Kaminfeger und erfolgreicher Schütze
13.05.2025 Bezirk LiestalUrs Flury ist seinem Beruf mehr als ein halbes Jahrhundert treu geblieben
Schon früh interessierte sich Urs Flury für den Beruf des Kaminfegers. Nach einer Schnupperlehre hat er sich damals bewusst dafür entschieden. Als Ausgleich betreibt er das sportliche Schiessen und ...
Urs Flury ist seinem Beruf mehr als ein halbes Jahrhundert treu geblieben
Schon früh interessierte sich Urs Flury für den Beruf des Kaminfegers. Nach einer Schnupperlehre hat er sich damals bewusst dafür entschieden. Als Ausgleich betreibt er das sportliche Schiessen und wurde Europameister.
Sander van Riemsdijk
Sie sind schwarz gekleidet, haben ein mit Russ verschmiertes Gesicht, tragen einen hohen Zylinder und klettern ausgerüstet mit einer Leiter und einem Besen über die Dächer. Das klassische Bild eines Kaminfegers ist zwar überholt, aber in der Vorstellung von vielen Menschen noch immer omnipräsent. Ebenso, dass der Kaminfeger ein Symbol für Glück und Wohlstand ist, ein Aberglaube, der bis ins Mittelalter zurückreicht. Früher bewahrte der Kaminfeger als Reiniger der Schornsteine die Menschen und damit deren Häuser vor gefährlichen Bränden. Und wurde so zum Glückssymbol.
Trotz moderner Technologien und damit einer veränderten Rolle hat der Kaminfeger nichts an seinem Status als Glücksbringer eingebüsst. Warum dieser Aberglaube in der Gesellschaft noch immer verankert ist, weiss der 67-jährige Kaminfegermeister Urs Flury aus Liestal nicht so recht: «Dieser Aberglaube ist in den Köpfen vieler Leute verankert. Sie denken: ‹Wenn der Kaminfeger kommt, kann es nicht brennen›.» Seine Anwesenheit wird von den Kunden als ein gutes Omen betrachtet. Es heisst dann: «Heute spiele ich Lotto» oder «Heute wünsche ich mir gute Gesundheit». In Grossbritannien ist es sogar Brauch, dass Bräute am Hochzeitstag einen Kaminfeger berühren, um eine glückliche Ehe zu haben. In Deutschland soll die Berührung eines Anzugsknopfs des Kaminfegers Glück versprechen.
Wandel der Zeit
Der Beruf des Kaminfegers hat sich mit der Klimaveränderung im Verlauf der Jahre stark gewandelt. Heute sind sie nicht nur für die Reinigung von Kaminen und Schornsteinen zuständig, sondern auch für die Überprüfung von Heizungsanlagen und die Beratung in Sachen Energieeffizienz. Wegen der Umweltverschmutzung gehört die Überprüfung von Schadstoffemissionen zu seiner wichtigsten Aufgabe. Der Kaminfeger reinigt und kontrolliert Abgas- und Feuerungsanlagen, Rauchableitungen und misst die Grenzwerte der Luftreinhaltung durch Abund Verbrennungsgase.
«Früher waren die Anlagen mit den Kohlen noch ziemlich einfach zu putzen», führt Flury aus. «Heute ist man mit den Gas- und Ölheizungen, auch wenn sie weniger werden, gefordert. Die Wartungstechnik ist kompliziert. Doch wir müssen mit der Zeit gehen.» Ganz ohne herkömmliche Arbeitsweise geht es aber nicht. Gelegentlich geht Flury, gut gesichert, mit Leiter und Besen auf die Dächer, um die Kamine zu putzen, insbesondere bei älteren Bauernhöfen.
Den Entscheid nie bereut
Der Beruf des Kaminfegers hat den in Nuglar Aufgewachsenen schon als jungen Mann fasziniert. «Ich fand es imponierend, wenn der Kaminfeger mit seinem hohen schwarzen Zylinder, schwarz im Gesicht – wie es früher ja war – mit der Leiter durch das Dorf lief und überall bei den Leuten in die Kamine abstieg. Und dabei Süssigkeiten an die Kinder verteilte.» Es war für ihn selbstredend, dass er für eine Schnupperlehre bei der Firma Juillerat in Nuglar anklopfte und anschliessend die dreijährige Lehre als Kaminfeger absolvierte. Nach fünf Gesellenjahren schloss er den Meisterfachkurs ab. Sein damaliger Oberstufenlehrer hatte wenig Verständnis für diese Berufswahl und sprach sogar bei seinen Eltern vor, sie sollten ihren Sohn doch auf andere Gedanken bringen. «Ich habe es durchgezogen und den Entscheid nie bereut», so Flury.
Flury hat nach 52 Jahren Arbeit das Pensionsalter überschritten und könnte ein langes Berufsleben hinter sich lassen. Trotzdem arbeitet der verheiratete Vater von zwei erwachsenen Kindern weiter, wenn auch in reduziertem Masse. Kann er etwa nicht gut still sitzen? «Ich wollte nicht von dem einen Tag auf den anderen aufhören, sondern langsam das Arbeitspensum zurückfahren.» Und er schiebt nach: «Ich bin immer noch motiviert und mache die Arbeit weiterhin mit Freude. Ich mache nur noch das, was mir Spass macht, grössere Aufträge habe ich bereits abgegeben.»
Er schaut mit Zuversicht in die Zukunft seiner Branche: «Wir leisten vermehrt einen grossen Beitrag zum Brand- und Umweltschutz.» Es sei die Vielseitigkeit der Arbeit, welche es für die technische Fachperson interessant und attraktiv mache. Der Kundenkontakt sei wichtig und setze kommunikative Fähigkeiten und Empathie voraus. «Das sind persönliche Eigenschaften, die man kaum lernen kann. Man muss sie mitbringen», sagt Flury. Was ihn hoffnungsvoll stimmt, ist, dass der Beruf des Kaminfegers keine Männerdomäne mehr ist. Etwa ein Drittel seien unterdessen Frauen.
Europameister als Schütze
Als Ausgleich zur Arbeit betreibt Flury seit vielen Jahren den Schiesssport. «Dieser hat mich schon als junger Bursche fasziniert», sagt er. Als er vor vielen Jahren an einen Schwarzpulver-Schiess-Anlass eingeladen wurde, war das alte Brauchtum eine Initialzündung für ihn: Der Vorderladerschütze Flury schoss nur noch mit der Büchse mit Bleigeschoss und tauschte am Abend nach Arbeitsschluss den Kaminbesen jeweils gegen den Vorderlader ein.
Dabei bewies er ausserordentliches Talent. Nachdem er 1982 in Nuglar einen Schwarzpulver-Schiessverein gegründet hatte, wurde er 2007 Europameister und drei Mal Zweiter an Weltmeisterschaften. Ebenfalls wurde er in verschiedenen Disziplinen Schweizer Meister. Als ihm der sportliche Aufwand mit den nationalen und internationalen Wettkämpfen zu gross wurde, zog er sich auf die Ebene des lokalen Schiesssports zurück.
Jeweils am Dienstagabend besucht Flury den Schiesssportverein «Rauschenbächlein» in Augst. Hier steht die Leistung nicht mehr im Vordergrund, sondern die Geselligkeit. «Doch es ist immer noch ein guter Ausgleich zur Arbeit», meint der Kaminfegermeister mit einem herzhaften Lachen.

