«Klimawandel wird weiterhin Realität sein»
19.05.2026 Bezirk LiestalEx-Bundesamt-Direktor Peter Füglistaler ist neu Stiftungsratspräsident des Ökozentrums
Peter Füglistaler leitete bis 2024 das Bundesamt für Verkehr mit 350 Mitarbeitenden. Seit Kurzem ist er ehrenamtlicher Stiftungsratspräsident des Ökozentrums in ...
Ex-Bundesamt-Direktor Peter Füglistaler ist neu Stiftungsratspräsident des Ökozentrums
Peter Füglistaler leitete bis 2024 das Bundesamt für Verkehr mit 350 Mitarbeitenden. Seit Kurzem ist er ehrenamtlicher Stiftungsratspräsident des Ökozentrums in Liestal mit rund einem Dutzend Mitarbeitenden. Die Ökologie treibt ihn seit seiner Jugend um, erzählt er im Interview.
Andreas Bitterlin
Herr Füglistaler, das Bundesamt für Verkehr mit einem Jahresumsatz von rund 7 Milliarden Franken und die private Non-Profit-Organisation «Ökozentrum» in Liestal mit rund 1 Million Franken Umsatz sind zwei unterschiedliche Welten. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
Peter Füglistaler: Als Pensionierter kann ich mich den Dingen widmen, um die ich mich gerne kümmere und die mir wichtig sind. Deshalb hat mich die Anfrage des Ökozentrums für das Stiftungsratspräsidium gefreut. Ich habe mich in meinem Leben in verschiedenen Funktionen der Nachhaltigkeit verschrieben, zuerst bei den SBB und danach beim Bundesamt für Verkehr. Deshalb freut es mich, dass ich mich nun weiterhin bei dieser Thematik engagieren kann.
Das Wort Verkehr löst nicht automatisch die Assoziation Nachhaltigkeit aus. Wie konnten Sie das Thema im Bundesamt für Verkehr einbringen?
Die Nachhaltigkeit war Teil der Strategie mit dem Ziel, den Verkehr in der Schweiz möglichst ökologisch zu bewältigen, indem wir den öffentlichen Verkehr fördern.
Welche konkrete Herausforderung stellte sich Ihnen?
Wir wurden immer wieder mit der Kritik konfrontiert, dass die Schweiz keine Hochgeschwindigkeitsverbindungen betreibt. Ich hielt dagegen mit dem Argument, dass das Ziel nicht schnelle Züge sein darf, denn sie brauchen mehr Energie und sind raumplanerisch nicht verträglich. Wir benötigen Bahnen mit viel Kapazität, die mit angemessener Geschwindigkeit unterwegs sind. Wenn der öffentliche Verkehr allzu schnell konzipiert wird, generieren wir zusätzlichen Verkehr, was ökologisch nicht sinnvoll ist. Unser Ansatz war deshalb: Wir wollen die bereits bestehende Mobilität möglichst gut mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit entwickeln.
Wie sind Sie für das Thema Ökologie sensibilisiert worden?
Das hängt mit meiner Generation zusammen. Wir waren die erste Generation Klimajugend. Wir haben in den 1970er-Jahren die Erdölkrise mit den autofreien Sonntagen und die Atomkraftdiskussionen miterlebt. Mein Anliegen als Folge davon war, umzudenken und Neues zu wagen. Das bedeutete aber nicht, alles Bisherige über Bord zu werfen. Ich traf einst eine deutsche Aktivistin, die erklärte, sie habe ihr Studium abgebrochen, um gegen den Klimawandel zu kämpfen. Ich antwortete, dass ich mein Studium abgeschlossen habe, um den Klimawandel bekämpfen zu können.
Das Ökozentrum begann 1979 im Grünen in Langenbruck mit der Entwicklung von Prototypen der Umwelttechnik, etwa für die Wasseraufbereitung oder die Nutzung von Windenergie. Heute ist es auf dem Hanro-Areal in Liestal als Beratungs- und Schulungsunternehmen für Nachhaltigkeit tätig. Was ist der Hintergrund dieser Transformation?
Ursprünglich handelte es sich beim Ökozentrum um ein mutiges Experiment von engagierten Menschen, die eine aussergewöhnliche Lebensart wählten. Sie strebten nicht nur technische Lösungen an, sondern sie wollten auch alternativ leben. Sie hatten tatsächlich Erfolg damit. Aber ihre Idee, dass man als Selbsthilfegruppe neue Technologien entwickeln kann, stiess mit der Zeit an Grenzen.
Wie lösten diese Menschen dieses Dilemma?
Sie bewiesen Stärke, indem sie eine Neuausrichtung wagten. Sie brachen ihr Experiment Ökozentrum nicht ab, sondern sie überlegten sich, wie sie weiterhin anderweitig einen sinnvollen Beitrag für die Welt leisten können. Sie ersetzten die technische Innovation durch das Spektrum Bildung, mit der sie heute noch als Schulungs- und Beratungsunternehmen erfolgreich unterwegs sind.
Wie beurteilen Sie die finanzielle Lage des Ökozentrums?
Das Ökozentrum durchlief mit der Transformation schwierige Zeiten, aber es ist aktuell solide aufgestellt und finanziell stabil. Das wirtschaftliche Überleben mit der Nachhaltigkeit bleibt aber weiterhin eine grosse Herausforderung.
