«Meine Gedanken sind in Nepal»
10.09.2026 BubendorfFlutkatastrophe lässt Sibylle Mehmanns Herz bluten
Als der Berg im Lötschental das Dorf Blatten verschüttete, waren die Menschen rechtzeitig gewarnt und in Sicherheit gebracht worden. Vor der Sturzflut in Nepal gab es keine Warnung – oder wenn, dann zu spät. ...
Flutkatastrophe lässt Sibylle Mehmanns Herz bluten
Als der Berg im Lötschental das Dorf Blatten verschüttete, waren die Menschen rechtzeitig gewarnt und in Sicherheit gebracht worden. Vor der Sturzflut in Nepal gab es keine Warnung – oder wenn, dann zu spät. Sibylle Mehmann kennt die Gegend und hat Freunde dort.
Brigitte Keller
Die Luftlinie bis in die Region von Kathmandu in Nepal beträgt von hier fast 7000 Kilometer, aber die Bilder der verheerenden Flutkatastrophe, die sich dort vor zwei Wochen ereignet hat, haben auch hier Bestürzung ausgelöst. Noch mehr betroffen ist, wer das Land am Himalaja schon besucht hat oder Bekannte oder gar Freunde dort hat. Wie beispielsweise Sibylle Mehmann. Die in Bubendorf aufgewachsene Absolventin der Hotelfachschule ist selbstständig tätig als Anbieterin von massgeschneiderten Geschäftsreisen.
Die Neugier auf Menschen aus anderen Kontinenten und deren Kulturen sei schon früh durch ihren Vater, der in verschiedensten Ländern beruflich tätig war, geweckt worden.
Dieses «Feuer», das damals entfacht wurde, brennt noch heute. Für Sibylle Mehmann ist Reisen mehr als einfach Erholung. Sie wollte schon immer verstehen, wie und wovon die Menschen leben und was ihren Alltag und ihr kulturelles und wirtschaftliches Leben prägt.
«Wir im Westen sind sehr privilegiert und können durch Reisen andere Seiten auf der Welt kennenlernen», ist sich die Reisefachfrau bewusst. Nach mehreren Reisen nach Nepal wollte sie noch etwas mehr tun. Durch den Kontakt zu einem Freund in Kathmandu, der mit seiner Stiftung Schulen in abgelegenen Dörfern unterstützt, entschied sie sich im vergangenen Jahr für eine Auszeit und begab sich in das abgelegene Dorf Gatlang an der Grenze zu Tibet. Dort unterrichtete sie einen Sommer lang Englisch und wohnte bei einer Gastfamilie.
Gatlang liegt unterhalb des zerstörten Grenzübergangs Gyirong und gleichzeitig nur wenig oberhalb des Tales, das von der verheerenden Sturzflut und Schlammlawine getroffen wurde. Sibylle Mehmann versuchte nach dem Unglück sofort, ihre Bekannten vor Ort zu erreichen. «Wer von Gatlang nach Kathmandu will, fährt durch das Tal, das jetzt zerstört wurde», erzählt sie. Von ihrem Gastvater aus Gatlang bekam sie zum Glück nach vier Tagen bangen Wartens endlich ein Lebenszeichen. Er und seine Familie waren in Sicherheit, Nachbarn und Freunde hatten weniger Glück.
Abgeschnitten
«Meine Gedanken sind in Nepal; meine Bekannten leben und ihr Haus steht noch, aber sie sind von allem abgeschnitten», erklärt Mehmann. «Strom gibt es nur noch von ein paar Solarpanels, die Touristen glücklicherweise dort gelassen haben.» Mit diesem wenigen Strom versuchen die Menschen im abgelegenen Dorf, mindestens ihre Handys aufzuladen, um den Kontakt zur Aussenwelt aufrechtzuerhalten. Mit Essen versorgen könnten sie sich Gott sei Dank noch aus eigener Kraft, denn Hilfe von aussen werde wohl nicht so schnell eintreffen. Der Fokus liege auf der Suche nach Vermissten. Bisher wurden rund 1500 Tote gezählt, weitere geschätzte 5000 Menschen gelten noch als vermisst. «Wir haben unsere Bekannten gefragt, ob wir sofort etwas von der Schweiz aus für sie organisieren können», fährt Sibylle Mehmann fort. Zuerst solle denen geholfen werden, die ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, hätten sie geantwortet. «Da kommt ihre buddhistische Lebenshaltung zum Tragen: Zuerst soll denen geholfen werden, die noch schlimmer getroffen wurden, im Vertrauen darauf, dass – sobald jemand Kapazität haben würde – auch Hilfe bis zu ihnen kommen wird.»
Hinschauen, hinreisen
Was kann tun, wer helfen möchte? «Das Wichtigste ist, sich nicht abschrecken und abhalten zu lassen, das Land zu bereisen», sagt Mehmann. Genau jetzt bräuchten das Land und die Leute vor Ort Gäste aus dem Ausland und damit Einkommen, denn der Tourismus sei eine der wichtigsten Einnahmequellen Nepals. Im Oktober beginnt gerade wieder die Hauptsaison für Trekkings. Einen solchen Aufruf hat auch der Aussenminister des Landes am Himalaja gemacht, in dem er der Welt mitteilte: «Eine widerstandsfähige Wirtschaft baut man am besten auf, indem man ihre Kernbereiche unterstützt.»
Wenn der Tourismus zusammenbrechen würde, dann käme zur menschlichen Tragödie auch noch eine Wirtschaftskrise, erklärt Mehmann. Sie und ihr Lebenspartner André Lüthi, Mitgründer der «Globetrotter Group» und langjähriger Nepal-Kenner, planen ebenfalls, voraussichtlich noch diesen Monat an den Ort des Geschehens zu reisen und dort mit ihren Freunden zu schauen, was sie für diese tun können. Es fehle vor allem an Medikamenten, Reis, Wasserfiltern und Stirnlampen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
«Wir sind dabei abzuklären, wie wir Hilfsgüter ins Katastrophengebiet bringen könnten.» Eine Hilfsorganisation vor Ort, für die Sibylle Mehmann die Hand ins Feuer legt und mit der sie zusammenarbeitet, ist die Organisation Nawa Asha Griha NAG Nepal. Diese wurde vor mehr als 30 Jahren von der Schweizer Auswanderin Nicole Wick ins Leben gerufen. «Bei ihr kommt immer die Bevölkerung zuerst. Schon am Tag nach der Katastrophe hat sie zwei Jeeps, ausgerüstet als mobile Kliniken, losgeschickt.»



