Leben 1, Rebekka 0
03.07.2026 PersönlichMeine kleine Schwester heiratet dieses Jahr. Dummerweise fiel ihr Junggesellinnenabschied genau auf den Sonntag vor der Abgabefrist meines Romans. Ich hatte keine Ahnung, wie ich beides – Druckfahnen und Party – unter einen Hut bringen sollte. Absagen kam nicht infrage. Also musste ...
Meine kleine Schwester heiratet dieses Jahr. Dummerweise fiel ihr Junggesellinnenabschied genau auf den Sonntag vor der Abgabefrist meines Romans. Ich hatte keine Ahnung, wie ich beides – Druckfahnen und Party – unter einen Hut bringen sollte. Absagen kam nicht infrage. Also musste ein Kompromiss her. An besagtem Sonntag fuhr ich mit dem Auto nach Hölstein, wo wir uns zum Brunch trafen. Dort eröffnete ich meiner Schwester, dass ich den letzten Programmpunkt des Tages auslassen würde, weil mir die Deadline im Nacken sass. So nahm ich bereits um 16 Uhr den Zug von Colmar nach Basel und fuhr weiter nach Liestal. Dort kaufte ich am Bahnhof einen Iced Matcha Latte und stieg in die WB, um mein Auto abzuholen. In Hölstein Station angekommen, warf ich den leeren Matcha-Becher mit Schwung in den Abfalleimer. Sekunden später starrte ich verdattert auf meine leere Hand. Der Autoschlüssel. Er war weg.
Es muss ein Bild für Götter gewesen sein, wie ich halb im Abfalleimer hing und blind darin herumwühlte. Ich ertastete Organisches – vermutlich eine Bananenscheibe – wääh –, Kartonverpackungen, Red-Bull-Dosen und schliesslich etwas Glibbriges. Bis heute möchte ich nicht wissen, was das war. Nur eines fand ich nicht: meinen Autoschlüssel. Mir blieb also nichts anderes übrig, als in Olten den Ersatzschlüssel zu holen. Als ich Stunden später endlich vor den Druckfahnen sass, waren die anderen Teilnehmerinnen des Junggesellinnenabschieds längst zu Hause.
Am nächsten Tag rief ich bei der Gemeinde Hölstein an und erklärte, dass ich meinen Autoschlüssel versehentlich in einen Abfalleimer geworfen hätte und nun hoffte, jemand könne kurz nachsehen. Die Gemeindemitarbeiterin teilte mir sehr freundlich (und auch sehr amüsiert) mit, dass nicht sie, sondern der Werkhof für diese Angelegenheit zuständig sei. Also klingelte ich beim Werkhof durch und erzählte meine Geschichte erneut. Der Werkhofmitarbeiter wiederum wies mich belustigt darauf hin, dass besagter Abfalleimer nicht in seine Zuständigkeit falle, sondern in jene der BLT. Also nochmals ein Anruf. Grüezi. Salm. Peinlich. Autoschlüssel. Abfall. Ja, sehr lustig.
Nun war ein Mitarbeiter der BLT an der Reihe, den Müll zu durchwühlen. Den Schlüssel fand er jedoch nicht. Mein GPS-Tag zeigte zwar weiterhin hartnäckig an, dass sich der Schlüssel in ebenjenem Abfallbehälter befand. Das allerdings motivierte die BLT nicht zu einer zweiten Suche. Der Autoschlüssel blieb verschwunden. Ein neuer kostet mehrere Hundert Franken, und ich will gar nicht ausrechnen, wie viele Exemplare des neuen Buchs ich verkaufen muss, um diesen Verlust wettzumachen. Immerhin habe ich aus der Sache drei Dinge gelernt: Erstens lohnt es sich nicht, eine Party früher zu verlassen. Zweitens gehören Autoschlüssel nicht in dieselbe Hand wie leere Matcha-Becher. Und drittens liegen gute Geschichten überall verborgen – sogar in Hölstein im Müll.
Die Schriftstellerin Rebekka Salm wurde 1979 geboren und ist in Bubendorf aufgewachsen. Sie ist Mutter einer Tochter und wohnt seit 2014 in Olten.

