhebens zu machen sagt oder tut – «hinbrunzt» eben. Blödsinn und Unsinn sind da viel zu verkopft. Der Stuss (aus dem Jiddischen: Torheit) auch. Vielleicht ginge Quatsch. Oder doch besser dummes Zeug? Ich entscheide mich für Letzteres und bin mässig zufrieden mit dem Resultat.
Als ich daraufhin schlecht gelaunt in Berlin anrufe und beim Lektor nachfrage, warum man mir denn nun alle Wörter mit Schweizer Lokalkolorit streichen will, reagiert der mit grossem Erstaunen. Das tue man ja gar nicht. Im Gegenteil. Der Roman habe so wunderschöne Helvetismen drin, die man auf keinen Fall missen möchte. «Ah ja?», frage ich erstaunt zurück. «Welche denn?»
Ich höre ihn blättern. «Hier zum Beispiel der Gartenhag», sagt er. «Sehr hübsch. Da machen wir bestimmt keinen Gartenzaun draus. Oder das Sackmesser. Tolles Wort für ein Taschenmesser. Allerliebst.» Die Aufzählung geht noch eine Weile weiter. «Ach so», sage ich, «diese Helvetismen meinst du.» Dann verabschiede ich mich. Was ich ihm nicht gesagt habe: Ich hatte nicht im Blick, dass Gartenhag und Sackmesser keine hochdeutschen Wörter sind. Ämel bis heute. Quasi bisher.
Die Schriftstellerin Rebekka Salm wurde 1979 geboren und ist in Bubendorf aufgewachsen. Sie ist Mutter einer Tochter und wohnt seit 2014 in Olten.


