Kühe und Heu
24.07.2026 Natur, BaselbietSchon als Kind habe ich gelernt, dass Kühe nur pflanzliche Nahrung zu sich nehmen. Damit sie das effizient können, sind sie mit vier Mägen ausgestattet. Das Labkraut mit seinen quirlständigen Blättern hat vermutlich den Namen vom Lab-Magen der Kühe. Sie ernähren ...
Schon als Kind habe ich gelernt, dass Kühe nur pflanzliche Nahrung zu sich nehmen. Damit sie das effizient können, sind sie mit vier Mägen ausgestattet. Das Labkraut mit seinen quirlständigen Blättern hat vermutlich den Namen vom Lab-Magen der Kühe. Sie ernähren sich also von Gras, respektive von frischen oder getrockneten Wiesenpflanzen.
Der Speisezettel der Rinder sieht je nach Bauer unterschiedlich aus. Als ich klein war, bekamen sie zum Frühstück frisches Gras. Das heisst, da waren nicht nur fünf bis zehn Grasarten drin (Trespen-, Zitter-, Honigund Ruchgras, Glatt-, Flaum- und Goldhafer und verschiedene Raygräser usw.), sondern manchmal mehr als 30 Pflanzenarten von Mähwiesen wie Hornklee, Hufeisenklee, Löwenzahn, Bitterkraut, Flockenblumen, Leimkraut und auch Hahnenfuss. Im Winter gab es geschnetzelte «Dùùrlips» oder «Runggle» (Futterrübe) als Ergänzung. Mit den Jahren gab es auch Mehl, Pflanzensamen und Abfälle aus der Pflanzenöl-Gewinnung zu fressen.
Mehl wurde und wird aus Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, Reis und Hirse gewonnen und je nach Land und Zuchtziel verfüttert. Heute werden folgende Ölmühlenrückstände als Nahrung verwendet: Soja, Raps, Erdnuss und Sonnenblume. Was früher die Vielfalt der Wiesen und Weiden war, ist heute die Vielfalt des Angebots auf dem Weltmarkt mit kleinen Anteilen von regionaler Produktion. Was auffällt: Die Nahrung ist vielfältig geblieben, setzt sich aber ganz anders zusammen. Heute wird vielmehr auf einen Ausgleich zwischen Eiweiss und Kohlenhydraten geschaut. Man darf aber vermuten, dass beim aktuellen Futter viele Zusatz- und Bitterstoffe der einheimischen Wiesenpflanzen fehlen.
Es erstaunt mich sehr, aus wie vielen verschiedenen Pflanzenfamilien das Viehfutter stammt. Die Schmetterlingsblütler (Klee, Soja, Erdnuss) werden ergänzt durch Kreuzblütler (Raps), Körbchenblütler (Sonnenblume) und Süssgräser (Raufutter, Getreide, Mais, Hirse). Vermutlich haben die Doldenblütler mit Wildem Rüebli, Bärenklau und Kerbel, die Lippenblütler mit Thymian, Dost und Wilder Minze, die Orchideen mit den Knabenkräutern, die Enziangewächse und die Glockenblumengewächse stark an Bedeutung verloren. Ob die Gänsefussgewächse mit der Futterrübe oder Amaranth noch zum Zuge kommen, ist mir nicht bekannt.
Etwas erstaunt bin ich aber über eine Folge dieses Futterkonsums aus allen Herren Ländern. Die Überdüngung erstaunt mich nicht, aber die Auswirkung des Weltmarkts auf das Sprachverhalten unserer Kühe ist sensationell: Die Kühe diskutieren nicht über Früh-Englisch wie wir. Sie lernen es und wenden es täglich an. Haben Sie auch schon bemerkt, was auf den Milchtanklastwagen steht? Dort steht «Mooh». Ich habe das lange nicht verstanden, aber ein Bauer, der lange in Texas war, klärte mich auf: Das heisst auf Schweizerdeutsch «Muu-uuh», und da die Kühe alles gern haben, was von den Cowboys kommt, rufen sie heute «mooh» statt «muuh». Letzthin begegnete ich sogar einem schmucken Rind auf einer Weide und das rief mir «Hi-Hay» statt «Höi-Heu» zu!
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.

