Kulinarische Entdeckungsreisen
19.05.2026 PersönlichGiftgrün steht das Getränk vor mir. Ich rieche daran, kann den Geruch aber nicht einordnen. Etwas ungläubig und zugleich ängstlich nehme ich einen Schluck. Wird schon gut kommen, denke ich mir – sieht ja nur aus wie gefärbtes Mineralwasser. Und siehe da: Das ...
Giftgrün steht das Getränk vor mir. Ich rieche daran, kann den Geruch aber nicht einordnen. Etwas ungläubig und zugleich ängstlich nehme ich einen Schluck. Wird schon gut kommen, denke ich mir – sieht ja nur aus wie gefärbtes Mineralwasser. Und siehe da: Das Getränk, dessen Namen und Zusammensetzung ich bis heute nicht kenne, schmeckte vorzüglich. Ein wenig nach Gras vielleicht, aber sehr lecker.
Zugetragen hat sich diese Situation in einem Restaurant. Vor Kurzem ass ich zum ersten Mal georgisch. Obwohl Georgien nicht weit entfernt liegt (teilweise wird es sogar zu Europa gezählt), weiss ich nur wenig über das Land. Kochen können die Georgierinnen und Georgier jedenfalls, das ist mir inzwischen bewusst. Ihre Küche scheint genau das zu vereinen, was gutes Essen ausmacht: einfache Zutaten, spannende Gewürze und Liebe zum Detail. Vielleicht war es gerade diese Mischung aus Vertrautem und Neuem, die mich so begeistert hat.
Neben dem erwähnten Getränk gab es als Aperitif frisches Fladenbrot mit einer Öl-Kräuter-Sauce und Gewürzsalz, danach eine rahmige Suppe mit Gemüse und Fleischbällchen, einen Salat mit Eiern und Spargel, ein mit Lammfleisch gefülltes Fladenbrot sowie Poulet-Spiesschen. Was die Gerichte vereinte, war ein violettes Gewürz. Auch hier: keine Ahnung, was es war – aber es schmeckte sehr gut.
Eine ähnliche Erfahrung machte ich als Jugendlicher in Vietnam. Die Küche war mir bis zu einer Reise dorthin ebenfalls unbekannt. Am Anfang verspürte ich auch dort eine Mischung aus Neugier und Skepsis. Doch Letztere verflog schnell: Frische Frühlingsrollen (nicht frittiert), Suppen sowie Nudel- und Reisgerichte machen das südostasiatische Land zu einem Paradies für Menschen, die gerne essen.
Georgien und Vietnam: Was die beiden Küchen vereint, ist ihre Frische und Vielfalt. Gemüse, aber auch Fleisch und Fisch gehören dazu.
So toll die Schweiz auch ist, frage ich mich daher manchmal, weshalb sich bei uns kulinarisch nie eine ähnlich breite Vielfalt entwickelt hat. Rösti, Zürcher Geschnetzeltes, Älplermagronen, Fondue – und wie sie alle heissen – sind zwar sehr lecker, in ihrer Zusammensetzung aber doch oft ähnlich. Natürlich gibt es auch hierzulande speziellere Gerichte wie Capuns oder Tessiner Risotto. Verglichen mit anderen Ländern wirkt die Schweizer Küche jedoch eher gleichförmig.
Umso glücklicher bin ich darüber, dass wir in der Schweiz heute kulinarische Angebote aus praktisch der ganzen Welt haben. Wer durch Städte wie Basel oder Zürich läuft, findet Restaurants und Imbissstände aus allen möglichen Ländern. Und wenn man ausländisches Essen direkt vor Ort probieren möchte, ist man ebenfalls schnell dort: in Italien, Spanien oder sonst irgendwo in Europa.
Eintauschen möchte ich die Schweiz als Heimatland trotzdem nicht. Ihre Vorteile überwiegen die kulinarische Übersichtlichkeit bei Weitem.
Janis Erne, Redaktor «Volksstimme»

