«Lautstärke ist nicht gleich Kompetenz»
14.08.2026 PersönlichEmmanuel Wandji Tchatat ist selbst introvertiert. Aus seinen eigenen Erfahrungen entstand ein Buch – für introvertierte Menschen und für deren Umfeld. Was er mitgeben will: wie man die eigenen Stärken erkennt, statt sich zu verstellen.
Lea Wieser
...Emmanuel Wandji Tchatat ist selbst introvertiert. Aus seinen eigenen Erfahrungen entstand ein Buch – für introvertierte Menschen und für deren Umfeld. Was er mitgeben will: wie man die eigenen Stärken erkennt, statt sich zu verstellen.
Lea Wieser
■ Ihr Buch ist inspiriert von Erfahrungen, die Sie selbst gemacht haben. Gab es ein spezifisches Ereignis, das Sie dazu veranlasst hat, ein Buch zu schreiben, Herr Wandji Tchatat?
Emmanuel Wandji Tchatat: Es waren eher viele kleine Ereignisse über lange Zeit. Seit ein paar Jahren setze ich mich mehr mit meiner Introversion auseinander und habe auch angefangen darüber zu schreiben. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nicht alleine mit dem Thema bin und es ganz viele Menschen gibt, denen es ähnlich geht. Das hat mich motiviert, einfach einmal loszuschreiben.
■ Wie hat die Introversion Sie geprägt? Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Ihre ruhige Art von anderen anders wahrgenommen wird?
Als Kind habe ich mir nie viel dabei gedacht. Ich war einfach immer «der Ruhige». Später haben Menschen angefangen, sich zu fragen, warum ich so wenig rede. Oder sie dachten, ich sei arrogant. Mein Instinkt war, mich zu anzupassen und zu verstellen. Das hat sich aber sehr falsch angefühlt und auch unglaublich viel Energie gekostet. Als ich älter wurde, habe ich durch die Produktion von Videos einen Weg gefunden, meine Stimme hörbar zu machen, ohne mich zu verstellen. Dort habe ich sehr viel positives Feedback erhalten. Von da an ging es bergauf, und ich habe immer mehr Wege gefunden, wie ich meine Introversion als Stärke einsetzen kann. Natürlich entwickle ich mich auch immer noch weiter, aber was ich bisher gelernt habe, möchte ich jetzt gerne mit Menschen teilen, die diesen Weg noch nicht für sich gefunden haben.
■ Wie würden Sie introvertiert sein definieren?
Lange habe ich gedacht, introvertiert sein heisst einfach, dass man ruhig ist, und extravertiert sein wiederum, dass man laut ist. Heute weiss ich, dass der Unterschied ein ganz anderer ist. Introvertierte Personen beziehen ihre Energie aus sich selbst beziehungsweise aus dem Rückzug, extravertierte eher aus sozialen Interaktionen. Dabei sind Introversion und Extraversion kein Entweder-oder, sondern ein ganzes Spektrum. Wenn ich zum Beispiel unter meinen besten Freunden bin, wirke ich wahrscheinlich wie eine sehr extravertierte Person. Früher hielten mich viele für schüchtern. Heute höre ich dagegen manchmal, ich wirke arrogant. Introversion kann also auch schnell zu Missverständnissen führen.
■ Worin sehen Sie typische Stärken introvertierter Menschen?
Natürlich sind nicht alle Introvertierten gleich. Viele strahlen aber Ruhe aus. Als Mitarbeiter oder auch als vorgesetzte Person kann das eine wertvolle Stärke sein, da man weniger Hektik auslöst. Ausserdem sind introvertierte Personen – oft auch wegen ihrer Ruhe – gute Zuhörer und können aus einem Gespräch die wichtigen Informationen filtern.
■ Was genau möchten Sie den Menschen, die Ihr Buch lesen, mitgeben?
Ich möchte introvertierten Menschen zeigen, dass sie sich nicht verstellen müssen, um sichtbar zu sein. Wer das Buch als Führungskraft oder Angehöriger liest, soll besser verstehen, wie introvertierte Menschen denken und arbeiten.
■ Verraten Sie uns einen Tipp aus dem Buch?
