Mehr Bitteres für bessere Fitness
08.05.2025 BaselbietKönnten Wildkräuter die Fettwegspritze ersetzen?
«Was wir essen macht mir weniger Sorgen als das, was wir nicht mehr essen»: Das sagte ein Arbeitskollege, der an Diabetes Typ 2 forschte. Ein Blick auf die Teller von Menschen, die weniger an solchen ...
Könnten Wildkräuter die Fettwegspritze ersetzen?
«Was wir essen macht mir weniger Sorgen als das, was wir nicht mehr essen»: Das sagte ein Arbeitskollege, der an Diabetes Typ 2 forschte. Ein Blick auf die Teller von Menschen, die weniger an solchen Zivilisationskrankheiten leiden.
Heinz Döbeli
Bereits vor 60 Jahren erkannten Wissenschaftler, dass zwischen Ernährung und Herzerkrankungen ein Zusammenhang besteht. Mittlerweile gilt als gesichert, dass die mediterrane Ernährung das Risiko verringert, am Gefässsystem, an Diabetes oder an gewissen Krebsarten zu erkranken. Wer sich mediterran ernährt, deckt seinen Eiweissbedarf vorwiegend mit Hülsenfrüchten, Fischen und nur mit wenig rotem Fleisch. Viele Früchte und Gemüse und vor allem Olivenöl gehören auch dazu. Aber ist das alles?
Auf der Suche nach Orten, an denen Menschen überdurchschnittlich alt werden, stiessen Forscher auf fünf Gegenden. Sie nannten sie «blue zones» ( «Blaue Zonen»).Aus der Langlebigkeitsforschung wissen wir mittlerweile, dass es nur zu etwa 10 Prozent von den Genen abhängt, wie alt wir werden. Viel wichtiger sind die Umweltbedingungen und unser Lebensstil. Der Lebensstil der Menschen in den «blue zones» zeichnet sich aus durch viel natürliche Bewegung im Freien, ein solides soziales Netzwerk, einen Sinn im Leben und eine gesunde Ernährung.
Bitterkeit sorgt für Hormone
Eine dieser Blauen Zonen ist Ikaria, eine griechische Insel im östlichen Mittelmeer, auf der das moderne Leben noch nicht angekommen ist. Viele Bewohner sind weitgehend Selbstversorger und ihre Ernährung entspricht der mediterranen Diät. Zudem enthält der Speisezettel der Ikarioten viele Wildkräuter, die unter dem Sammelbegriff «Chorta» zusammengefasst werden. «Chorta» wird gekocht, mit Olivenöl, Zitronensaft und Gewürzen verfeinert und kalt als Salat gegessen.
Von den 55 genannten Wildkräutern, die auf Ikaria zu «Chorta» zählen, werden 14 als bitter klassifiziert. In einer Laborstudie fanden Forscher heraus, dass bittere Substanzen Hormone freisetzen, die den Appetit regulieren. Dazu gehört auch das Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1).
GLP-1 wurde in Betracht gezogen als Medikament zur Behandlung von Diabetes Typ 2. Diese Krankheit ist eine Folge unseres modernen Lebensstils. Ideengeber für dieses Projekt war die Gila-Krustenechse, die in den Wüsten von Neumexiko lebt. Dieses Reptil ist eine der wenigen aktiv giftigen Echsen. Der Biss führt zu einem Abfall des Blutzuckers. Im Gift ist Exendin-4 enthalten, das grosse Ähnlichkeit mit GLP-1 hat, aber wirksamer ist.
Pharmafirmen versuchten, Exendin-4 zu einem Medikament gegen Diabetes Typ 2 zu entwickeln. Wie GLP-1 ist auch Exendin-4 ein kleines Protein, also ein Peptid. Das macht die Anwendung als Medikament umständlich. Würde man Peptide als Pille darreichen, würden sie im Magen oder im Darm sofort verdaut. Deshalb muss man sie mit einer Spritze applizieren.
Der Wirkstoff der «Fettwegspritze» Wegovy ist Semaglutid, eine Weiterentwicklung von Exendin-4. Er wirkt gleich wie GLP-1. Ketzerische Frage: Kann man seine Pfunde statt mit Wegovy auch mit «Chorta» bekämpfen? Bittere Wildkräuter wachsen auch in unseren Gärten – nur reissen wir sie aus, weil sie bei uns als Unkräuter gelten.

