Mit einem Pfiff hat der Schiedsrichter eben die erste Halbzeit beendet. Der Fussballtrainer und sein Assistent verharren noch ein wenig auf der Bank und diskutieren das Gezeigte ihrer Schützlinge. Der ARD-Reporter kommentiert diese Szene mit dem Satz, dass sich die beiden «vor dem ...
Mit einem Pfiff hat der Schiedsrichter eben die erste Halbzeit beendet. Der Fussballtrainer und sein Assistent verharren noch ein wenig auf der Bank und diskutieren das Gezeigte ihrer Schützlinge. Der ARD-Reporter kommentiert diese Szene mit dem Satz, dass sich die beiden «vor dem Kabinengang» noch austauschen.
Vor dem «Kabinengang»? Das stimmt doch nicht. Sie sitzen doch ganz offensichtlich noch am Spielfeldrand. Erst später dämmert es dem Sprachpolizisten, dass der Kollege mit dieser Formulierung nicht den Weg, der zur Garderobe führt, gemeint hat, sondern das Bewegen der beiden dorthin. Analog zum Gang nach Canossa und zum «Gang vor die Hunde», wie Erich Kästner seinen berühmten Roman «Fabian» ursprünglich taufen wollte. «Gang» im Sinn von Flur oder Korridor ist ohnehin eher in der Schweiz gebräuchlich, sodass der Ausdruck in den Stammlanden des Senders weniger Verwirrung ausgelöst haben dürfte. Um Missverständnisse dieser Art zu vermeiden, wird dem Chefredaktor der «Volksstimme» empfohlen, immer nur einen ganz- und nie einen einseitigen Bericht in Auftrag zu geben.
Kurz verwirrt wurde die Sprachpolizei vor zwei Monaten auch von einer Legende zu einem Foto des Basler Stellwerks, das von den Stararchitekten Herzog und de Meuron entworfen worden ist. «Nicht postmodern, aber wegweisend», lautete die Bildunterschrift. Wegweisend? Was soll an diesem Bau denn so abstossend sein, der doch täglich von Architektur-Studentinnen und -Studenten aus aller Welt bestaunt und abgelichtet wird? Natürlich muss die erste Silbe lang und nicht kurz ausgesprochen werden, und schon verwandelt sich das Stellwerk vom optischen Missgriff zum architektonischen Bijou.
Für dieses Muster hält die deutsche Sprache zwei viel berühmtere Beispiele bereit. Das in Massen getrunkene Bier macht aus dem Genusstrinker plötzlich einen Alkoholiker, wenn die erste Silbe kurz statt lang ausgesprochen wird. Sogar lebensgefährlich wird es, wenn uns der Fahrlehrer auffordert, wir sollen «den Verkehrsteiler da vorne umfahren» und dabei versehentlich die erste Silbe statt der zweiten betont.
Jürg Gohl