«KI führt die Jobinterviews leidenschaftslos»
27.02.2026 PersönlichKünstliche Intelligenz, Jugendbonus, Teilzeitjobs: Der Ökonom Michael Beckmann (59) ist Professor für Personal und Organisation an der Universität Basel und blickt auf den aktuellen Arbeitsmarkt. Dieser wandelt sich, was Druck macht auf die Arbeitnehmenden.
...Künstliche Intelligenz, Jugendbonus, Teilzeitjobs: Der Ökonom Michael Beckmann (59) ist Professor für Personal und Organisation an der Universität Basel und blickt auf den aktuellen Arbeitsmarkt. Dieser wandelt sich, was Druck macht auf die Arbeitnehmenden.
Daniel Aenishänslin
Herr Beckmann, in den 1970er-Jahren hat ein Einkommen noch gereicht, um eine Familie durchzubringen. Das hat sich verändert, richtig?
Michael Beckmann: Die Erwerbsbiografie des Alleinverdieners ist ein Auslaufmodell. Es funktioniert nur noch, wenn man einen hohen Lohn bezieht. Der Durchschnittsverdiener stellt fest: Für den gewünschten Lebensstandard muss noch jemand mitarbeiten. Dieser Umstand hat aber auch dazu geführt, dass die Erwerbstätigkeit der Frau immer wichtiger wurde. Das ist hilfreich für die Gleichstellung.
Erhöht das deshalb grössere Angebot an Stellensuchenden den Druck auf die Arbeitnehmenden?
Für die Firmen ist es wie Weihnachten, wenn viele Arbeitskräfte auf dem Markt sind. Das führt zu tieferen Löhnen. Für die Arbeitnehmenden ist das eine weniger gute Nachricht.
Die älteren Arbeitskräfte werden vermehrt aussortiert.
Viele Firmen sehen nicht beide Seiten der Medaille, sondern nur die Kostenseite. Das ist eindimensional. Ältere Arbeitskräfte bringen viel Berufserfahrung mit. Wenn hohe Löhne einer hohen Produktivität gegenüberstehen, sind sie kein Problem.
Passt es zum Fachkräftemangel, dass man erfahrene Mitarbeitende aussortiert?
Im Bereich Gesundheit gibt es sicher einen Fachkräftemangel, aber das betrifft nicht jede Branche. Die grossen Firmen erhalten immer noch unfassbar viele Bewerbungen. Sie setzen zum Teil Künstliche Intelligenz ein, um dieser Bewerbungen Herr zu werden. Viele Firmen haben einfach sehr hohe Ansprüche. Wenn diese nicht zu 100 Prozent erfüllt werden, werden sie nervös und beklagen dann leicht einen Mangel an Fachkräften.
Muss man sich in Zeiten von Künstlicher Intelligenz anders bewerben als früher?
Grössere Firmen setzen zur Selektion bisweilen Künstliche Intelligenz ein, kleinere nicht, weil sie jährlich nur wenige Personen einstellen. Gut an KI ist, dass sie Diskriminierung vermeidet, denn sie führt die Jobinterviews leidenschaftslos. Allerdings muss die KI richtig programmiert sein. Amazon verwendete einst unabsichtlich eine KI, die Männer bevorzugte und so Frauen diskriminierte.
Wie sollte man sich nicht bewerben?
Ich würde nicht gleich drei von fünf Tagen im Homeoffice fordern, weil mir die Work-Life-Balance wichtig ist. Das sollte man klären, wenn man schon eine Weile in der Firma arbeitet. Doch sollten Firmen mit diesem Wunsch umgehen können. Man kann sich die Leute nicht schnitzen.
Hat man grössere Chancen auf eine Anstellung, wenn man bereit ist, ein 100-Prozent-Pensum zu leisten?
Manchmal bekommt man gar keine Vollzeitstelle angeboten, obwohl man gerne eine hätte. Artikuliert man einen Vollzeitwunsch, ist das zumindest kein Nachteil. Artikuliert man einen Teilzeitwunsch, könnte der Eindruck entstehen, man wolle sich nicht engagieren. Was empirisch gar nicht stimmt. Teilzeitkräfte arbeiten nicht unproduktiver. Insofern gibt es keinen Grund, Vollzeitpensen zu bevorzugen.
Was wird von Arbeitnehmenden erwartet? Motivation, Identifikation, gutes Auftreten, angepasste Kleidung?
In den 1980er-Jahren musste ein männlicher Bewerber mit Krawatte und Anzug zum Vorstellungsgespräch. Das sieht man heute etwas entspannter. Wenn die CEOs der Techfirmen heute mit Donald Trump am Tisch sitzen, tragen sie alle Anzüge und Krawatten. Aber sonst nicht. Steve Jobs präsentierte die Neuigkeiten von Apple im schwarzen Rollkragenpullover.
Aber Motivation und Identifikation sind wichtig, oder?
Auf jeden Fall. Ich rate den Arbeitskräften, auch mal die Perspektive des Arbeitgebers einzunehmen. Zudem ist das Arbeiten befriedigender, wenn man sich mit seiner Arbeit und dem Arbeitgeber identifizieren kann. Wer rein finanziell motiviert ist, hat keine Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber und geht, sobald er an einem anderen Ort 50 Franken mehr verdient. Aus der Perspektive der Firmen möchte ich diese Arbeitskräfte nicht. Warum, das hat man 2008 in der Finanzkrise gesehen. Als Banken und Versicherungen die Boni kürzten, suchten sich viele etwas Neues.
Bringt Teilzeitarbeit auch Vorteile?
Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann Teilzeitarbeit positiv sein. Es ist legitim, wenn Menschen nicht ihr ganzes Leben von morgens früh bis abends spät arbeiten wollen.
Welche Fähigkeiten sind heute gefragt?
Gefragt sind Menschen, die es verstehen, bereichsübergreifend zu interagieren, innerhalb und ausserhalb der Firma. Es geht um Charaktereigenschaften wie Teamfähigkeit, die nur bedingt erlernbar sind. In einer Managementposition braucht es KI-Kenntnisse, denn grosse Firmen setzen sie grossflächig ein, zum Beispiel in der Produktion, im Personalbereich, im Marketing oder dem Rechnungswesen. Was durch die Digitalisierung ersetzt werden kann, wird auch ersetzt. Das ist einfach zu attraktiv, weil die KI kein Wochenende kennt, keine Ferien und kein Geld will. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, der Faktor Kapital hat immer schon den Faktor Arbeit ersetzt.
Führt die technologische Entwicklung zu einer Überwachung der Arbeitnehmenden?
In ihrem Bestseller «Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus» schreibt die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff, jede Technologie, die zur Kontrolle eingesetzt werden könne, werde dazu auch eingesetzt. Das hört sich nach George Orwells «1984» an. Es gibt bereits Technologien, die eine Rundumüberwachung ermöglichen: Badges, die um den Hals getragen werden und mit Mikrofon, Bluetooth und Positionsmessung ausgestattet sind. In den USA werden sie eingesetzt, in Europa meines Wissens nicht.
Wie wird sich unser Arbeitsmarkt weiterentwickeln?
Man hat immer wieder gedacht, dass die Wirtschaft der Technologie wegen den Menschen nicht mehr braucht. Das stimmte nie. Es werden nicht ganze Branchen wegbrechen; vielmehr werden sich die Arbeitsplätze verändern. Das ist für die meisten machbar. Natürlich wird es auch Verlierer geben.

