MEINE WELT - Das Hier und Jetzt
17.04.2026 PersönlichNeulich war ich mit einer Freundin und ihrem Rhodesian Ridgeback sowie meinem griechischen Hundeflüchtling spazieren. Eigentlich waren wir tiefenentspannt, auch weil unsere Hunde mit ihren über 10 Jahren relativ gemütlich drauf sind. Als wir aber auf diverse andere Hundehaltende ...
Neulich war ich mit einer Freundin und ihrem Rhodesian Ridgeback sowie meinem griechischen Hundeflüchtling spazieren. Eigentlich waren wir tiefenentspannt, auch weil unsere Hunde mit ihren über 10 Jahren relativ gemütlich drauf sind. Als wir aber auf diverse andere Hundehaltende trafen, stellte sich heraus, dass wir keineswegs alle gleich ticken. Da gab es den Typen, der schon 100 Meter vor uns mit seinem Hund an der kurzen Leine gefror, bis wir auch anleinten. Die Frau, die uns panisch bittet, den Platz beim «Robidog» freizugeben, damit sie sich ja nicht mit ihrem Fellfreund nähern muss. Mein Hund verzichtet freiwillig auf sein Bad im Teich, weil er merkt, dass der Hund am Ufer samt Besitzerin gerade Panik bekommt. Meine Diagnose: Meistens sind es nicht die Tiere, die ein Problem haben, sondern der erfolgreich digitalisierte Mensch hat die Fähigkeit verloren, sich selbst zu regulieren, geschweige denn, andere Menschen zu lesen.
Der «Homo digitalis» ist zwar ständig am Handy, macht sich aber zu Recht Sorgen darüber, dass Kinder und Jugendliche durchschnittlich vier Stunden täglich am Smartphone verbringen, anstatt auf Bäume zu klettern. Dabei erleben auch Erwachsene, speziell meiner ältlichen Generation, ihr eigenes Leben hauptsächlich digital. Als liesse sich ein schöner Moment nur festhalten, wenn er auf dem «WhatsApp»-Status verewigt wird. Deshalb riskiert der «Homo digitalis» kollektiv neurotisch zu werden: Immer mehr Menschen vereinsamen in ihren Wohnungen, haben Panikattacken oder kommen mit dem Leben nicht zurecht. Man traut sich immer weniger zu, weil einem die digitalen Kurzfilmchen unrealistisch hohe Risiken zeigen oder weil algorithmisch gepolte Ärztinnen und Ärzte einen ab einem bestimmten Alter unaufgefordert darauf hinweisen, wie hoch das statistische Risiko von Gürtelrose bis Skiunfall ist.
Als Teil dieser Risikogruppe gehe ich nur zum Arzt, wenn ich den Kopf unter dem Arm trage, und stelle das Handy ab, wenn ich mich mit Tieren beschäftige. Die haben uns nämlich etwas voraus: Sie wissen um das Hier und Jetzt: Hunde sind nie abgelenkt, lesen aber permanent unsere Stimmungen. Unser Verhalten kann sie schnell stressen, sodass einige beginnen, sich unnatürlich zu verhalten. Wie würden Sie reagieren, wenn «Ihr» Mensch Sie zum Beispiel permanent von Artgenossen wegreissen würde?
Da hilft nur gesunder Menschenverstand: Wenn zwei Frauen mit grossen Hunden ohne Leine auf freiem Feld spazieren, sollte man ihnen zutrauen, dass sie die Hunde frei haben, weil sie ungefährlich sind und sich nicht aufdrängen. Wenn ich mich wohlfühle, fühlt sich auch mein Hund wohl. Tiere können sich nicht wehren, wenn wir ängstlich oder nervös bei ihnen Ablenkung suchen. Sie sind von uns abhängig, also sollten wir in Psychohygiene investieren: Geht uns wirklich etwas verloren, wenn wir täglich eine halbe Stunde weniger bei «Facebook» oder «Instagram» den digitalen Alltag unserer Mitmenschen beobachten? Wir könnten in unserer eigenen analogen Welt gerade ziemlich viel verpassen. Entspannung geht anders.
Petra Huth ist Politikwissenschaftlerin und Ökonomin. Sie lebt in Anwil und amtet dort als Gemeinderätin.