Der Tipp, der mich wahrscheinlich am weitesten gebracht hat, ist, mich regelmässig aus meiner Komfortzone hinaus zu zwingen. In der Schule waren Vorträge beispielsweise mein Albtraum. Dann bin ich bei der Arbeit in eine Situation geraten, in der ich keine andere Wahl hatte, als vor vielen Leuten vorzutragen. Heute halte ich total gerne Vorträge. Man merkt, dass Veränderung nicht von allein kommt. Vor allem merkt man aber, dass vieles, wovor man Angst hat, am Ende gar nicht so schlimm ist.
■ Richtet sich Ihr Buch primär an introvertierte Menschen selbst oder mehr an deren Umfeld und Vorgesetzte?
Das Buch besteht sozusagen aus zwei Teilen. In erster Linie habe ich es schon an Menschen adressiert, die selbst introvertiert sind. Der andere Teil richtet sich aber an Vorgesetzte oder das Umfeld introvertierter Personen.
■ Ist Ihr Buch auch für Menschen gedacht, die introvertiert sind, aber beispielsweise nicht arbeiten?
Das Buch ist schon eher auf das Arbeitsleben bezogen. Allerdings bewusst nicht auf Erfolg im Beruf. Deshalb heisst das Buch auch «Introvertiert und sichtbar» statt «Introvertiert und erfolgreich». Das war mir wichtig, denn erfolgreich zu sein heisst ja nicht für alle, auf der Karriereleiter weit oben zu stehen. Aber bei «sichtbar sein» fühlen sich wahrscheinlich die meisten auf ihre eigene Art und Weise angesprochen.
■ Welche Veränderungen wünschen Sie sich im Arbeitsmarkt im Hinblick auf Introversion?
Ich wünsche mir, dass Vorgesetzte Präsenz und Lautstärke nicht automatisch mit Kompetenz gleichsetzen. Führungskräfte sollten allen Mitarbeitenden die gleiche Aufmerksamkeit schenken und genauer hinsehen, um zu verstehen, wie sie ihre Stärken einbringen.
■ In Ihrem Buch kommen ausserdem ein paar Gastautoren und -autorinnen zu Wort.
Was genau ist deren Funktion?
Einerseits haben Yaël Meier und Jo Dietrich ein Unterkapitel im Buch geschrieben. Die beiden sind die Gründer von «ZEAM» und seit fünf Jahren meine Vorgesetzten. Sie bringen die Perspektive von Führungskräften ins Buch. Ausserdem ist Kai Krautter Gastautor im Buch. Er doktoriert an der «Harvard University» in Psychologie. Vor drei Jahren hat er den Artikel «Stop Assuming Introverts Aren’t Passionate About Work» veröffentlicht. Er untermauert mit seinem Beitrag das, was ich schreibe, wissenschaftlich.
■ Durch Ihren Job haben Sie sehr viel mit der Generation Z zu tun und gehören selbst dazu. Würden Sie sagen, dass diese Generation offener für unterschiedlich funktionierende Persönlichkeiten wird, oder ist das Wunschdenken?
Ich denke, was sich im Vergleich zu älteren Generationen geändert hat, ist, dass unsere Generation sehr selbstreflektiert ist. In Bezug auf andere Personen finde ich nicht, dass sie viel einfühlsamer geworden ist. Besonders die Arbeitswelt hat zudem sehr etablierte Strukturen, die zumindest für junge Leute alleine schwierig zu brechen sind.
Zur Person
lwi. Der 28-jährige Frenkendörfer Emmanuel Wandji Tchatat hat an der FHNW International Business Management studiert. Bereits während des Studiums ist er bei ZEAM eingestiegen. Dort ist er als Head of Operations Teil der Geschäftsleitung. Die Firma versteht sich als Hybrid aus Unternehmensberatung und Kreativagentur und beschäftigt ein überdurchschnittlich junges Team. Das Buch «Introvertiert und sichtbar» hat Wandji Tchatat 2024 zu schreiben begonnen. Von da an wurde es zu einer Art Zweitjob. Am 21. August organisiert er einen Event zum Thema Introversion. Auch das Buch ist Teil des Abends. Am 27. August wird «Introvertiert und sichtbar» veröffentlicht.