Das Ökozentrum finanziert sich durch von der Kundschaft bezahlte Projektarbeit und erhält keinerlei Subventionen vom Bund. Als ehemaliger Direktor eines Bundesamts haben Sie exzellente Beziehungen nach Bern. Haben Sie die Absicht, diese für die Generierung von staatlichen Geldern zu nutzen?
Ich bettle grundsätzlich in keiner meiner Funktionen beim Bund. Natürlich müssen wir im Interesse der Projektseite verschiedene Beziehungen spielen lassen, und wir müssen zwingend neue Gönner finden, damit das Ökozentrum freie Mittel zur Verfügung hat für eigene neue Entwicklungen, ohne auf Projekterträge angewiesen zu sein.
Laut Sorgenbarometer der UBS hat der öffentliche Aktivismus beim Umweltschutz und Klimawandel in der Schweiz nachgelassen, und die Dringlichkeit der Energieversorgung hat verloren. Beunruhigt Sie diese Entwicklung?
Ja. Wir leben in schwierigen Zeiten, in denen andere Themen in den Vordergrund rücken, aber der Klimawandel wird weiterhin Realität sein. Dass der Bundesrat und das Parlament erklären, über die Atomkraft müsse neu nachgedacht werden, bedingt, dass wir wieder auf die Risiken aufmerksam machen und auf Alternativen hinweisen müssen. Genau für diese Aufklärungen ist das Ökozentrum vonnöten.
Soll das Ökozentrum auch aktiv werden mit der Lancierung von Initiativen und Referenden?
Das wäre nicht die richtige Stossrichtung. Unser Ansatz ist es, gemeinsam mit Schulen, Gemeinden und Unternehmen praktische Lösungsstrategien hinsichtlich Nachhaltigkeit zu entwickeln. Natürlich ist diese Tätigkeit auch politisch, aber Initiativen und Referenden würden uns ins Ideologische führen. Wir wollen beim Handfesten bleiben.
Wie begründen Sie Ihre Ablehnung von Atomkraft?
Während meiner Tätigkeit beim Bund war ich Mitglied aller Krisenorganisationen, mit denen wir mehrfach AKW-Unfälle durchspielten. Dabei zeigte sich, dass die Schweiz schon einen kleinen Unfall nicht überleben würde. Wir könnten niemals eine Sicherheitszone von 15 Kilometern um ein AKW realisieren. Denn dadurch würde die Schweiz halbiert. Warum sollen wir eine derartig risikobehaftete Technologie wählen, wenn bessere Lösungen zur Verfügung stehen?
Gemäss Gesetz muss der Bund dafür sorgen, dass die Wirkung der in der Schweiz anfallenden und von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 «Null» beträgt. Das Ökozentrum hat sein Engagement diesem Ziel verschrieben. Trauen Sie der Schweiz eine Punktlandung zu?
Nein, wahrscheinlich nicht. Ich verweise auf den Verkehr. Die Alpeninitiative schrieb vor, dass der Verkehr durch die Alpen auf 650 000 Lastwagen reduziert werden muss. Es handelte sich um ein sehr ambitiöses Ziel, das wir bis heute nicht erreicht haben. Dank der Zielsetzung haben wir aber trotzdem viel geschafft. Ambitionen sind notwendig, damit die Verpflichtung akzeptiert wird, dass auch bei einem zeitlichen Verpassen der vorgegebene Weg weiterverfolgt werden muss. Auch bei der Vorgabe «Netto Null» gilt, dass wir in jedem Fall weiter an der Umsetzung arbeiten müssen. Auch nach 2050 wird die Nachhaltigkeit eine dauerhafte Kernaufgabe bleiben.
Zur Person
abi. Peter Füglistaler (67) studierte und promovierte nach einer kaufmännischen Lehre und der Wirtschaftsmatur auf dem zweiten Bildungsweg an der Hochschule St. Gallen in Volkswirtschaft. Nach mehreren Kaderstellen bei den SBB führte er von 2010 bis 2024 das Bundesamt für Verkehr als Direktor. Er ist heute Verwaltungsratspräsident des Regionalverkehrs Bern-Solothurn, Verwaltungsrat der «Cargo 24» und seit dem 28. April Stiftungsratspräsident des Ökozentrums. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Seine Hobbys sind Chorsingen, Wandern und Gartenarbeit.
Non-Profit-Organisation Ökozentrum
abi. Ein Kernteam von rund 12 Personen und rund 30 externe Mitarbeitende des in Liestal domizilierten Ökozentrums leisten im Jahr rund 16 000 Arbeitsstunden für den Klimaschutz. Das Zentrum verfolgt gemäss eigener Formulierung die Zielsetzung, den Menschen Mut zu machen für einen Wandel sowie sie zu «begeistern und begleiten auf dem Weg zum Klimaziel Netto-Null». Netto-Null bedeutet, dass wir unsere Emissionen auf ein Minimum reduzieren und Restemissionen aus der Atmosphäre entfernen. 2024 zügelte das Ökozentrum von seinem Gründungsort in Langenbruck auf das Hanro-Areal in Liestal, was gemäss der Kommunikationsverantwortlichen Rebekka Ebneter in der Klimabilanz des Ökozentrums eine positive Wirkung hat, für das Team durch deutlich kürzere Pendelwege sehr motivierend ist und zu einer stärkeren Vernetzung beiträgt.



