«Medea» und ein Stier auf der runden Bühne
11.08.2026 Kultur, Sissach
Freilichttheater startet in die zweite Ausgabe
Auf dem Sissacher Nebiker-Areal wird wieder Theater gespielt. Neben der Wiederaufnahme von «Medea» steht erstmals «Ferdinand der Stier» auf dem Programm. Zwei gegensätzliche Geschichten, die mehr verbindet, als ...
Freilichttheater startet in die zweite Ausgabe
Auf dem Sissacher Nebiker-Areal wird wieder Theater gespielt. Neben der Wiederaufnahme von «Medea» steht erstmals «Ferdinand der Stier» auf dem Programm. Zwei gegensätzliche Geschichten, die mehr verbindet, als zunächst scheint.
Melanie Frei
Am Donnerstag kehrt «Medea» auf die Freilichtbühne Kreuzmatt auf dem Nebiker-Areal in Sissach zurück. Neunmal wurde die Tragödie von Euripides im vergangenen Sommer auf der eigens dafür errichteten Freilichtbühne gespielt.
«Alle der ‹Medea›-Crew waren sich einig, dass es zu früh wäre, diese Inszenierung nach neun Aufführungen bereits in den Theaterhimmel zu entlassen», sagt Regisseur Kaspar Geiger. Das positive Echo des Publikums habe sie darin bestärkt. Auch bei den Spielerinnen sei das Interesse gross gewesen, die Produktion nochmals aufzunehmen und ihre Figuren weiterzuentwickeln.
Ein zweiter Sommer bedeutet jedoch nicht, einfach dort weiterzumachen, wo man vor einem Jahr aufgehört hat. «Aus der Distanz fällt einem das eine oder andere auf, was anders gemacht werden könnte», sagt Geiger. Mehr Dynamik, schnellere Anschlüsse und härtere Brüche innerhalb der Rollengestaltung hat er sich vorgenommen. Auch einzelne Kürzungen sind geplant.
«Medea» ist für Geiger weit mehr als ein historischer Stoff. Euripides schrieb die Tragödie 431 vor Christus – und doch führt sie für den Regisseur unmittelbar in gegenwärtige Diskussionen. Wenn Medea sage: «Wir kaufen einen Mann, der Herr ist über unseren Leib», befinde man sich schlagartig in einer Diskussion über patriarchale Strukturen. «Solche Diskussionen mit einem Stück zu führen, das so weit zurückliegt, kann Augen öffnen», sagt Geiger.
Während «Medea» zurückkehrt, betritt in diesem Sommer erstmals «Ferdinand der Stier» das Bühnenrund. Die sommerliche Hitze dürfte dabei durchaus zur Atmosphäre passen und das Publikum gedanklich nach Südspanien versetzen. «Wir empfehlen, Sonnenschirm oder Kopfbedeckung mitzubringen – für kühlenden Fächerwind ist bei uns bereits gesorgt», sagt Produktionsleiter Andreas Daniel Müller.
Die Idee für das Stück stammt von Claudia Adrario. Die Sängerin und Schauspielerin steht bei «Medea» als Amme auf der Bühne und übernimmt bei «Ferdinand der Stier» die Rolle der Erzählerin. Sie beschäftigt sich schon seit ihrer Studienzeit mit der Geschichte von Munro Leaf. Adrario studierte Spanisch und sang viel spanisches Repertoire. Die kurze Geschichte funktioniere bereits für kleine Kinder: «Und sie lieben Ferdinand, den Riesenkerl, der an den Blumen riecht.» Ferdinand ist gross und stark, aber kämpfen will er nicht. Viel lieber sitzt er unter seinem Korkeichenbaum und riecht an Blumen. Trotzdem landet er eines Tages in der Stierkampfarena und soll dort das tun, was seinem Wesen widerspricht.
