«Meine Kühe schauen mich schon komisch an»
23.10.2026 PersönlichAm Sonntag werden die Uhren zurückgestellt. Die «Volksstimme» hat Felix Degen vom Hof «Eich» in Hölstein gefragt, wie sich die Zeitumstellung auf seine Kühe auswirkt und welche Folgen der Hitzesommer für seinen Betrieb hat.
Elmar ...
Am Sonntag werden die Uhren zurückgestellt. Die «Volksstimme» hat Felix Degen vom Hof «Eich» in Hölstein gefragt, wie sich die Zeitumstellung auf seine Kühe auswirkt und welche Folgen der Hitzesommer für seinen Betrieb hat.
Elmar Gächter
■ Herr Degen, wie stark wirken sich die Zeitumstellungen im Frühjahr und Herbst auf Ihre Milchkühe aus?
Felix Degen: Meine Tiere spüren die Umstellung vor allem im Frühjahr, wenn die Uhren am letzten Sonntag im März um eine Stunde vorgestellt werden. Wenn ich dann am frühen Morgen in den Laufstall komme, schauen mich einige Kühe etwas komisch an, ganz nach dem Motto: «Was soll das?» Da braucht die eine oder andere Kuh, insbesondere Jana, unser mit rund 16 Jahren ältestes Tier im Stall, schon eine zusätzliche Aufforderung, aufzustehen und sich zum Melkstand zu begeben. Aber beim Melken will sie die Erste sein. An den ersten Tagen nach der Umstellung auf die Winterzeit kann es die Herde dann kaum erwarten, gemolken zu werden.
■ Könnten Sie sich nicht einfach dazu entschliessen, die Zeitumstellung zu ignorieren?
Unsere Milch wird jeden zweiten Tag im Dorf von einem Lastwagen abgeholt, das ganze Jahr über um 6.30 Uhr, unabhängig von Sommeroder Winterzeit. Da haben wir keine Alternative. Um die Umstellung auf die Sommerzeit etwas weniger abrupt zu gestalten, verschieben wir das Melken an jenen Tagen, an denen die Milch nicht abgeholt wird, vorübergehend morgens jeweils um eine halbe Stunde.
■ Welchen Einfluss hat die Zeitumstellung auf die Milchleistung Ihrer Kühe?
Je nach Kuh gibt es am Morgen nach der Umstellung auf die Sommerzeit zwei bis drei Liter weniger Milch. Dieser Rückgang ist jedoch einmalig und gleicht sich bereits in den folgenden Tagen wieder der normalen Leistung an. Meine beiden Rassen, Red Holstein und Schweizer Fleckvieh, geben pro Laktation rund 8000 Liter Milch. Damit liegt ihre Leistung deutlich unter jenen von Hochleistungskühen, die sensibler reagieren und bei denen sich die Zeitumstellung stärker bemerkbar macht. Die Umstellung von der Sommer- auf die Winterzeit hat auf das ganze Jahr gesehen praktisch keinen Einfluss auf die gesamte Milchleistung unserer Herde.
■ Die Auswirkungen halten sich demnach in Grenzen?
Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich die Sommerzeit abschaffen – nicht zuletzt mir zuliebe, denn ich habe nichts dagegen, etwas länger schlafen zu können (lacht). In der Landwirtschaft gibt es allerdings wesentlich grössere Probleme zu bewältigen. Ich denke dabei an die Blauzungenkrankheit, von der auch meine Herde betroffen war, und vor allem an die diesjährige Hitze und die lange Trockenheit. Beides habe ich in den vielen Jahren, seit ich meinen Betrieb führe, so noch nie erlebt.
■ Was bedeuteten die grosse Hitze und die Trockenheit für Ihren Betrieb?
Meine rund 30 Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche nutze ich je etwa zur Hälfte als Grünland und als Ackerland. Während ich mit dem Ertrag des Getreides quantitativ und qualitativ heuer sehr zufrieden bin, gab es beim Mais eine Einbusse von rund einem Drittel der normalen Ernte. Die ersten beiden Grasschnitte waren nicht schlecht, die weiteren jedoch ein Totalausfall. Der Futtermangel und der teure Zukauf von Ersatzfutter zwangen mich dazu, sieben meiner 35 Milchkühe zu verkaufen, wenigstens zu einem einigermassen vernünftigen Preis.
■ Grössere Grünfuttermengen sind bis zum Wintereinbruch kaum zu erwarten. Wie kommen Sie über den nächsten Winter?
Bis vor Kurzem konnte ich noch auf Mais aus der guten Ernte des Vorjahres zurückgreifen. Besonders wichtig war, dass ich in Frankreich gemeinsam mit unserem Nachbarbetrieb Luzerne beschaffen konnte. Zudem habe ich Mais zugekauft sowie Zuckerrübenschnitzel, ein Nebenprodukt der Zuckerindustrie. Nicht zuletzt kann ich dem Futter auch Weizenstroh beimischen. Ob die Vorräte für den ganzen Winter reichen werden, kann ich heute noch nicht beurteilen. Falls nötig, muss ich meinen Viehbestand weiter reduzieren.
■ Was sind die Konsequenzen für den Anbau von Viehfutter im kommenden Jahr?
Ich stelle nun auf Futterweizen um. Im Bedarfsfall kann ich diesen als Ganzpflanzensilage häckseln und damit die Mais- und Grassilage ergänzen. Zudem baue ich wieder Chinakohlrübsen an, die allerdings relativ intensiv schmecken und wegen möglicher Auswirkungen auf den Milchgeschmack nur begrenzt verfüttert werden dürfen.
■ Wie wirkt sich das fehlende Grünfutter auf die Milchleistung Ihrer Kühe aus?
Bis jetzt musste ich keine grösseren Einbussen feststellen.
■ Sind Sie angesichts dieser Herausforderungen noch motiviert, zu betreiben?
Ich bin nach wie vor mit Leib und Seele Landwirt und könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen. In rund fünf Jahren werde ich meinen Betrieb aus Altersgründen aufgeben müssen. Wie es danach mit meinem Hof «Eich» weitergeht, ist offen.
Sommerzeit
emg.
Nach der Ölkrise in den 1970er-Jahren beschlossen viele europäische Länder, die Sommerzeit einzuführen. Die Schweizer Bevölkerung lehnte die Einführung 1978 mit über 80 Prozent der Stimmen deutlich ab. Da alle Nachbarländer die Sommerzeit einführten und die Schweiz kurzzeitig als «Zeitinsel» im internationalen Bahn- und Reiseverkehr Probleme bekam, setzte der Bundesrat die Zeitumstellung 1981 schliesslich ohne neuerliche Volksabstimmung per Verordnung durch.
Zur Person
emg.
Felix Degen ist 60 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau Anna und dem 12-jährigen Sohn in Hölstein. Als gelernter Landwirt mit Meisterprüfung bewirtschaftet er in dritter Generation den Hof «Eich». Degen bildet Lernende aus und bewirtschaftet rund 30 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. In seinem Laufstall hält er zurzeit 28 Milchkühe und widmet sich der Aufzucht von Rindern. Zum Betrieb gehören ausserdem rund 8 Hektaren Wald, dessen Pflege er als sein Hobby bezeichnet. Felix Degen ist seit mehreren Jahren als Bürgerrat Waldchef der Bürgergemeinde Hölstein.

