Kirschbaum wird zum Klimazeugen
14.04.2026 Bezirk LiestalSusanne Kaufmann wirft täglich einen Blick in die Baumkrone
Seit mehr als 130 Jahren wird in Liestal das Aufblühen eines wilden Kirschbaums dokumentiert. Was einst zur Ernteplanung diente, ist heute ein wertvoller Indikator für den Klimawandel. Beobachterin Susanne Kaufmann ...
Susanne Kaufmann wirft täglich einen Blick in die Baumkrone
Seit mehr als 130 Jahren wird in Liestal das Aufblühen eines wilden Kirschbaums dokumentiert. Was einst zur Ernteplanung diente, ist heute ein wertvoller Indikator für den Klimawandel. Beobachterin Susanne Kaufmann erklärt, warum sich ein genauer Blick in die Natur lohnt.
Wendy Maltet
Am Waldrand im Liestaler «Weideli» steht ein unscheinbarer wilder Kirschbaum – und doch ist er etwas Besonderes. Seit 1894 wird hier jedes Jahr genau festgehalten, wann seine Blüte einsetzt. Begonnen hat diese aussergewöhnliche Zeitreihe Eduard Heinis, Lehrer, Regierungsrat und damaliger Direktor der Strafanstalt Liestal. Später führten sein Sohn und danach die kantonale Obstbauberatungsstelle die Beobachtungen weiter. Heute ist das Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung in Sissach dafür zuständig. Die Daten sind Teil einer der ältesten phänologischen Beobachtungsreihen der Schweiz. Sie zeigen deutlich: Seit etwa 1990 blüht der Baum tendenziell immer früher.
Susanne Kaufmann, ehemalige Biologielehrerin am Gymnasium Liestal und Mitarbeiterin am Ebenrain, betreut den Baum heute. Sie empfängt die «Volksstimme» direkt vor Ort zum Interview.
Was genau machen Sie hier?
Susanne Kaufmann: Meine Aufgabe ist eigentlich sehr einfach: Ich komme zur Blütezeit täglich hierhin, schaue mit dem Feldstecher zur Krone des Baums hinauf und mache das so lange, bis etwa 25 Prozent der Blüten geöffnet sind. Diesen Stichtag melde ich «MeteoSchweiz», und er geht in die Messdaten ein. Grundsätzlich wäre meine Aufgabe damit abgeschlossen.
Warum wird das überhaupt gemacht?
Der Kirschbaum gilt als Messgerät für die Klimaentwicklung. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde er beispielsweise auch genutzt, um die Kirschenernte im ganzen Baselbiet abzuschätzen. Das macht man heute nicht mehr, aber die Daten sind weiterhin wichtig für die Klimabeobachtung.
Was lässt sich daraus konkret ablesen?
Wir stellen fest, dass der Baum über die Jahre hinweg immer früher blüht. Als ich noch ein Kind war, lag der Stichtag im Durchschnitt um den 10. April. Dieses Jahr war er bereits am 18. März. Der Trend ist klar: Der Baum blüht immer früher.
Woran liegt diese Entwicklung – und ist sie problematisch?
Das ist klar auf die Klimaveränderung zurückzuführen. Wahrscheinlich wird sich das aber nicht unbegrenzt weiter nach vorne verschieben, weil auch andere Faktoren wie das Licht eine Rolle spielen. Ich gehe also nicht davon aus, dass der Baum irgendwann bereits im Februar blühen wird, aber genau voraussagen kann man das nicht. Die grösste Gefahr ist Spätfrost. Nach der Blüte müssen die empfindlichen Fruchtknoten im Inneren der Blüte bestäubt werden. Wenn es dann nochmals kalt wird, können sie abfrieren. Die Folge ist ein Ernteausfall. Der Kälteeinbruch, den wir kürzlich erlebt haben, verlangsamt die Blüte, Wärme hingegen beschleunigt sie. Das lässt sich sehr gut beobachten.
Hat die Beobachtung des Kirschbaums Ihren Blick auf die Natur verändert?
Ich befasse mich beruflich und privat mit der Phänologie, also der Lehre von den wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen in der Natur. Ich habe schon immer gerne genau hingeschaut. Die kontinuierliche Auseinandersetzung hält meinen Blick wach und schärft ihn zusätzlich. Neben dem Kirschbaum beobachte ich für «MeteoSchweiz» rund 30 weitere Pflanzen pro Jahr, etwa in Bezug auf Blüte oder Blattfall. In der Schweiz haben wir insgesamt zwei sehr lange phänologische Beobachtungsreihen. So wird neben dem Kirschbaum in Liestal der Blattausbruch der Rosskastanie in Genf seit dem Jahr 1808 dokumentiert.
Wie entwickelt sich diese Beobachtung weiter?
In Liestal haben wir im Moment vier Beobachtungsbäume. Falls der Hauptbaum einmal absterben sollte, möchten wir die Messungen weiterführen können. Wichtig ist, dass sie am gleichen Standort erfolgen, weil Faktoren wie Licht und Umgebung grossen Einfluss auf die Blütezeit haben. Gleichzeitig nutzt auch die Phänologie neue Technologien. Mit Luftbildern und computergestützten Auswertungen entstehen zusätzliche Möglichkeiten, Naturbeobachtungen durchzuführen.
Was motiviert Sie, diese Arbeit weiterzuführen?
Es ist vor allem persönliches Interesse. Ich versuche, einen möglichst positiven und wertfreien Blick auf die Entwicklungen zu behalten. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass mehr Menschen dafür sensibilisiert werden, in der Natur genauer hinzuschauen.

