Joseph Rattaggi, als «Tschingg» geliebt und akzeptiert
10.07.2026 BaselbietMarco Rattaggi (1873 – 1948) aus Mombello, gelegen am Ufer des Lago Maggiore, kommt ums Jahr 1890 zunächst im Baselbieter Dörfchen Kilchberg an. Aus der Heimat weggetrieben haben ihn wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit und die ungewisse Aussicht auf ein hoffentlich besseres ...
Marco Rattaggi (1873 – 1948) aus Mombello, gelegen am Ufer des Lago Maggiore, kommt ums Jahr 1890 zunächst im Baselbieter Dörfchen Kilchberg an. Aus der Heimat weggetrieben haben ihn wirtschaftliche Not, Arbeitslosigkeit und die ungewisse Aussicht auf ein hoffentlich besseres Leben in der Fremde. Er findet Arbeit als Mineur beim Bau des Eisenbahntunnels in Läufelfingen und später in der «Gipsi» in Trimbach. Er heiratet Marie Louise, die er in Frankreich kennengelernt hatte. Sie müssen heiraten, weil ein Kind unterwegs ist.
1900 kommt Joseph Rattaggi zur Welt. Er ist der Sohn von Marco, einem italienischen Einwanderer und einer Französin, die der Vater auf seiner Reise in die Schweiz kennengelernt hatte. Die Eheleute wohnen in einem Haus am Dorfeingang von Kilchberg und werden zehn Kinder bekommen. Der Vater macht sich selbstständig als Stuckaturen-Gipser. Viele Rathäuser und Kirchen in der Region tragen noch heute die Handschrift von ihm. Die Söhne müssen im väterlichen Betrieb mithelfen. Um 1935 bricht die Familie auseinander. Nur Max, Sepp, Huldi und Jeannette ziehen mit den Eltern nach Sissach, wo die Kinder zur Schule gehen.
Sepp, der «Tschingg», und Mina
Zurück aus dem Militärdienst in Italien lernt Sepp die vier Jahre jüngere Mina Hofer kennen und lieben. Sie ist die Tochter von Emil und Mina Hofer-Buser, einem Bauernpaar in ärmlichen Verhältnissen. Joseph, genannt «Sepp», ein Charmeur und guter Tänzer, erobert Minas Herz, doch es zeigt sich, dass die Familie Hofer nicht begeistert ist über die Liebschaft von Tochter und Schwester mit einem «Tschingg». Dank seiner gewinnenden und zupackenden Art und weil er ja Baselbieterdeutsch spricht, wird Sepp bald akzeptiert. Die Heirat findet 1929 statt. Der Ehe von Joseph und Mina entspringen neun Kinder, wobei deren zwei im Kindesalter (mit 2 und 10) sterben. Minas Brüder zeigen kein Interesse am elterlichen Bauernbetrieb. Deshalb übernimmt das junge Ehepaar Rattaggi-Hofer die Verantwortung.
Joseph «Sepp» Rattaggi, der Zweitletztgeborene mit Jahrgang 1943, erinnert sich an seine Mutter so: «Sie hatte einen lieblichen und freundlichen Ausdruck. Gleichzeitig aber schaute sie darauf, dass die neunköpfige Kinderschar auf die richtigen Geleise kam und da auch blieb.»
Der Kleinbauernbetrieb reichte zwar zur Selbstversorgung der Grossfamilie einigermassen aus, doch Vater Sepp musste daneben in der Giesserei und Armaturenfabrik J&R Gunzenhauser AG etwas dazuverdienen, um über die Runden zu kommen.
Für Sohn Sepp ist die Mutter «eine Helvetia als Frau, herzensgut und liebenswert, aber durchaus bestimmt». Sie war für Haus und Hof, Garten, Kinder und Finanzen zuständig. Das karge und oft und mühsame Leben habe den «Ätti» nicht davon abgehalten, zwischendurch seine Mandoline hervorzuholen, um sie zum Erklingen zu bringen; dazu habe er gesungen. Das Instrument zerbrach, als er eines Tages einem, der ihn im Restaurant «Schwyzerhüsli» (genannt «Stöpli») immer anzündete, dieses über den Schädel zog.
Trotz der harten Arbeitstage, welche die Mutter angesichts einer Grossfamilie mit Haus, Hof und Garten hatte, sei sie immer bereit gewesen, die Sorgen und Nöte der Kinder anzuhören und sie notfalls zu trösten, berichtet Sohn Joseph.
Hochachtung vor dem Vater
Auch wenn «Ätti» seine Kinder nie in den Arm nimmt, fühlen die Kinder, dass er sie liebt und stolz auf sie ist. Zum Beispiel, wenn man ihm Suppe im «Kesseli» in den Wald hinaufbringt, wenn er am Holzen ist. Oder wenn er lacht, singt oder scherzt. «Ich hatte immer eine Hochachtung und grossen Respekt vor meinem Vater. Es war nicht Angst, sondern man fürchtete, seine Liebe zu verlieren», sagt Sepp Rattaggi.
Der Vater ist ein starker Raucher. Mit dem Älterwerden blutet er immer wieder mehrere Tage aus der Nase. Am 6. November 1959 stirbt er in den Armen seiner Frau – im Alter von knapp 59 Jahren. Sowohl die verschmutzte Luft in der Giesserei wie das starke Rauchen dürften nicht spurlos an der Lunge vorbeigegangen sein.
Sepp Rattaggi erinnert sich an diese schwere Zeit: «‹Ätti› war eine Ikone für mich. Als ich als 15-Jähriger seinen plötzlichen Tod akzeptieren musste, war das ein schweres Kapitel in meinem Leben. Vaters Tod hinterliess eine riesige Lücke. Es war die Selbstständigkeit, die uns ‹Ätti› beigebracht hatte, die uns dabei half, die Familie über die Runden zu bringen.»
Die von Marco Rattaggi begründete Geschichte der Rattaggis in der Schweiz ist eine Vorzeige-Integrationsstory. Familien wie jene der Rattaggis haben dazu beigetragen, dass die Schweizer Bevölkerung frühe Einwanderer wie sie heute als wichtigen Teil der Gesellschaft anerkennt und wertschätzt.
Robert Bösiger