«Gewalt ist leider allgegenwärtig: im Kinderzimmer, auf Pausenhöfen, auf der Strasse, im Internet, in den Nachrichten», sagt Adrario. Ferdinand soll besonders Kindern eine Alternative zeigen: «Kinder sollen durch Ferdinand sehen, dass es auch anders geht, dass Friedlichkeit stärker sein kann als Gewalt.» Die Bühnenfassung geht dabei über die Kindergeschichte hinaus. Adrario fügt ihr mit dem Leben und der Ermordung des andalusischen Dichters Federico García Lorca eine zweite Ebene hinzu. Seine Freunde nannten ihn «Angel», weil er so friedlich war und der Gewaltverherrlichung des Franco-Regimes widersprach. Lorca wurde kurz nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 nahe Granada erschossen.
Zudem wirken zwei ukrainische Künstlerinnen mit: eine Schauspielerin als Erzählerin und eine Violinistin, die den spanischen Liedern ukrainische Melodien beifügt. Auch zwei ukrainische Gedichte über Heimweh und das Einschlafen in fremder Umgebung finden Eingang in das Stück. Auf direkte Anspielungen auf den Krieg in der Ukraine verzichte man hingegen bewusst, sagt Geiger.
Zwei Stücke, eine Bühne
Musik spielt in beiden Produktionen eine wichtige Rolle. Bei «Medea» überträgt Perkussionistin Lucía Carro Vega das Bühnengeschehen immer wieder auf eine andere Darstellungsebene. Bei «Ferdinand der Stier» begleiten spanische Lieder, Gitarre, Violine und Perkussion die Geschichte. Auf den ersten Blick könnten «Medea» und «Ferdinand der Stier» kaum unterschiedlicher sein: hier eine antike Tragödie über Verletzung, Rache und Gewalt, dort ein Stier, der sich der Gewalt verweigert. Auf der Freilichtbühne Kreuzmatt begegnen sie sich dennoch nicht zufällig.
Schon die Bühne verbindet sie: ein weisses Holzrund, darum eine unverrückbare Stuhlreihe, im Zentrum ein metallener Kran. «Medea ist in der Gesellschaft von Korinth genauso gefangen wie Ferdinand in der Stierkampfarena», sagt Adrario. «Beide sind dem Schicksal ausgeliefert.»
Geiger erkennt in beiden Figuren das Prinzip der Selbstermächtigung. Ferdinand lässt sich nicht dazu bringen, gegen einen Matador zu kämpfen, der ihm nichts getan hat. Medea wiederum weigert sich, sich ihrem Ehemann zu beugen, der sie verlassen und gedemütigt hat. Doch während Ferdinand die Gewalt verweigert, führt Medeas Widerstand bis zur Tötung ihrer eigenen Kinder. «Da hört dann die Gemeinsamkeit zwischen den beiden Geschichten abrupt auf», sagt Geiger.
Gerade dieser Gegensatz macht die Kombination reizvoll: Beide Figuren widersetzen sich einer Rolle, die andere für sie vorgesehen haben: Die eine mit erschreckender Radikalität, der andere, indem er sich schlicht weigert, zu kämpfen.
Hinter dem Freilichttheater steckt ein erheblicher organisatorischer Aufwand. Über mehrere Tage wird aus einer Wiese ein Theaterplatz mit Bühne, Licht und Ton. Hinzu kommen neben dem Schauspielensemble, Ton- und Lichttechnik, Bühnenbildner Maske, Barbetrieb, Billetkasse und dramaturgische Begleitung.
«So kommen wir schnell auf 25 bis 30 Personen», sagt Müller. «Quasi ein mittelgrosses Theater auf Zeit.» Die aufwendig errichtete Bühne mit einer zweiten Produktion zu bespielen, lag deshalb nahe. «Eine Kombination mit einem Familienstück war genau das, was wir gesucht haben und glücklicherweise in Ferdinand gefunden haben», sagt Müller.
Für einige Tage wird das weisse Rund der Freilichtbühne Kreuzmatt damit zum Schauplatz zweier sehr unterschiedlicher Geschichten über Figuren, die sich nicht mit der Rolle abfinden wollen, die andere für sie vorgesehen haben.
«Medea»:
13., 14., 16., 20., 21. und 23. August, jeweils 20 Uhr (Dauer ca. 90 Minuten).
«Ferdinand der Stier»:
15. und 22. August, 17 Uhr, sowie
16. und 23. August, 11 Uhr
(Dauer ca. 60 Minuten).
Freilichtbühne Kreuzmatt, Sissach.
