Kürzlich: In einem Interview im «Regi» wird über Lerninseln diskutiert. Diese sollen einen ungestörten Unterricht ermöglichen. Das Gespräch wird in Mundart geführt. Gleichwohl sprechen der Interviewer und die Interviewte konsequent von «Lerninsle» ...
Kürzlich: In einem Interview im «Regi» wird über Lerninseln diskutiert. Diese sollen einen ungestörten Unterricht ermöglichen. Das Gespräch wird in Mundart geführt. Gleichwohl sprechen der Interviewer und die Interviewte konsequent von «Lerninsle» statt von «Lehrinsle». Abgesehen von ein paar Mundarten im östlichen Teil des Landes unterscheiden wir im Gegensatz zur Standardsprache nicht zwischen «lernen» und «lehren». Dass das vermeintlich falsche Wort dennoch über den Äther geht, dürfte aber auch daran liegen, dass so der Unterschied zwischen Lernen und Lehren hervorgehoben werden kann. Deshalb wird die korrekte Mundart für einmal der Verständlichkeit untergeordnet. Verständlich.
Wenn wir über einen Pausenplatz spazieren, so stellen wir fest, dass sich neben diesem Wort auch zahlreiche deutsche Substantive wie Neophyten in der Mundart einnisten, zum Beispiel «Pfärd» und, besonders aktuell, «Urlaub». Beispiele für Verben, die sich ausbreiten, sind neben «lerne» auch «arbeite» oder, um auf die schönen Seiten des Lebens zu wechseln, «küsse» und «liebe». Auch wenn es Mundart-Barden immer wieder anders versuchen: Die berühmten drei Worte sind auf Schweizerdeutsch nur in vier zu haben.
Sollte Ihnen in den nächsten sechs Wochen gleichwohl jemand bei Sonnenuntergang und Meeresrauschen «y lieb di» ins Ohr flüstern, dann verweisen Sie nicht auf unsere sprachlichen Gepflogenheiten. Säuseln sie lieber zurück, Ihr Gegenüber auch «gärn» zu haben. Selbst wenn Sie in dieser Situation mit «y lieb di au» antworten, drückt die Sprachpolizei für einmal gerne beide Ohren zu.
Jürg Gohl