«Meet & Greet»
03.11.2026 Persönlich«Die würde ich gerne einmal treffen», denke ich und drehe mich um zum Abfalleimer. Wobei: So angenehm würde das Treffen vielleicht gar nicht. Schliesslich habe ich einiges an Kritik anzubringen. Was hat sich die Person hier überlegt?
Die möglichen ...
«Die würde ich gerne einmal treffen», denke ich und drehe mich um zum Abfalleimer. Wobei: So angenehm würde das Treffen vielleicht gar nicht. Schliesslich habe ich einiges an Kritik anzubringen. Was hat sich die Person hier überlegt?
Die möglichen Wünsche, wen wir gerne einmal treffen würden, gehen sehr weit auseinander. Bei mir als Sportredaktor wären Persönlichkeiten aus meinem Berufsfeld denkbar. Schliesslich frage ich mich häufig, wie diese Profi-Sportler, die stets von Kameras begleitet werden, in Realität und abseits der Öffentlichkeit so sind. Auf ein Bier mit vergangenen Eishockeygrössen wie Dominik Hasek oder Jaromir Jagr – ich wäre nicht abgeneigt. Mich auf einem Tandem von Radprofi Mathieu van der Poel ziehen zu lassen, wäre ebenfalls reizvoll. Mein Idol Marco Pantani ist schliesslich nicht mehr auf der Welt.
Aber was redet man dann da? Wenn ich Roger Federer auf einen Kaffee träfe, wäre die Marke der produzierenden Maschine wohl durch seinen Sponsor vorgegeben, aber worüber ich mit ihm sprechen würde, weiss ich nicht. Spät nachts habe ich ihn einmal im St. Johann gesehen. Brav nach Schweizer Art habe ich beim Vorbeigehen nett gegrüsst, den prominentesten Menschen, den unser Land je gesehen hat, aber in Ruhe gelassen.
Andere würden vielleicht gerne einen Promi aus Film und Fernsehen treffen. Ob die auch wüssten, worüber sie sich dann wahlweise mit Robert De Niro, Quentin Tarantino, Uma Thurman oder Jennifer Aniston unterhalten würden? Die «Meet and Greets», die es teilweise zu gewinnen gibt, müssen für die Prominenten schreckliche Pflichttermine sein. Da kommt ja niemand und fragt nach der Sicht auf gesellschaftliche Herausforderungen, nach dem Gelingen des selbst gebackenen Brots oder den Resultaten des Lieblingsvereins am Wochenende. Die nervösen Besucher bringen wohl – wenn überhaupt – maximal ein «Ich fand Sie in Film XY sooo toll» über die Lippen.
Auch einen Tee mit dem Dalai Lama oder
– entschuldigen Sie die Fallhöhe – ein Cola mit Donald Trump stelle ich mir wahnsinnig seltsam und nicht sehr gewinnbringend für beide Seiten vor. Zudem hätte ich als Besucher das Gefühl, dass ich dem Gesprächspartner nur Zeit stehle. Der hat doch besseres zu tun, als mit mir zu reden. Es stehen bestimmt Tausende andere Schlange.
Dieses Problem hätte ich im eingangs genannten Fall nicht, als ich mich in der Küche zum Abfalleimer umdrehe und sage: «Die würde ich gerne einmal treffen.» Denn es geht mir nicht um einen Profi-Sportler, nicht um einen Stern am Hollywood-Himmel und nicht um einen einflussreichen Menschen der Weltpolitik. Aber die Person, die entschieden hat, dass der Grossverteiler kleine, stark haftende «Bio»-Kleber auf die leicht reissende Haut von Nektarinen klebt … die würde ich wirklich gerne einmal kennenlernen. Und ich hätte ein Gesprächsthema.
Sebastian Wirz, Sportredaktor «Volksstimme»

