Kleine Elritze ganz gross
15.01.2026 SchweizFisch des Jahres 2026 überrascht die Forschung
Kaum zehn Zentimeter lang, meist unbeachtet – und doch von grosser Bedeutung: Der Schweizerische Fischerei-Verband hat die Elritze zum Fisch des Jahres 2026 gekürt.
vs./tho. Die Wahl der Elritze zum ...
Fisch des Jahres 2026 überrascht die Forschung
Kaum zehn Zentimeter lang, meist unbeachtet – und doch von grosser Bedeutung: Der Schweizerische Fischerei-Verband hat die Elritze zum Fisch des Jahres 2026 gekürt.
vs./tho. Die Wahl der Elritze zum Fisch des Jahres 2026 möge auf den ersten Blick erstaunen, räumt der Schweizerische Fischerei-Verband (SFV) ein. Der kleine, bräunliche Schwarmfisch gilt weder als Delikatesse, noch ist er für Sportfischer besonders attraktiv – dennoch ist er vielen Menschen vertraut: Wer in den Alpen an einem Bergsee rastet, hat die flinken Fische häufig schon zwischen Steinen und Wasserpflanzen beobachtet. Im Volksmund heissen sie «Butzli» oder «Bameli».
Für die Fischerei und die Ökologie der Gewässer ist die Elritze laut Fischerei-Verband von grosser Bedeutung. Sie gehört zur Familie der Karpfenfische und ist ein wichtiges Glied der Nahrungskette, denn Raubfische wie Forellen, Hechte oder seltener bei sich überschneidenden Lebensräumen auch der Zander, Fisch des Jahres 2025, sind auf sie als Nahrungsquelle angewiesen. Ihr Vorkommen gilt zudem als Indikator für die Qualität von Lebensräumen im Wasser. Verschwindet die Elritze, deutet dies oft auf tiefgreifende Veränderungen im Gewässer hin.
Vier Arten statt einer
Die eigentliche Überraschung liegt laut der Mitteilung in einer wissenschaftlichen Erkenntnis, die erst in den vergangenen Jahren gereift ist: Lange ging man davon aus, dass in der Schweiz nur eine einzige Elritzenart lebt – diese Annahme gilt heute als überholt. Genetische Untersuchungen zeigen nämlich, dass hierzulande mindestens vier verschiedene Arten vorkommen, die sehr unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebensraum haben. Nach heutigem Kenntnisstand sind dies: die italienische Elritze, die französische Elritze, die Donau-Elritze sowie eine erst kürzlich entdeckte, noch nicht offiziell benannte See-Elritze.
Besonders diese neue See-Elritze sorgt für Aufmerksamkeit. Sie lebt in grossen Voralpenseen im Einzugsgebiet von Aare und Rhein. Ziemlich überraschend ist auch eine weitere Erkenntnis der Forschung: Jene Elritzenart, die über Jahrzehnte als «klassische» einheimische Art galt, kommt in der Schweiz offenbar gar nicht vor. Damit, so der SFV, gerate ein jahrzehntelang gepflegtes Bild der heimischen Fischfauna ins Wanken.
Herausforderungen für Schutz
Diese neuen Erkenntnisse stelle den Gewässer- und Fischartenschutz vor unerwartete Herausforderungen, so der Fischerei-Verband. Denn, wenn mehrere, teils hoch spezialisierte Arten unter einem Namen geführt werden, setze der Schutz möglicherweise an den falschen Orten an: Was der einen Art helfe, könne für eine andere ungeeignet sein – oder sogar Nachteile bergen. Der Verband spricht deshalb von «fatalem Unwissen».
Die Vielfalt der Fischarten in Schweizer Gewässern sei grösser als bisher angenommen – und damit auch die Gefährdung, so der Verband. Arten, deren Existenz man nicht kenne oder nicht unterscheide, könnten verschwinden, ohne dass dies bemerkt wird; wie viele bereits verloren gegangen sind, bleibe offen.
Dabei gelten Elritzen eigentlich als anpassungsfähig, ihr Verbreitungsgebiet reicht von Irland bis an die Grenze zwischen China und Russland. Umso alarmierender sei, dass in der Schweiz in den vergangenen hundert Jahren zahlreiche Populationen verschwunden seien, was auf einen massiven Druck auf die Lebensräume hinweise.
Zu den Hauptursachen zählen laut dem Verband der Verlust von Gewässern durch Kanalisierungen und Eindolungen, unzählige Wanderhindernisse wie Schwellen und Wehre, eine chronische Belastungen durch Pestizide oder Überdüngung der Gewässer. Vor allem im Mitteilland machen sich laut dem Verband auch die Folgen des Klimawandels mit Erwärmung, Wassermangel und lokalem Austrocknen von Gewässerabschnitten bemerkbar.
Die Elritze steht damit laut Mitteilung stellvertretend für viele andere Kleinfischarten, deren ökologische Rolle oft unterschätzt werde. Schmerlen, Gründlinge oder Strömer seien mancherorts selten geworden oder ganz verschwunden.
Der Fischerei-Verband fordert ein Umdenken im Gewässerschutz. Der Schutz der Fische und ihrer Lebensräume müsse gleichwertig mit jenem anderer Tiergruppen behandelt werden. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sollen rasch in konkrete Massnahmen einfliessen, so in die Revitalisierung von Gewässern und Aufwertung von Uferzonen, in eine bessere Vernetzung und Strukturierung von Lebensräumen – inklusive Rückbau von Wanderhindernissen oder die Reduktion von Schadstoffen und Nährstoffen im Einzugsgebiet der Gewässer.
Gesunde Fischbestände seien kein Randthema, betont der Verband, sondern eine Voraussetzung für eine funktionierende Biodiversität. Oder, wie es der SFV-Präsident und Zürcher SP-Ständerat Daniel Jositsch formuliert: Man setze sich für eine Schweiz mit lebenswerten Gewässern ein, damit Fische wie die Elritzen ihre vielfältigen Lebensräume auch in Zukunft vorfinden.


