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04.01.2025 BaselbietFüllinsdorf | Christina Lang über die Bedeutung der Blindenschrift im Zeitalter von Computer und KI
Der heutige 4. Januar ist der Tag der Brailleschrift. 200 Jahre ist es her, dass Louis Braille die Punktschrift für Blinde erfunden hat. Über deren ...
Füllinsdorf | Christina Lang über die Bedeutung der Blindenschrift im Zeitalter von Computer und KI
Der heutige 4. Januar ist der Tag der Brailleschrift. 200 Jahre ist es her, dass Louis Braille die Punktschrift für Blinde erfunden hat. Über deren Bedeutsamkeit weiss Christina Lang bestens Bescheid. Die blinde Sopranistin gibt ihr Wissen auch als Lehrerin weiter.
Brigitte Keller
Die Brailleschrift – auch Punktschrift oder Blindenschrift genannt – ist heute genauso wichtig wie eh und je. Sie ist die einzige wirkliche Schrift geblieben, mit der blinde oder stark sehbehinderte Menschen Orthografie lernen und selbstständig lesen und schreiben können.
Die Frage, ob es die Blindenschrift im digitalen Zeitalter wirklich noch braucht, sei berechtigt, sagt Christina Lang. Die blinde Füllinsdörferin beantwortet sie mit einem klaren «ja, unbedingt». «Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass jede und jeder eine Schrift hat, mit der sie oder er persönlich und direkt ‹von Hand› schreiben kann. So spüre ich direkt, was ich schreibe.» Dafür nutzt Lang schon seit vielen Jahren eine mechanische Punktschrift-Schreibmaschine.
Mit Sehbehinderung geboren
Christina Lang ist mit einer starken Linsentrübung, einem grauen Star, in Gelterkinden zur Welt gekommen. Durch etliche Operationen konnte eine Sehstärke von 10 Prozent erhalten werden. Folglich wurde sie in der Schule für Blinde und Sehbehinderte in Basel eingeschult. Gerne hätte sie dort wie ihre Klassenkameraden die Blindenschrift erlernt, von der sie fasziniert gewesen sei. «Aber es war so, dass ich offenbar noch zu gut sehen konnte», erzählt Christina Lang. «Ich sollte meine noch vorhandene Sehstärke nutzen und trainieren. Deshalb durfte ich die Blindenschrift damals nicht lernen.»
Nach dem Wechsel ins Gymnasium, neusprachlicher Typus D, und einer Verschlechterung der Sehkraft wurde es für Lang immer anstrengender, mit ihrer Lupenbrille den ganzen Lernstoff und die viele Literatur zu bewältigen. Eine längere Abwesenheit vom Unterricht wegen neuerlicher Operationen nutzte sie, um die Brailleschrift zu erlernen. Im Anschluss studierte Christina Lang Musik und Gesang und machte ihre Leidenschaft zum Beruf. Sie wurde Sopranistin und tritt seither regelmässig auf den Bühnen in der Region und auch schweizweit auf.
Neben der Musik und dem Gesang blieb die Faszination für die Brailleschrift, und so entschied sich Lang vor rund zehn Jahren, die Ausbildung zur Punktschrift-Lehrerin für spät erblindete Erwachsene zu absolvieren. Diese Ausbildung richtet sich ausschliesslich an Selbstbetroffene, also Blinde und Sehbehinderte. Seit Lang den Abschluss gemacht hat, erteilt die Baselbieterin regelmässig Einzelunterricht.
«Dadurch, dass wir Lehrerinnen und Lehrer selber betroffen sind, können wir gleichzeitig ein Vorbild sein, dass man es schaffen kann», erzählt Christina Lang weiter. «Es wird am authentischsten wahrgenommen, wenn das Gegenüber auch blind oder sehbehindert ist.» Seit rund drei Jahren ist Christina Lang selber komplett erblindet.
Neue Möglichkeiten
Aber zurück zur Frage, ob es die Blindenschrift noch braucht, da es mittlerweile so viele technische Hilfsmittel und auch Künstliche Intelligenz gibt. Mit dem Aufkommen von Computern und erst recht mit den Smartphones seien viele neue Möglichkeiten hinzugekommen, so Lang.
Da wäre etwa die sogenannte Braille-Zeile, die an den Computer angeschlossen werden kann. Damit kann, ergänzend zur Sprachausgabe «JAWS», mittels Brailleschrift geschrieben und gelesen werden. Als grossen Sprung bezeichnet die 55-Jährige die Möglichkeit, sich per Smartphone die Sachen per Sprachausgabe vorlesen zu lassen, etwa mittels «VoiceOver» am iPhone.
Christina Lang schätzt diese Errungenschaften sehr. Sie nutzt verschiedene Sprachausgaben und auch die Sprachassistentin «Siri». Bei ihrer Unterrichtstätigkeit als Punktschrift-Lehrerin ist sie sehr dankbar für ihren speziellen Drucker, da sie jeweils auf die Lernenden, also deren Lebenssituation und Hobbys zugeschnittene, individuelle Lerneinheiten kreiert. Diese bereitet sie am Computer vor und druckt sie dann mittels Brailleschrift-Drucker aus.
Keine App findet Regale
Viel Gutes hat sie auch schon von der Smartphone-App «Be My Eyes» gehört. Diese verbindet im Bedarfsfall Blinde oder Sehbehinderte mit Sehenden, die ihnen erklären, was in der aktuellen Situation zu sehen oder zu tun ist. «Viele der neuen Dinge sind sehr gut und hilfreich im Alltag», sagt Lang. Selber nimmt sie gerne nach wie vor die Hilfe von Sehenden in Anspruch, zum Beispiel beim Einkaufen. «Natürlich kann mich die KI auf meinem Handy unterstützen mit Vorlesen von Texten auf Lebensmittelverpackungen, aber dafür muss ich im Laden zuerst das richtige Regal finden», sagt Christina Lang.
Die Brailleschrift bleibt für sie im Alltag eine «coole Schrift», die sie um keinen Preis hergeben würde. «Und für Menschen, die weder sehen noch hören können, bleibt sie sowieso die einzige Möglichkeit zum Lesen und Schreiben», so Lang.
Mit 16 Jahren die Blindenschrift erfunden
bk. Der 4. Januar gilt als internationaler Welt-Braille-Tag. Erfunden hat die Blindenschrift der Franzose Louis Braille, der am 4. Januar 1809 zur Welt kam. Im Alter von drei Jahren verletzte er sich an einem Auge und erblindete in der Folge. 1825, also genau vor 200 Jahren, erfand der damals erst 16-Jährige eine Blindenschrift, die bis heute Betroffenen als Werkzeug dient, um selbstständig lesen, schreiben und sich Wissen aneignen zu können.
Grundlage der Brailleschrift – auch Blindenschrift oder Punktschrift genannt – ist ein Muster von sechs tastbaren Punkten zur Darstellung von Buchstaben, Zahlen und Zeichen. Durch Kombination der sechs Punkte können 64 Zeichen gebildet werden.

